Fair Trade und Gerechtigkeit

von Hannes Grassegger

Hungrige schwarze Kinder mit grossen Augen, eilige Geschäftsmänner in schwarzen Mänteln, Studenten, die vor einem Ministerium demonstrieren.
Gemütlich schlappen ein Paar Birkenstocks nahe der Zürcher Bahnhofstrasse zu einem geparkten schwarzen BMW 520. Im Kofferraum werden noch rasch die Max Havelaar Fair Trade Bananen verstaut.

Zur Sommersaison 2004 war die vom international renommierten Bernhard Willhelm entworfene, „sauber“ produzierte Kollektion der lateinamerikanischen Waisenmission „misericordia“ auf Laufstegen in Berlin, Paris und London1. Der 2004 in den USA zum Unternehmer des Jahres gewählte Dov Charney hat Sex-Skandale am Hals, schüttelt Präsident Bush die Hand und kassiert Millionen mit seiner angeblich
korrekt produzierten Sweat Shirt Kollektion.

Schätzungen prognostizieren allein für den von der FLO (Fair Trade Labelling Organisation) lizenzierten Bereich für das Jahr 2007 das Erreichen der Milliarden Dollar Umsatzgrenze. „Die Max Havelaar-Stiftung (Schweiz) konnte 2004 ihren Wachstumstrend fortsetzen. Der
Umsatz von Max Havelaar-zertifizierten Produkten in der Schweiz stieg auf CHF 210 Mio. Dies bedeutet ein Wachstum von 35% gegenüber dem Vorjahr.“2 Was ist denn da passiert? 35% Wachstum, eine Milliarde $? Weint die dritte Welt goldene Tränen? Wer hat da noch Mitleid? Verkauft sich „Gerechtigkeit“ so gut?

1. Einführung

Vorhaben dieser Arbeit ist es, einerseits Licht auf die verschiedenen Gerechtigkeitsbegriffe der Opponenten als auch der Befürworter von Fair Trade zu werfen, andererseits die Konsequenzen der jeweils zugrunde gelegten Gerechtigkeitsbegriffe zu betrachten. Intuition dabei ist, dass Gerechtigkeit, von Aristoteles als höchste Tugend gerühmt,
Fundament von Recht und Gesetz ist, da sich jedes soziale System als Legitimationsgrundlage auf einen bestimmten Gerechtigkeitsbegriff stützt und daraus die zur Erzielung der definierten Gerechtigkeit notwendigen Normen deduziert. So auch hier, wenn das Subsystem alternative Handelswirtschaft betrachtet wird. Zu klären gilt es, ob und wieweit der „gerechte“ Handel überhaupt einen Gerechtigkeitsbegriff definiert.


1 http://www.misionmisericordia.com/#
2 http://www.maxhavelaar.ch/de/medien_info/pressetexte.php?pressetext_id=33

Vorgehen in dieser Arbeit ist die Reflektion anhand des „liberalen“ Gerechtigkeitsbildes. Vorangestellt wird eine Begriffserläuterung des Fair Trade, sowie ein Abriss historischer Evolutionsetappen dieses Marktsegments, welcher dem Leser die Möglichkeit geben soll zu
erkennen, dass es notwendig ist, auch hier zu differenzieren zwischen verschiedenen Entwicklungsstufen und der jeweilig kurz angedeuteten Umsetzung der Zielvorstellung einer „gerechten“ Wirtschaft.

Schliesslich wird anhand eines Fallbeispieles die Produktion von gerechten Fussbällen dargestellt und im darauffolgenden Kapitel kurzerhand alles analysiert. Abschliessend wollen wir Schlussbemerkungen anzuknüpfen, welche das Ziel haben, kurz und prägnant aufzuführen, dass Liberalismus und Fair Trade keine Antagonismen sind.

2. Fair Trade – Gerechter Handel

Die am häufigsten zu findende Definition ist die der FINE Gruppe von Organisationen (Fairtrade Labelling Organizations International, International Fair Trade Association, Network of European Worldshops and European Fair Trade Association):

„Fair Trade ist eine Handelspartnerschaft, basierend auf Dialog, Transparenz und Respekt, welche nach grösserem Gleichgewicht im internationalen Handel sucht. Er trägt zu nachhaltiger Entwicklung bei, indem bessere Handelsbedingungen und die Sicherung der Rechte vernachlässigter Produzenten und Arbeiter geboten werden - vorallem derer im Süden. Fair Trade Organisationen sind (unterstützt von Konsumenten) aktiv daran beteiligt, Produzenten zu unterstützen, Bewusstsein zu fördern und Kampagnen zu führen, die auf Änderungen in den Regeln und Praktiken des konventionellen internationalen Handels abzielen“.3

Fair Trade kann als ein Versuch gesehen werden, Ethik im ökonomischen Austausch zu integrieren.4 Fair Trade kann aber auch als Versuch gesehen werden, einen Nischenmarkt zu besetzen: Konsumenten mit Präferenz für „fair“ fabrizierte Produkte. Stichwort hierbei ist der „ethische
Konsum“. „Nicht der Preis ist der einzige Faktor, der das Kaufverhalten beeinflusst, sondern auch ökologische und soziale Kriterien werden beachtet.“5

3. Die Geschichte des Fair Trade

3.1. Vom langen Marsch der Organisationen zur AG, vom Mitgefühl zur Branding Strategie

Die Wurzeln des Fair Trade lassen sich bis mindestens in die 1950er Jahre zurückverfolgen, wobei verschiedene geographische Ursprungspunkte zu erkennen sind. Einerseits Kontinentaleuropa (und hier vor allem die Niederlande), andererseits die USA. Während sich in den USA vor allem Mennonitische Glaubensgemeinschaften als Keimzelle erkennen lassen, ist es in Europa die Publikation eines handelskritischen Romans von Edward
Douwes Dekker mit dem Titel „ Max Havelaar“ im Jahre 1859.

3 FINE, 2001, http://www.eftafairtrade.org/definition.asp
4 http://www.frp.uk.com/dissemination_documents/R7285_-_NRET_Working_Paper_6.pdf
5 http://www.fluter.de/look/article.tpl?IdLanguage=5&IdPublication=2&NrIssue=42&NrSection=11&NrArticle=4403

Allgemein anerkannt ist die Aufteilung in mehrere Entwicklungsphasen6
• Goodwill Selling 1950 – 1970
• Solidarity Trade 1970 – späte 1980er
• Mutually Beneficial Trade 1990 -
Angefügt wird hier zusätzlich noch ein Ausblick, welcher aktuelle Tendenzen andeutet.

3.1.1. Goodwill Selling

Die ersten Initiativen starteten in den USA unter dem Begriff des „goodwill selling“, einer Form des Verkaufs von Waren durch NGOs, welche Produkte der mit ihnen im Ausland in Kontakt stehenden Kleinproduzenten auf heimischen Basaren etc. anboten.
In diese Zeit fällt auch die Gründung vieler sogenannter ATOs (Alternative Trade Organisations) wie Oxfam (1964, UK) und Fair Trade Organisatie (1967, Holland) sowie die Eröffnung des ersten „Worldshop“ (1959, UK). Unverkennbar ist hier der klassische Charitygedanke.

3.1.2. Solidarity Trade

Mit „Solidarity Trade“ bezeichnet man gewöhnlicherweise die zweite Phase der Entwicklung. Sinnvoller ist es vielleicht, sie die „christliche Juteflut“ zu nennen. Projekte wie das von der Caritas gegründete „Juteworks“, das ebenfalls christliche „Traidcraft“ oder auch MCC wurden in dieser Zeit ins Leben gerufen und konzentrierten sich auf den Import einfacher
Manufakturprodukte vorwiegend aus Jute nach Europa und in die USA.
Diese Unternehmungen waren grundsätzlich eher politisch-religiös als wirtschaftlich motiviert. Dementsprechend war ihre Zielgrösse nicht ökonomischer Erfolg, sondern vielmehr Aufmerksamkeit auf die Thematik sowie die Möglichkeit, alternative Handelsformen zu lenken.

