Multinationale Unternehmen zwischen 1900 und 1960

von Hannes Grassegger


1. Einführung und Begriffserläuterung

In dieser Arbeit wird versucht, die Entwicklung Multinationaler Unternehmen im Zeitverlauf zwischen 1900 und 1960 zu skizzieren.
In einer von vielen Kriegen und politischen Veränderungen geprägten Epoche wie dem Zeitraum von 1900 bis 1960 stellte sich für viele Unternehmen, und hier vor allem die Multinationalen, wiederholt die Frage wie ihre Beziehung zum Staat gestaltet werden soll.
Ziel dieser Arbeit ist es zu zeigen, wie stark politische Rahmenbedingungen Einfluss nahmen auf die Evolution der Strategie der Unternehmung sich zu internationalisieren. Unternehmen versuchen dabei nach Ansicht des Autors aus der risikobehafteten Abhängigkeit von Staat und Politik zu entrinnen.
Vorgehensweise im Folgenden ist die Reflektion historischer Tendenzen und Ereignisse der Beziehungen zwischen Multinationalen Unternehmen und dem Staat.

Multinationale Unternehmen ( fortan als MNUs bezeichnet ) werden hier im Sinne Mira Wilkins 1 als Unternehmen bezeichnet, welche ihre Aktivitäten über Staatsgrenzen hinweg ausdehnen, um Geschäfte ausserhalb ihres Entstehungslandes zu tätigen.
Diese Definition umschliesst Kapitalgesellschaften als auch andere Rechtsformen.
Im Jahre 2003 von John Browne, dem CEO ( Chief Executive Officer ) von BP, als primäre Agenten der Globalisierung bezeichnet, spielten diese bereits vor dem Ersten Weltkrieg ein entscheidende Rolle in Staat und Politik.2
Thomas Jefferson warnte bereits 1816 vor der Ausbreitung des Einflusses von Unternehmen auf den Staat:
“I hope that we shall crush in its birth the aristocracy of our monied
corporations, which dare already to challenge our government to a trial of
strength, and bid defiance to the laws of our country.” 3

Bekannte Soziologen wie Harland Prechel 4betrachten das Unternehmen als Kollektiv sozialer Akteure, das im Verhältnis zum Staat eine interdependente Beziehung hat, indem es aktiven Einfluss auf rechtliche Regelungen nimmt, welche im Land seiner Aktivität wiederum die legalen Rahmenbedingungen setzen.


1 M. Wilkins, „Multinational Enterprise to 1930“ in „Leviathans“, Cambridge 2005, S. 45
2 M. Gabel and H. Bruner, “Global Inc – An Atlas of the Multinational Corporation”, New York 2003, S. VII
3 T. Jefferson, „Letter to Logan“ in „Thomas Jefferson on Democracy“, Washington 1953, S. 138
4 H. Prechel, „ Big Business and the State“, New York 2000, S. 6

Historisch zeigt sich, dass es Phasen gab, in denen die MNU entweder Zusammenarbeit oder aber Abstand zum Staat suchen.
So dominiert in den Vereinigten Staaten vor dem Ersten Weltkrieg eine unabhängige Unternehmerschaft, die tendenziell Abstand zum Staatsapparat sucht, während ab dem Ersten Weltkrieg eine Kollusionstendenz zu erkennen ist, welche nach dem Zweiten Weltkrieg zu enden scheint, als Unternehmen verstärkt multilaterale Vertragswerke wie das GATT als Ausweg aus der Abhängigkeit nationalstaatlicher Politik zu betrachten begannen.

Als Gründe für die Internationalisierung von Unternehmen finden sich in der Literatur verschiedene Erklärungsansätze. So die Theorie des monopolistischen Vorteils, die auf der Idee des Exports einer Monopolstellung basiert; die Theorie des internationalen Produktlebenszyklus, welche davon ausgeht das Unternehmen Produkte deren Zenit im Heimatland überschritten ist im nächsten Land neu auflegen; die Theorie des oligopolistischen Parallelverhaltens, welche erklärt das konkurrierende Unternehmen miteinander bezüglich Expansionsstrategien gleichziehen müssen; die Theorie der Internalisierung ( basiert auf dem Transaktionskostenansatz ), sowie Dunnings Eklektischer Ansatz, welcher versucht eine vereinende These aufzustellen.5 Häufig angeführt werden ebenso Economies of Scale and Scope, aber auch der persönliche Nutzengewinn für Führungskräfte, aus erweiterten Machtbefugnissen und immer grösseren, durch die Eigentümer nur schwer kontrollierbaren Betrieben.

Die zu Beginn aufgestellte These der Risikominimierung als Grund zur Internationalisierung von Unternehmen, wobei der Schwerpunkt in dieser Arbeit das politische Risiko sein soll, ergänzt das Spektrum an Erklärungsansätzen.

Anerkanntermassen kann der Staat als wichtiger Stakeholder der MNU betrachtet werden, 6 da nicht nur seine Gesetzgebung, sondern auch seine Aussenpolitik erheblichen Einfluss auf den Unternehmensgewinn und damit auch ihren Wert haben. Folglich versucht ein gewinnmaximierendes Unternehmen das Risiko einer solchen Situation zu minimieren.



5 Gablers Wirtschaftslexikon, Wiesbaden 2000
6 Gablers Wirtschaftslexikon, Wiesbaden 2000

Auch aus der Perspektive der Unternehmenstheorie scheint es sinnvoll, das Zusammenwirken von Staat und Wirtschaft näher zu beleuchten. Das Unternehmen wird hier nach Alchian und Demsetz als „Nexus von Verträgen“ betrachtet, wobei Verträge durch das Gesetz und seine Regelungen beschränkt werden. 7

1. 1 Vorgeschichte und wichtige Hintergrundinformationen

Der hier ausgewählte zeitliche Rahmen beinhaltet Höhepunkt und Ende der sogenannten ersten Globalisierung 9, die zwei grössten militärischen Konflikte der Menschheitsgeschichte, den wirtschaftlichen und politischen Aufstieg der USA, das Ende des britischen Imperiums als vorherrschender Wirtschaftsmacht, Höhepunkt und Ende des Kolonialzeitalters sowie die grösste Wirtschaftskrise der neueren Geschichte.
Vorangegangen war der Wende zum ereignisreichen zwanzigsten Jahrhundert eine längere Periode des relativen Friedens, in welcher sich zumindest in „zwei Handvoll“ 10 Nationen die Industrialisierung so schnell entwickelt hatte, das trotz einer immer noch agrarisch geprägten Welt, der Anteil der „wertschöpfend eingesetzten Arbeitskräfte“ 11 in der Industrie den des Agrarsektors übertraf.

1. 2 Technische Entwicklung als Grundlage der MNU

Die im späten 19 Jahrhundert beginnende „Zweite Industrielle Revolution“ veränderte die Bereiche der Telekommunikation und des Transportwesens grundlegend, und schuf aufgrund sinkender realer Transport- und Transaktionskosten und steigender Kapazitäten ungeahnte Möglichkeiten für die MNU zur Expansion. Neue Technologien in der Chemiebranche, die Einführung der Telefonie, die Entwicklung von Elektromotoren und Rationalisierungsprozesse wie Fliessbandarbeit in Verbindung mit Managementpraktiken wie dem Scientific Management dienten als Grundlage für die Erschliessung neuer Märkte. So arbeiteten in den folgenden Jahren westeuropäische und amerikanische MNU im Bereich der Elektrifizierung beinahe weltweit.

7 A. Alchian