Zu Beginn der 80er Jahre stagnierte der Absatz der Fair Trade Manufakturprodukte. Das Erlahmen wird sogar von der ILO auf den übermässigen Schutz der Produzenten vor den normalen Wettbewerbsbedingungen wie Preis- und Qualitätswettbewerb zurückgeführt. Die Strategie der Abschirmung vor dem Weltmarkt hatte sich eindeutig kontraproduktiv ausgewirkt.7

In dieser Phase wurde die Produktpalette erweitert. Anfang der 1980er kamen Tee und Kaffee aus „fairer“ Produktion, später dann Trockenfrüchte und Nüsse auf den Markt. Effekt war, dass die Frequenz der Einbindung des Konsumenten erhöht werden konnte. Dies äusserte sich auch in einer Zunahme der Vertriebskanäle. Um ausserhalb der Weltläden „Fair Trade“ Produkte für den Konsumenten erkennbar zu machen, wurde 1988 in Holland unter dem Label „Max Havelaar“ die Lizenzvergabe eingeführt.

6 siehe Tallontire, 2000
7 ILO “Creating Market Opportunities for Small Enterprises: Experiences of the Fair Trade Movement”, Geneva,
International Labour Office, 2002

Fair Trade betrat hiermit die Welt der Supermärkte und hatte somit einen direkteren Wettbewerb zu führen. Idee der Lizenzvergabe war aber auch, mehr Marktdruck an die Produzenten weiterzugeben, um diese zu Produktverbesserungen zu bewegen.

Dem Kaffee war ein unglaublicher Markterfolg beschieden, innerhalb kürzester Zeit wurden in vielen Westeuropäischen Ländern Quoten von 2-4 % Marktanteil erzielt, Nebeneffekt war, dass einerseits auf einen Schlag grosse Geldmengen verwaltet werden mussten, andererseits die Branche Abhängigkeit vom Kaffee entwickelte. Vollzeitstellen entstanden und das Geschäft hatte Schlagseite. Der Mainstream war erreicht. Leider in einem Markt mit hoher Volatilität.

3.1.3. Mutually Beneficial Partnerships

Ebenfalls erreicht war das letzte Jahrzehnt des 20 Jahrhunderts. Mit den Vollzeitstellen kamen die ersten Pleiten. McKinsey analysierte Oxfams Handelsbetrieb, dieser stellte später seinen Betrieb ein.8 Die durch den zunehmenden Druck alarmierten „Fair“ Trade Betriebe begannen, die
Asymmetrie in ihren Beziehungen zu den Produzenten zu realisieren. Bis dato hatten sie eine helfende Hand geboten, einen Service für die Produzenten, der oftmals unlukrativ war. Am Markt kann aber nur überleben, wer langfristig mehr einnimmt als ausgibt.
Den Vollzeitmitarbeitern wurde ihre eigene Stelle lieb und wichtig. Der Begriff der „ Mutual Benefits“ tauchte auf, Economies of Scale und Marketing wurden zu Begriffen für Menschen, denen Kapitalismus an sich mehr als nur suspekt war. Weiterhin verfolgt wurde die Strategie der Ausweitung der Produktpalette.
Kampagnen für ethisch korrekt produzierte Kleidung, wie die „clean clothes“-Kampagne begannen Mitte der 1990er. Ebenso begann man die unterschiedlichen Fair Trade Labels zusammenzuschliessen, um eine grössere Marktkraft und Transparenz zu schaffen.

3.1.4. Aktuelle Tendenzen

Trotz der „Fusionswelle“ der FLO (Fair Trade Labelling Organizations), trotz der beginnenden Umsetzung interner marktwirtschaftlicher Reformen, trotz der verstärkten Zusammenarbeit mit der EU, verschiedenen Regierungen und der Lobbyarbeit bei der WTO, gelang es dem Fair Trade Sektor nicht, weiterhin überall die Umsätze zu halten.
Vielleicht auch durch die zunehmende Integration, die Bekanntheit der Positionen, verlor Fair Trade seine Anziehungskraft bei der Jugend.
Die Rettung kam in Form einer lang anhaltenden Attacke auf die Welt der Werbung und der Marken, hierbei konzentrierte man sich auf den Bekleidungssektor.
Seit Anfang der 1990er waren die Stimmen lauter geworden, welche die Arbeitsbedingungen in der Industrie kritisierten; haftbar gemacht wurden die grossen Marken, prominent geworden war das 1999 erschienene Buch „No Logo“, ein Titel, der noch heute bei manchen Werbern schlimme Erinnerungen wach werden lässt. Ebenfalls gross wurde in dieser Zeit das amerikanisches Magazin „Adbusters“9, hervorgegangen aus einer desillusionierten Szene von Werbefachleuten, die in ihrer Freizeit Werbung manipulativ zerstörten oder modifizierten, sogenanntes „adbusting“.

Im Jahre 2003 präsentierte dieses nicht-kommerzielle Magazin sein erstes de-facto „Fair Trade“ Produkt, einen alternativen Turnschuh, welcher erfolgreich als Gegenprodukt zu Nike positioniert wurde.

8 www.frp.uk.com/dissemination_documents/ R7285_-_NRET_Working_Paper_6.pdf
9 www.adbusters.org

Seit 1997 hatte sich die in San Francisco ansässige Firma american apparel auf ein ähnliches kritisches Konsumentensegment eingestellt. Sie ist mittlerweile der grösste amerikanische Stoffproduzent überhaupt.10
„With the increasing interest of consumers in the social and environmental consequences of their purchasing decisions, the successful brands of the future are likely to be those that embrace corporate social leadership as a core component of their strategy...“11

3.2. Schlussfolgerungen

Fair Trade in seiner klassischen Form ist marginalisiert, der „ethische Markt“ ist aber entstanden und hatte sich zu einem Milliardengeschäft entwickelt. Das Ziel der Gründer ist erreicht worden. Schwächer geworden ist der strikt antikapitalistische Impetus. Wichtige Einflüsse der Fair Trade Bewegung stammen aus der kirchlichen Ecke, sowohl in den USA als auch in Europa (Oxfam, Menonniten, Caritas etc), sowie aus der Friedensbewegung, welche verstärkt egalitäre Gerechtigkeitsvorstellungen hochhielt. Interessant zu beobachten ist, wie Märkte Moden unterliegen, was sowohl Nachfrageseite als auch Fair Trade Anbieter betrifft. Aktuelle Tendenz ist ganz klar die Revitalisierung der
modischen Strahlkraft von „Gerechtigkeit“.12

Was aber passierte mit der Vision von gerechten Preisen, gerechten Arbeitsbedingungen und gerechtem Lohn? Ist das, was sich entwickelte, immer auch „gerecht“?

4. Gerechtigkeit

"There is no such thing as justice – in or out of court."13

Eine alte, allgemein akzeptierte Definition der Gerechtigkeit ist die des römischen Juristen Ulpian: „Gerechtigkeit ist der feste und dauerhafte Wille jedem sein Recht zuzuteilen.“14 Wie in der Einführung bereits angedeutet, versuchen wir hier nicht einen allgemein gültigen
Gerechtigkeitsbegriff zu definieren, sondern agieren in dem Wissen, dass „Gerechtigkeit“ Fundament jeder Verfassung ist, aus welcher wiederum Gesetzt erwachsen und somit „Gerechtigkeit“ immer auch Legitimationsgrundlage wird. „Gerechtigkeit“ als zu maximierende Zielgrösse allerdings unterscheidet vielleicht eben doch Vertreter des Fair Trade von den sonst in der Wirtschaft oft anzutreffenden sogenannten
Liberalen, deren zu maximierende Zielgrösse wiederholt die „Freiheit“ ist.

Unter den vielen Begriffen der Gerechtigkeit entspricht es unserer Verantwortung als Ökonomen zu akzeptieren, dass unser Gerechtigkeitsdiskurs sich um die Frage der „gerechten“ Allokation drehen sollte, wobei hiermit die Ergebnisse unserer Betrachtungen keinerlei Anspruch auf allgemeine moralische Geltung bezüglich einer Gesellschaftsordnung haben können. Der Ökonom analysiert grundsätzlich also die sogenannte „distributive Gerechtigkeit“, auch „zuteilende“ Gerechtigkeit genannt. Der Rest bleibt Laienschauspiel.

10 www.americanapparel.net
11 Hilton, Steve, 2003, “The Social Value of Brands“, in “Brands and Branding“ edited by Clifton/Simmons,
Economist Books
12 http://mia-collection.de
13 www.power-of-attorneys.com/ funny_lawyer_jokes.asp?type_ID=1 - 30k
14 aus Gablers Wirtschaftslexikon, 2000, 15. Auflage, Gabler Verlag, Wiesbaden

„Die Prinzipien der distributiven Gerechtigkeit sind normative Prinzipien, die entwickelt wurden, um knappe Güter zu allozieren. Die Prinzipien unterscheiden sich in verschiedenen Bereichen. Sie unterscheiden sich bezüglich der Güter, die Ziel der Verteilung sind (Einkommen, Wohlstand, Möglichkeiten, etc.), bezüglich der Natur der Zuteilungssubjekt(natürliche Personen, Gruppen von Personen, Referenzklassen, etc.) sowie auf welcher Basis die Güter zugeteilt werden sollten (Egalität, entsprechend persönlicher Charakteristika, aufgrund freier Markttransaktionen).“15
Gerechtigkeit im umgangssprachlichen Sinne wird oft mit Gleichheit assoziiert, was in der Philosophie als Egalitarismus bezeichnet wird. Egalitarismus kann z. B. eine materielle Ergebnisgleichheit, oder auch eine Gleichheit der materiellen Ausgangsposition für die
Individuen fordern.

4.1. Der liberale Gerechtigkeitsbegriff

Die liberale Philosophie entspringt vorwiegend dem Bürgertum. Sie gründet sich auf grossen Philosophen wie John Locke, welcher bereits vorwiegend die Themen von Eigentum, Sicherheit und Freiheit analysierte, die schottischen Moralphilosophen David Hume und
Adam Smith und eine grosse Reihe von Denkern, die sich bis in die Gegenwart zieht. Hegel definierte die Rolle des Staates als die eines Nachtwächters, Mill forderte Wahlrechte für Arbeiter, Malthus erkannte in der liberalen Philosophie eine Waffe gegen die Gefahr der Demokratisierung. Bastiat erkannte in seiner Harmonies économiques sogar das Wirken Gottes in der Herrschaft freier Marktregeln.
Hier liegen schon die Differenzen der zukünftigen Entwicklung.

Wenn so viele freie Männer an etwas arbeiten, kann es keine absolut einheitliche Linie geben, und so sind auch innerhalb der liberalen Strömung Unterschiede in den Gerechtigkeitsbegriffen zu finden, grundsätzliche Gemeinsamkeiten sind jedoch:
• Modell des Menschen als Nutze maximierendes Subjekt
• Anerkennung von Besitzrechten (z.B. am eigenen Körper, dem Produkt der Arbeit)
• Vertragsfreiheit und -sicherung (kontraktdualistische Sicht)
• Gleichheit des Individuums vor dem Gesetz
• methodologischer Individualismus (zu untersuchende Einheit ist das Individuum)

Auch wenn vielfach der Gedanke geäussert wird, den Liberalen seien Menschenrechte ein fremder Begriff, ist dies anfechtbar. So kann der Entwurf der Menschenrechte unter Mirabeau im revolutionären Frankreich Juli 1791 durchaus der liberalen Strömung angerechnet
werden.16 Allerdings muss bei der Betrachtung der liberalen Positionen eine weitere Trennung eingeführt werden. Wenn als Wurzeln des Liberalismus Kant und die Denker der französischen Revolution herhalten müssen, so wird hier vor allem eine spätere Form in Betracht gezogen:

15 Übersetzung des Verfassers nach:
http://plato.stanford.edu/entries/justice-distributive/
16 vgl. Fenske, Mertens, Reinhard, Rosen; 2003, “Geschichte der politischen Ideen“, Fischer Verlag S. 381

Der sogenannte Wirtschaftsliberalismus nach Say, Cobden, Bastiat, Ricardo und Malthus konzentriert sich stark auf die Debatte um die Effekte und Grundlagen einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Diese Denker wurden von Marx später als Klassiker bezeichnet, was wieder einmal den Verdacht weckt, dass die Namen, die man von seinen Gegnern erhält, am
längsten leben.17
Credo dieser Ökonomen war an ein sich immer einstellendes Gleichgewicht zu glauben, die Eingriffe des Staates zurückschrauben und die Freiheit des Individuums als Grundlage für das Funktionieren ihres Systems zu betrachten. Grundthese des Wirtschaftsliberalismus ist, das durch die Befreiung des Individuums, unter Einhaltung der oben genannten Rechte und Bedingungen, Marktkräfte ihr volles Potential
entfalten können, und somit der Wohlstand oder das Wohlergehen der Gesamtgesellschaft optimiert werden könne.
Prinzipiell vertritt Liberalismus nicht den egalitären Standpunkt, sondern nach Aristoteles Nikomachischer Ethik: justitia commutativa. Forderung hier ist Gleiches gleich, Ungleiches ungleich zu behandeln. Auch die Idee Platos, das suum cuique tribuere (jedem was ihm zusteht aufgrund seiner
Leistung), die Leistungsgerechtigkeit, ist ein liberaler Standpunkt. Dahinter steht die Auffassung, dass allein schon das Ziel der „Gleichheit“ zwischen Menschen per se ungerecht sei und Zwang impliziere, was dem liberalen Freiheitsideal konträr gegenüberstehe.

4.1.1. The Libertarians

Die libertäre Position kann als orthodoxe Lehre des klassischen Liberalismus verstanden werden. Ihre Verfechter sehen als zu maximierende Zielgrösse klar die Freiheit des Individuums, wobei die Begriffe Freiheit und Verfügungsgewalt (materielle Freiheit) getrennt
werden.18 Freiheit definiert sich als Abwesenheit von Zwang und vor allem staatlichen Zwanges. Politik an sich ist Umverteilung und impliziert damit staatlichen Zwang. Da staatlicher Zwang Verantwortung kollektiviert und Freiheit eingrenzt, ist sein Effekt Ungerechtigkeit. Nicht umsonst liegt die libertäre Position nahe einer anarchistischen; oft genannt wird hier der „Minarchismus“, die Vision eines Minimalstaates, welcher praktisch nur die Vertragsabwicklung durchsetzt. Gerechtigkeit hier liegt in der regelgerechten Vorgehensweise der Individuen im Markt.
Diese wird garantiert durch die Einhaltung der folgenden Grundsätze, welche häufig evolutionär und/oder genetisch begründet werden.
Respekt des Eigentums, Vertragseinhaltung und -freiheit, Respektierung der Wahrheit, Finders Keepers Prinzip (Wer zuerst etwas Verwertbares entdeckt, hat automatisch die Rechte daran). Dies kann als Wettbewerbsgerechtigkeit bezeichnet werden. Generell ist die Orientierung der Gerechtigkeit in die Vergangenheit orientiert, und somit
nicht an einem irgendwie gearteten zukünftigen Verteilungs- oder Gerechtigkeitsideal. Vorraussetzung für dieses strikte Bild ist allerdings eine intrinsisch motivierte, eine deontische Ethik, welche die Einhaltung der obengenannten Regeln durch das Individuum selbst dann garantiert, wenn das Individuum konkret verliert.19

17 vgl. Fenske, Mertens, Reinhard, Rosen; 2003, “Geschichte der politischen Ideen“, S. 389
18 vgl. Radnitzky, Gerard. 1996
19 vgl. Radnitzky, Gerard. 1996

Noch klarer als bei Radnitzky tritt bei Nozick die libertäre Idee der Gerechtigkeit zutage. Seine „Entitlement Theory“ (Theorie der berechtigten Ansprüche) definiert Gerechtigkeit in folgendem Dreischritt:

1. Eine Person, die Besitz in Übereinstimmung mit dem Prinzip der Gerechtigkeit der Aneignung erwirbt, hat berechtigten Anspruch auf den Besitz.

2. Eine Person, die Besitz in Übereinstimmung mit dem Prinzip der Gerechtigkeit des Transfers von jemand anderem, der berechtigten Anspruch auf diesen Besitz hat, erwirbt, hat berechtigten Anspruch auf den Besitz.

3. Niemand hat Anspruch auf Besitz ausser durch die Regeln 1 und 2.
Zitat: „The complete principle of distributive justice would say simply that a distribution is just if everyone is entitled to the holdings they possess under the distribution“20

Eigentumsrechte können allerdings nur solange erlangt werden als Sie nicht die Situation Anderer verschlechtern (Bedingung der Pareto Effizienz). Sind Eigentumsrechte erlangt, wird hiermit der Markt zum moralischen Imperativ.21 Hier muss verstanden werden, dass in der Theorie alles als Assets begriffen werden kann, somit materielles wie immaterielles Besitztum werden kann.

4.1.2. Rawls „Liberal Theory of Justice“

Die Antithese innerhalb der liberalen Theorie wurde 1971 von John Rawls verfasst. Sie beschäftigt sich mit den Gefahren, die von einer zu grossen materiellen Ungleichheit für die Freiheit des Individuums ausgehen können. Sie wird von strikt libertären Denkern abgelehnt, da sie die Grundvoraussetzung des Eigentums über persönliche Eigenschaften verletzt: Begabungen werden als social assets begriffen, als gesellschaftliches Eigentum, welches nach einem Gerechtigkeitsprinzip alloziert wird. Dies widerspricht dem libertären Gerechtigkeitsbegriff, dessen Grundlage ein strikterer Eigentumsanspruch ist.

Rawls formuliert die sogenannte Minimax Regel: Der Nutzen des am stärksten benachteiligten Mitglieds der Gesellschaft muss maximiert werden. Vor einem „Schleier der Ungewissheit“ über zukünftige Verteilungen stehend, argumentiert Rawls, wäre dies die einzige Regel, der rationale Individuen zustimmen könnten. Dazu formuliert er zwei Gesetze22:

1. Jede Person hat den selben Anspruch auf ein vollständig gleichwertiges Schema an identischen Grundrechten, welches vereinbar sein muss mit dem gleichen Schema für alle. Innerhalb dieses Schemas der selben politischen Freiheiten, und nur dieser, muss ihr gerechter Wert garantiert sein.

2. Soziale und ökonomische Unterschiede müssen zwei Bedingungen erfüllen:
(a) Sie müssen an Positionen und Stellen angeknüpft sein, welche unter der Bedingung gerechter Gleichheit für alle offen sind, und
(b) Sie müssen zum grösstmöglichen Vorteil des am stärksten benachteiligten Mitglieds der Gesellschaft sein.

20 Nozick, Robert, 1974
21 Kymlicka, Will, 1990
22 Rawls, John, 1993

Rawls sieht gegebene Ungleichheiten wie z. B. Begabungen als zur Disposition stehend an, welche je nach gesamtgesellschaftlichem Nutzen, eben seiner Minimax Regel, eingesetzt werden können, falls sie also die Situation des am schlechtesten Gestellten verbessern. Rawls Idee impliziert eine Reihe von Mechanismen, welche eine starke Staatsrolle bedingen und wird auch deswegen seitens vieler Liberaler abgelehnt.

4.1.3. Gerechtigkeit als Wohlfahrtsmaximierung - Utilitaristen

Die prinzipiell einfachste Theorie der Gerechtigkeit ist die von John Stuart Mills, welche danach trachtet, die soziale Wohlfahrt als Summe der Einzelnutzen zu maximieren.

4.1.4. Schlussfolgerungen

Schwächen der libertären Argumentation liegen auf der Hand:
Wie kann der historisch gewachsene, „ungerechte“ Besitz und seine Konsequenzen behandelt werden,
wie soll das rationale, nutzenmaximierende Individuum eine deontische Ethik
besitzen (Freerider Problem),
wie lassen sich materielle Zwänge in diesem Kontext behandeln (Problem der Verfügungsgewalt),
wie lässt sich Freiheit im hypothetischen Fall einer Gefährdung des Bürgers durch verarmte Mitbürger (Brasilien) erhalten?

Ausserdem kann angemerkt werden, dass wenn alles zu einem kaufbaren Gut wird, Freiheit Verfügungsgewalt entspricht.
Die Theorie wirkt in ihrer theoretischen Klarheit, ihrer Realitätsferne und ihrer Heilvision doktrinär und muss in ihrem zeitgeschichtlichen Kontext verstanden werden.

Schwierig an der Utilitaristischen Position ist das Problem der Erfassung der Präferenzen. An dieser Stelle mag auch noch K. Arrows Wahl Paradoxon angemerkt werden, welches darlegt, dass die Bestimmung einer optimalen Wohlfahrtsfunktion logische Vorrausetzungen nie
vollständig erfüllen kann.
Ein nicht zu unterschätzendes Argument hingegen ist das des libertären Ökonomen und Nobelpreisträgers F. A. Hayek. Er sprach vom Widerspruch des „moralischen Steins“, als er versuchte, das inhaltsleere „Wieselwort“ der „sozialen Gerechtigkeit“ zu enttarnen.
Nach Hayek kann das Ergebnis eines Marktvorganges de facto allein schon deswegen nicht unter dem Kriterium der Gerechtigkeit betrachtet werden, weil die Marktallokation eben kein geplanter, entscheidbarer und vorhersehbarer Vorgang ist. Gerechtes Handeln ist auf individueller Ebene möglich, der Markt aber ist eine Institution und fällt keine Entscheidungen, der Gerechtigkeitsbegriff ist somit inkommensurabel.
Marktresultate können zwar ungleich, jedoch nicht ungerecht sein.
Die Entscheidung aber über die Wirtschaftsform liegt ausserhalb des Marktes. Wirtschaftsordnung ist nicht Gesellschaftsordnung.

4.2. Der Gerechtigkeitsbegriff der Fair Trade Bewegung

4.2.1 Von den Nobelpreisträgern zur sozialen Gerechtigkeit der Aktivisten

Wenn Theorie und Praxis im Nahkampf stehen, gehen die Definitionen mitunter als erstes über Bord. Es existiert weder ein einheitlicher Gerechtigkeitsbegriff in der „Fairen“ Szene, noch lässt sich eine einzelne Begriffserläuterung finden. Zwar beziehen sich praktisch alle Organisationen und Akteure auf den Begriff der „sozialen Gerechtigkeit“, aber eine Erklärung dessen bieten sie, wohl auch des Konfliktpotentiales wegen, nicht. Lässt man nämlich die Finger von einer konkreten Klärung dieses Terminus, lassen sich Gemeinsamkeiten hineininterpretieren. Vielleicht ist dies die Funktion des Begriffes.
Gerechtigkeitsbegriffe lassen sich nur indirekt aus den Statuten und Prinzipien schliessen. Häufig anzutreffen sind grundsätzlich der Verzicht auf Kinder- und Zwangsarbeit, das Recht auf Gewerkschaftsbildung und einen sicheren Arbeitsplatz. Oftmals wird auch Übereinstimmung mit der UNO Menschenrechtscharta gefordert, kostendeckende Preise(antidumping), Einhaltung von Umweltschutzmassnahmen sowie eine
transparente Produktionskette, zusätzlich angereichert mit dem aus dem „safe trade“ (Umweltverträglichen Handel) kommenden Begriff der „nachhaltigen“ oder auch „intergenerationalen“ Gerechtigkeit.

„Proposed and practiced fair trade policies vary widely, ranging from the commonly adhered to prohibition of goods made using slave labour to minimum price support schemes such as those for coffee in the 1980s.“23

Standard- Setter für viele Fair Trade Betriebe und Organisationen ist die ILO (international labour organisation), deren Grundlage eben social justice bildet, mit dem Ziel Gleichheit und wirtschaftlichen Fortschritt zu verbinden. Geträumt wird hier der Traum, Marktwirtschaft mit Egalität zu verbinden.24
„Unser Ziel ist ein gerechter Welthandel. Das heißt, dass der Handel allen Menschen, vor
allem den Armen, nützt und Umweltschutz gewährleistet.“25
Diese Position erinnert eindeutig an die Minimax-Regel Rawls, wobei diese Aktionsgruppe
aller Weltläden die Marktlösung durch eine Demokratische ersetzt will.
Hintergrund ist die Sichtweise, dass aufgrund mangelnder Transparenz und durch Lobbyarbeit
keine wirkliche Marktlösung zu erkennen sei.
Ökonomisch betrachtet werden hier die Effekte ungleicher Vermögenspositionen kritisiert.
Auch Protektionismus für sogenannte infant industries wird gefordert; ebenso wird eine
steigende Nachfrage bei sinkenden Preisen (durch Zollsenkungen) qua Ressourcenverbrauch
als umweltschädigend angesehen.
„Sie [die Zollsenkungen] führen in die falsche Richtung, indem sie die Reichen reicher und
die Armen noch ärmer machen.26
23 http://en.wikipedia.org/wiki/Fair_trade
24 http://www.ilo.org/ilolex/cgilex/
pdconv.pl?host=status01&textbase=iloeng&document=2&chapter=26&query=%28%23docno%3D261998%
29+%40ref&hightlight=&querytype=bool&context=0
25 http://www.gerechtigkeit-jetzt.de/index.php?option=com_content&task=view&id=39&Itemid=61
26 http://www.gerechtigkeit-jetzt.de/index.php?option=com_content&task=view&id=60&Itemid=110)
Es lässt sich in diesem Fall klar die Negierung der Marktlogik der komparativen Vorteile als
auch der egalitäre Anspruch entdecken.
Andere Fair Trade Aktivisten weisen auf die negativen ökologischen und sozialen Folgen von
Industrialisierung und Globalisierung hin, sie kritisieren direkt free trade nach dem Motto:
„Der Wald war noch intakt bevor man ihn nach Japan verkaufen konnte oder der Preis für
Rindfleisch gestiegen ist.“
In solchen Fällen wird der Kapitalismus an sich komplett abgelehnt.
Ausserhalb dieser etwas altbackenen Logik etablierte sich in den letzten Jahren innerhalb der
Fair Trade Kreise die marktwirtschaftlichere Sichtweise des „Ethischen Konsums“:
Konsumverhalten unter Berücksichtigung ethischer Werte. Nicht der Preis ist der einzige
Faktor, der das Kaufverhalten beeinflusst, sondern auch ökologische und soziale Kriterien
werden hierbei beachtet. Webseiten wie http://www.responsibleshopper.org/ wurden lanciert,
um Konsumenten mit Präferenz für ethisch korrekte Produktionsbedingungen zu informieren.
Die Argumentation fügt sich nahtlos in ein neoklassisches Argumentationsmuster.
Die zweite neue Tendenz ist die der Forderung nach Abbau von „ungerechten“
Handelshemmnissen für Segmente wie den Agrarbereich. Hier wird die Argumentation der
WTO nach Abbau von Marktverzerrungen vehement unterstützt, mit dem Ziel,
Entwicklungsländern den Marktzugang durch Abbau von Zollbarrieren zu ermöglichen, was
auf Verhandlungsebene aufgrund des starken Einflusses reicher und mächtiger
Interessengruppen aus Erst-Weltnationen erschwert wird.
So bilden sich neue Fronten und neue Konstellationen. Free Trade Befürworter kämpfen teils
Seite an Seite mit Fair Trade Vertretern für die gleichen Ziele, die einen allerdings mit dem
Motiv der Effizienzsteigerung, die anderen mit dem Motiv der Umverteilung.
Konkret betrachtet ist es möglich, diese antiprotektionistischen Tendenzen als zwei Seiten
derselben Münze zu sehen.
Die dritte neue Strömung betont das Argument der Internalisierung von Externalitäten auf
sozialer wie ökologischer Ebene. Auch hier wurde dazugelernt, und auch hier befleissigte sich
die Bewegung des gerechten Handels klassischer ökonomischer Argumente.
Sogar die Weltbank argumentierte 2003, dass sich das Konzept der nachhaltigen Entwicklung
u. a. aufgrund des Internalisierungsansatzes bewähre.
Es ist einfach sich vorzustellen, dass die Produktion in einem Land mit schlechterer
Grundversorgung an öffentlichen Gütern vor anderen Internalisierungsproblemen stehen
kann.
4.2.2. Schlussfolgerungen
Es findet sich keine einheitliche Position der Fair Trade Bewegung bezüglich der
Gerechtigkeitsbegriffe. Oftmals werden prinzipiell konträre Prinzipien wie Minimax und
Egalität wild gemischt, das Spektrum an Forderungen reicht von der Ersetzung von
Marktlösungen durch Genossenschaftsentscheidungen über Minimax Vertreter hin zu Free
Trade Befürwortern, welche pure Gleichheit in den Rahmenbedingungen bezüglich
Handelsbarrieren fordern. Effekt dieses Positionswirrwarrs ist für den Konsumenten ein hohes
Mass an Intransparenz.
Allerdings lässt sich feststellen, dass mittlerweile sogar der Mainstream der Fair Trade
Vertreter ökonomische Argumente nicht nur benutzt, sondern auch verstanden hat, und somit
eventuell nach einer Konvergenz der Gerechtigkeitsbegriffe gefragt werden kann.
Ob dem so ist, wird sich nach der folgenden Fallstudie in einer Analyse zeigen.
5. Fallbeispiel: Fussballproduktion in Pakistan
5.1. Kinderarbeit?27
40 Millionen Fussbälle werden jährlich in der Region um die Stadt Sialkot produziert. Diese
Zahl entspricht schätzungsweise achtzig bis neunzig Prozent der gesamten Weltproduktion an
Fussbällen. 25'000 Menschen nähen diese Bälle in mühsamer Handarbeit zusammen.
Fünf- bis dreizehnjährige Kinder stellen hier die qualitativ besten Fussbälle der Welt her, mit
denen in sämtlichen Ligen der Welt, bei Grossanlässen wie Welt- und Europameisterschaften
und anderen internationalen Wettbewerben gekickt wird. Täglich nähen Hunderte von
Minderjährigen während 12 bis 14 Stunden unter katastrophalen Arbeitsbedingungen. Drei bis
vier Balle pro Tag schaffen sie, denn es braucht zwischen 690 und 750 Nadelstiche, um aus 32
fünf- bis sechseckigen Waben den allseits so begehrten Sportartikel herzustellen. Die Kinder
erhalten pro gefertigtem Ball 60 bis 80 Rappen, in Europa bezahlt der Kunde bis zu 150.-
Franken für einen Ball.
5.2. Exkurs: Das gepa Fair Handelshaus (Deutschland)28
Seit 30 Jahren steht das gepa Fair Handelshaus für einen sozial- und umweltverträglichen
Handel. Mit einem Jahresumsatz von fast 55 Millionen Franken ist es heute die größte Fair
Handelsorganisation Europas.
Die Produzenten sind Partner, aufgeteilt in über 150 Genossenschaften und
Vermarktungsorganisationen in Afrika, Asien und Lateinamerika. Von ihnen beziehen sie zu
fairen Preisen Lebensmittel, Handwerksartikel und Textilien.
Die dort hergestellten Produkte sind in ganz Deutschland in 800 Weltläden und bei 6000
Aktionsgruppen, aber auch in vielen Supermärkten, Bio- und Naturkostläden, Firmenkantinen
und Bildungsstätten erhältlich. Über einen Online-Shop können sie auch direkt bestellt
werden.
Der Faire Handel der gepa verbessert die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Menschen im
Süden im Sinne des UN-Programms Agenda 21 für wirtschaftliche, soziale und ökologische
Nachhaltigkeit.
Fairer Handel für die Produzenten:
• Langfristige und vertrauensvolle Zusammenarbeit schaffen. Dies ergibt Perspektiven für
die Handelspartner
• Preise, welche die Produktionskosten decken
• Sich an den wirklichen Lebenshaltungskosten orientieren
• Spielraum für Entwicklungs- und Gemeinschaftsaufgaben schaffen
• Auf Wunsch und bei Bedarf Vorfinanzierung der Ware und damit mehr
Planungssicherheit bei den Produzenten
und für den Kunden
• ein fairer Preis!
27 http://www.claroweltladen.ch
28 http://www.gepa.de
5.3. Umsetzungsmassnahmen und Ziele (am Beispiel gepa Fair Handelshaus)29
5.3.1. Zusammenarbeit mit Handelspartnern vor Ort
Inzwischen gibt es auch fair gehandelte Bälle aus Pakistan.
Fast alle namhaften Sportartikel-Weltmarken werden von Subunternehmen hergestellt.
Aufgrund von starkem internationalen Druck haben sich die kommerziellen Firmen in der so
genannten Atlanta-Vereinbarung fast alle verpflichtet, auf die Arbeit von Kindern und
Jugendlichen unter 14 Jahren zu verzichten.
Dies wird durch Handelspartner (Talon Sports) in Sialkot auf drei Ebenen kontrolliert:
• von der sozial engagierten Firma selbst
• von der IMAC (Independent Monitoring Association for Child Labour) als
Nachfolgeorganisation der internationalen Arbeitsorganisation ILO
• von der „Talon Fair Trade Workers Welfare Society“
Doch der Ansatz von gepa (in Zusammenarbeit mit dem Handelspartner Talon Sports) geht
noch weiter über das Verbot von Kinderarbeit hinaus. Die niedrigen Preise, die im
kommerziellen Handel für die Bälle bezahlt werden, gehen in erster Linie zu Lasten der
Ballnäherinnen und –näher. Ihnen fehlt der Zugang zu medizinischer Versorgung und zu
Schulbildung für ihre Kinder. Um eine Alternative zu den Bällen aller großen Hersteller zu
schaffen, bietet die gepa seit 1998 Fußbälle vom Familienunternehmen Talon Sports aus
Sialkot an. Die gepa zahlt für die fair gehandelten Bälle durchschnittlich 21 Prozent mehr als
der übliche Preis für Exportbälle. Je nach Qualitätsstufe werden pro Ball Prämien von bis zu
zwei US-Dollar gezahlt.
Über die Verwendung dieses gepa-Mehrpreises entscheidet das Direktorium der „Talon Fair
Trade Workers Welfare Society“. In dieser Vereinigung sind sowohl Ballnäherinnen und -
näher, Vertreter von lokalen Nicht-Regierungsorganisationen als auch Vertreter von Talon
Sports vertreten. Im Direktorium sitzen eine Ballnäherin, ein Ballnäher, drei Mitarbeiter von
Nicht-Regierungsoranisationen und als Berater der Geschäftsführer von Talon Sports. Sie
entscheiden gemeinsam, wie der gepa-Mehrpreis, der in einen eigenen Fonds fließt, eingesetzt
wird. Im Wesentlichen wird bislang in vier Bereiche investiert:
1. Lohnaufschlag
Für das Nähen von fair gehandelten Bällen erhalten die Näherinnen und Näher von
Talon Sports Löhne, die je nach Modell zwischen 20 und 60 Prozent über dem
durchschnittlichen Niveau liegen.
2. Darlehen
Etwa 280 Existenzgründer erhielten in Sialkot und Umgebung von der „Talon Fair
Trade Workers Welfare Society“ Darlehen - zwischen 10’000 und 50’000
pakistanischen Rupien pro Person (zwischen 150 und 750 Euro). So entstanden kleine
Läden, Teehäuser, Frisörgeschäfte, oder es wurden zum Beispiel Wasserpumpen
angeschafft. Fast alle Darlehen wurden bereits wieder zurückgezahlt.
29 http://www.oneworld.at
3. Gesundheit
In den Räumen der „Talon Fair Trade Workers Welfare Society“ in Sialkot wurde für
alle Talon-Mitarbeiter und deren Angehörige ein kleines Gesundheitszentrum
eingerichtet. Ein Arzt praktiziert dort am Vormittag, unterstützt von drei Fachkräften,
die den ganzen Tag über Patienten versorgen. Zudem können sich alle
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Talon Sports untersuchen und stationär
behandeln lassen. Im Jahr 2003 wurden allein insgesamt knapp 10’000 Behandlungen
durchgeführt. Dies ist eine außergewöhnliche soziale Leistung, da Saisonarbeitskräfte
wie Ballnäher und deren Familien üblicherweise in der Fußballindustrie nicht
medizinisch versorgt werden.
Die „Talon Fair Trade Workers Welfare Society“ trägt zudem mithilfe des Fonds dafür
Sorge, dass die Arbeitsbedingungen der Ballnäherinnen und -näher verbessert werden
und Räumlichkeiten beispielsweise besser belüftet und beleuchtet werden.
4. Schulbildung
In zwei Nähzentren wurde inzwischen je eine Vorschule für die drei- bis fünfjährigen
Kinder der Näherinnen und Näher eingerichtet. So können die Eltern sicher sein, dass
ihre Kinder während der Arbeitszeit gut betreut werden. Außerdem haben diese
Kinder eine bessere Ausgangsposition beim Schulbesuch und gehören hoffentlich
zukünftig nicht zu den vielen Analphabeten in diesem Land.
Talon Sports hat sich vertraglich verpflichtet, die gesamte Ballproduktion nach den
Kriterien des Fairen Handels umzustellen, sobald der Absatz aller Bälle über den
Fairen Handel möglich ist. Zurzeit kann Talon Sports nur einen sehr geringen Teil der
Bälle über den Fairen Handel absetzen, das heißt, nur für diesen Teil der Produktion
erhalten die Ballnäherinnen und -näher höhere Löhne und nur daraus können die
Sozialleistungen finanziert werden.
5.3.2. Die Produzenten
Talon Sports arbeitet insgesamt mit 1’500 Ballnäherinnen und -nähern, darunter 500 Frauen.
Bei Talon Sports werden die Aufträge der gepa bevorzugt an die Näherinnen vergeben. Die
Ballnäherinnen und -näher arbeiten entweder in Talon Sports eigenen Nähzentren oder in
unabhängigen Nähzentren, die Aufträge von Talon Sports erhalten.
Bezahlt wird nach Stücklohn , abhängig von der Qualität der gefertigten Bälle. In einem
Monat kann ein erfahrener Näher oder eine Näherin je nach Qualität zwischen 70 und 144
Bälle nähen. Bereits wenn zwei Erwachsene je etwa zwei Drittel ihrer Bälle zu fairen
Bedingungen herstellen könnten, wäre der Grundbedarf ihrer Familie gedeckt.
Talon Sports bot von Anfang an Frauen die Chance, durch ihre Arbeit zum gemeinsamen
Familieneinkommen beizutragen. Vor der Atlanta-Vereinbarung und der damit verbundenen
Umstellung auf große Nähzentren haben sehr viele Frauen Bälle zu Hause genäht. Da eine
Zusammenarbeit von Männern und Frauen in den gleichen Räumlichkeiten im islamisch
geprägten Pakistan aber nicht möglich ist, verloren viele Frauen zunächst ihre Arbeit. Talon
Sports arbeitet deshalb von Anfang an mit speziellen Frauen-Nähzentren zusammen. Andere
Firmen sind inzwischen diesem Beispiel gefolgt, so dass es zurzeit insgesamt 276 Frauen-
Nähzentren in der Region von Sialkot gibt. Dies ist besonders wichtig, da das Nähen von
Bällen für Frauen eine der wenigen Möglichkeiten ist, berufstätig zu sein.
5.3.3. Produktion und Vermarktung
Das Material für die Bälle wird in einer Fabrik von Talon Sports in Sialkot vorbereitet. Als
Obermaterial wird Polyurethan, PVC oder eine Verbindung aus beidem verwendet. Darunter
befinden sich mehrere Polyester- oder Baumwolllagen, die mit dem Obermaterial verklebt
werden. Danach werden die so entstandenen Matten während 12 Stunden in einer Kammer
bei ungefähr 70 Grad getrocknet und anschließend noch 48 Stunden bei Raumtemperatur
gelagert, bevor sie verarbeitet werden. Aus den Matten werden die einzelnen Waben
ausgestanzt, die einen Ball ergeben, und mit Nahtlöchern versehen. Für einen Fußball in der
Größe fünf (68,5 bis 69,5 Zentimeter Umfang) werden 12 kleine Fünfecke und 20 größere
Sechsecke benötigt, die jeweils eine Seitenlänge von fünf Zentimeter haben. Erst nach dem
Ausstanzen werden die Waben je nach Balldesign im Siebdruckverfahren bedruckt. Nun wird
das Fünfeck mit dem Ventilloch mit der vorgefertigten Blase inklusive Ventil verklebt.
Danach werden die für die Bälle benötigten Fünf- und Sechsecke in eine Plastiktüte verpackt
und in die Nähzentren geschickt. Dort werden die Bälle dann von Hand zusammengenäht. Ist
der Fußball fertig, wird er aufgepumpt und so zurück an die Zentrale von Talon Sports
geschickt. Dort findet die abschließende Qualitätskontrolle statt und schließlich werden die
Bälle für den Export fertig gemacht.
Die gute Qualität der Fußbälle entspricht den Anforderungen, welche die Fußballbegeisterten
an Bälle stellen. Sie zeichnen sich durch eine langlebige Blase im Inneren des Balles und die
Verwendung von robustem Synthetikmaterial aus. Um ein vielfältiges Sortiment zu bieten,
hat die gepa auch Bälle mit dem IMS-Siegel (International Matchball Standards) und dem
FIFA-Siegel im Angebot.
Die Vermarktung in Deutschland erfolgt seit Frühjahr 1998, damals speziell eingeführt zur
Fußball-Weltmeisterschaft. Bis Februar 2004 wurden von der gepa rund 239’000 Bälle bei
Talon Sports bestellt, davon für den Vertrieb in Deutschland circa 148’000 Stück, während
91’000 Bälle an europäischen Fair Handelsorganisationen und andere Kooperationspartner
wie Brot für die Welt gingen. Weitere Bälle wurden in den vergangenen Jahren von Talon
Sports nach Italien und Kanada verkauft.
Nach dem großen Anfangserfolg zur Fußball-Weltmeisterschaft 1998 ist die Zahl der in
Pakistan bestellten Bälle insgesamt jedoch leider stark rückläufig. Von ihrer Jahresproduktion
(rund zwei Millionen Bälle) geht nur noch ein Prozent an den Fairen Handel - 1998 waren es
noch vier Prozent. Um wieder mehr Bälle von Talon Sports abnehmen zu können, vermarktet
die gepa die Bälle erneut verstärkt zur Weltmeisterschaft 2006.
6. Analyse
Wie in der Einführung zum Gerechtigkeitsbegriff der Fair Trade Bewegung bereits
angedeutet, steht in der konkreten Umsetzung solch idealistisch motivierter Unternehmungen
nicht Profitstreben, noch theoriebasierte Ausführung eines definierten Gerechtigkeitsansatzes
im Vordergrund.
Praktische Überlegungen, wie vor Ort bestimmte Verbesserungen der Lebenssituation der
Arbeitnehmerschaft erreicht werden können, werden angegangen.
Ausgehend vom Grundmotiv der Gleichheitsüberlegung werden höhere Löhne angestrebt,
wobei die Allokation der Gewinne durch ein (bemüht repräsentatives) Gremium
vorgenommen wird. Allein an der Besetzung dieses „Direktoriums“, welches nicht gewählt
wird, lässt sich schon erkennen, dass ein planwirtschaftlicher Gedanke nicht fern liegt.
Allerdings muss erwähnt werden, dass viele grosse Unternehmen, die voll im Markt stehen,
ebensolche Ansätze vertreten.
Ergebnis dieser nicht marktorientierten Art der Verwendung der Residualgewinne ist leider
auch ein Marginalisierungseffekt im Marktsegment. Es wäre ein Leichtes hier zu
argumentieren, dass bei etwas verstärkter Konzentration auf Marketing oder Design eventuell
höhere Marktanteile und somit auch eine stärkere Erfolgswirkung des Projektes möglich
scheinen.
Bemerkenswert ist, dass das Unternehmen Darlehen an Einheimische vergibt, was
verdeutlicht, dass es hier eben auch nicht um Bälle geht, sondern um Hilfsarbeit.
Ein schwerer Eingriff in die traditionelle Rollen- und Arbeitsteilung ist die
Frauenbevorzugung durch Ungleichbehandlung von Mann und Frau. Ziel hierbei ist die aus
europäischer Sicht vorhandene Unterdrückung der Frau durch die Abhängigkeit vom Lohn
des Mannes zu mindern. Auch wenn dahinter makropolitisch sinnvolle Überlegungen wie
Reduktion der Geburtenziffer, Ausbildungschancen, etc. stehen, kann dieser Weg nicht nur
Befürworter finden.
Fair Trade kann ungerecht sein!
Hinter dieser Aussage steht die Vorstellung, dass durch die Auszahlung nicht marktgerechter,
überhöhter Löhne falsche Anreize innerhalb einer Ökonomie entstünden, werde zur Erhaltung
ineffizienter Wirtschaftszweige und somit zu einer suboptimalen Kapitalallokation führen.
Dieses Vorgehen ist fundamental antikapitalistisch, da es die Signalfunktion der Preise für
Anbieter konterkariert, somit effiziente Allokation von Kapital also Wohlfahrtssteigerung
verhindert. Damit könnte es als ungerecht betrachtet werden.
Ebenso schwierig erscheint die vor Ort verursachte Diskriminierung durch Fair Trade und
Normal Arbeitsplätze. Der konkrete Effekt ist eine „Fair Trade Upperclass“ und ein damit
einhergehender Verteilungswettbewerb. Hier wird ein antiegalitärer Effekt erzeugt.
Es zeigt sich schon bei oberflächlicher Betrachtung, dass die Folgen solch inkohärenter Ideen
also gemischt sind.
7. Schlussfolgerungen
„What is the market? It is the law of the jungle, the law of nature. And what is civilization? It
is the struggle against nature.“30
„Wirres über die Marktwirtschaft“ titelte einst die Neue Zürcher Zeitung über ein Buch des
HSG Professors Peter Ulrich, welcher die strikte Trennung der Begriffe Wirtschaftsordnung
(kann nicht „gerecht“ sein) und Gesellschaftsordnung (Gerechtigkeit möglich) vehement
vertritt.31
Vor eben jener Verwirrung steht man, betrachtet man das weite Feld der Positionen.
De facto existieren in einer pluralistischen Weltgesellschaft mehrere Gerechtigkeitsbegriffe,
welche sich dazu noch auf verschiedene Analyseobjekte beziehen und oft verwechselt
werden.
Von der abstossenden Selbstbeweihräucherung auf sumpfigem Grunde:
„Global Exchange is a membership-based international human rights organization dedicated
to promoting social, economic and environmental justice around the world.“32
über Peter Singers liberale Kritik konventionellen Handels33, welcher an der Legitimität des
Handels mit Partnern, die auf nicht-legitime Art und Weise Besitzansprüche erhalten haben,
zweifelt und zu Hayeks gewichtigem Argument des „Wieselworts“ der sozialen Gerechtigkeit
kann man festhalten, dass eine vereinende Position schwer zu finden ist.
30 Balladur, Edouard, 1993, früherer französischer Premierminister, 31.12.1993, Financial Times
31 Ulrich, Peter, 2001, “Integrative Wirtschaftsethik. Grundlagen einer lebensdienlichen Ökonomie“ (Verlag
Haupt, 3. rev. Aufl., S. 235 ff.)
32 http://www.globalexchange.org/about/
33 http://www.utilitarian.net/singer/about/20040907.htm
Auf eine Forderung zumindest liesse es sich wahrscheinlich doch bringen, eben jene der
gleichberechtigten Liberalisierung des Handels, ein politischer Begriff im ökonomischen
Bereich: Die Befreiung von Handelshemmnissen.
Interessant erscheint auch die Perspektive der "ethical business" Vertreter. Fair Trade als
direkte Umsetzung des liberalen Freiheitsbegriffs:
Entpolitisierung der Umverteilung durch Handel mit „Moralgütern“, welche verschiedene
ethische Ansprüche bedienen. Hier entscheiden die Präferenzen des Konsumenten über die
Verteilungswirkung des von ihm bezogenen Gutes.
In der Erkenntnis der teilweisen Konvergenz von Wirtschaftsordnung und
Gesellschaftsordnung wird hierbei die Kaufentscheidung als verantwortungsvoller Wahlakt
verstanden. Der „politische“ Kauf.
Folgt man Alan Hamlins34 durch die Weltbank unterfütterten These, dass durch das Ziel der
Nachhaltigkeit ethisch anspruchsvoller Betriebe eventuell langfristigeres Wachstum im
Marktumfeld zunehmend kurzfristiger agierender Unternehmen erzielt werden kann, (bei
recht geringem Trade off zwischen moralischem Anspruch und Gewinn) und anerkennt man
die von Joseph Stiglitz35 betonte Wichtigkeit lokaler Ansätze in bestimmten Sektoren und an
spezifischen Orten, so könnte man behaupten, dass im Fair Trade Bereich vereinzelt eben jene
„bottom up“ Ansätze36 zu finden sind, welche sich positiv auf das BIP Wachstum eines
Landes auswirken, weil Sie lukrativ funktionieren und positive Spill Overs erzeugen. Adam
Smiths Vision winkt im Hintergrund. Anreiz zur Synthese.
„Good Business“ als gutes Geschäft.
Eine letzte These stellt das Entstehen von Rechten durch Vertragsbeziehungen dar.
Hierbei argumentieren wir, dass aus liberaler Perspektive durch die zunehmende ökonomische
Verflechtung von Nationen und Kulturen (Globalisierung) implizit ein gemeinsamer
Rechtsraum, zumindest auf Basis einer gemeinsamen Wirtschaftsordnung folgen muss.
Ein vergleichbarer Vorgang kann im Entstehen des EWR zu sehen sein. Hierbei wäre die Fair
Trade Forderung nach mehr „Gerechtigkeit“ verstehbar als Forderung auf gegenseitige
Einhaltung der liberalen Grundregeln bezüglich der Eigentums- und Vertragsrechte.
Fair Trade also als liberale Forderung nach Gerechtigkeit.
34 Hamlin, Alan, 2003, in “Institutions and Morality: An Economist's Appraisal“, in “Making Globalization
Good“ edited by Dunning, John, Oxford University Press
35 Stiglitz, Joseph, 2003, “Towards a new Paradigm of Development“, in “Making Globalization Good“ edited
by Dunning, John, Oxford University Press
36 u. a. Küng, Hans, 2003, “An Ethical Framework for the Global Market Economy“ in “Making Globalization
Good“ edited by Dunning, John, Oxford University Press
8. Literaturliste
1 http://www.misionmisericordia.com/#
2 http://www.maxhavelaar.ch/de/medien_info/pressetexte.php?pressetext_id=33
3 FINE, 2001, http://www.eftafairtrade.org/definition.asp
4 http://www.frp.uk.com/dissemination_documents/R7285_-
_NRET_Working_Paper_6.pdf
5 http://www.fluter.de/look/article.tpl?IdLanguage=5&IdPublication=2&NrIssue=42&Nr
Section=11&NrArticle=4403
6 TALLONTIRE, Anne. 2000. “Partnerships in Fair Trade: reflections for a case study of
Café Direct” in Development in Practice 10(2): 166-177
7 ILO “Creating Market Opportunities for Small Enterprises: Experiences of the Fair
Trade Movement”, Geneva, International Labour Office, 2002
8 www.frp.uk.com/dissemination_documents/ R7285_-_NRET_Working_Paper_6.pdf
9 www.adbusters.org
10 www.americanapparel.net
11 Hilton, Steve, 2003, “The Social Value of Brands“, in “Brands and Branding“ edited by
Clifton/Simmons, Economist Books, London S.61
12 http://mia-collection.de
13 www.power-of-attorneys.com/ funny_lawyer_jokes.asp?type_ID=1 - 30k
14 aus Gablers Wirtschaftslexikon, 2000, 15. Auflage, Gabler Verlag, Wiesbaden
15 Übersetzung des Verfassers nach: http://plato.stanford.edu/entries/justice-distributive/
16 vgl. Fenske, Mertens, Reinhard, Rosen; 2003, “Geschichte der politischen Ideen“,
Fischer Verlag S. 381
17 vgl. Fenske, Mertens, Reinhard, Rosen; 2003, “Geschichte der politischen Ideen“,
S. 389
18 vgl. Radnitzky, Gerard. 1996. “Mehr Gerechtigkeit für die Freiheit; eine Analyse der
beiden Grundbegriffe der politischen Theorie,“ Ordo Bd. 47, S. 149-168.
19 vgl. Radnitzky, Gerard. 1996. “Mehr Gerechtigkeit für die Freiheit; eine Analyse der
beiden Grundbegriffe der politischen Theorie,“ Ordo Bd. 47, S. 149-168.
20 Nozick, Robert, 1974, “Anarchy, State, and Utopia “, New York, Basic Books, S. 149-
182.
21 Kymlicka, Will (1990, 1996), “Politische Philosophie heute. Eine Einführung“,
Frankfurt: Campus 1996, 98ff.
22 Rawls, John, 1971, “A Theory of Justice”, Harvard University Press, S. 5-6.
23 http://en.wikipedia.org/wiki/Fair_trade
24 http://www.ilo.org/ilolex/cgilex/
pdconv.pl?host=status01&textbase=iloeng&document=2&chapter=26&query=%28
%23docno%3D261998%29+%40ref&hightlight=&querytype=bool&context=0
25 http://www.gerechtigkeitjetzt.
de/index.php?option=com_content&task=view&id=39&Itemid=61
26 http://www.gerechtigkeitjetzt.
de/index.php?option=com_content&task=view&id=60&Itemid=110
27 http://www.claroweltladen.ch
28 http://www.gepa.de
29 http://www.oneworld.at
30 Balladur, Edouard, 1993, früherer französischer Premierminister, 31.12.1993, Financial
Times
31 Ulrich, Peter, 2001, “Integrative Wirtschaftsethik. Grundlagen einer lebensdienlichen
Ökonomie“; Verlag Haupt, 3. rev. Aufl., S. 235 ff.
32 http://www.globalexchange.org/about
33 http://www.utilitarian.net/singer/about/20040907.htm
34 nach Hamlin, Alan, 2003, in “Institutions and Morality: An Economist's Appraisal“, in
“Making Globalization Good“ edited by Dunning, John, Oxford University Press
35 nach Stiglitz, Joseph, 2003, “Towards a new Paradigm of Development“, in “Making
Globalization Good“ edited by Dunning, John, Oxford University Press
36 nach u. a. Küng, Hans, 2003, “An Ethical Framework for the Global Market Economy“
in “Making Globalization Good“ edited by Dunning, John, Oxford University Press

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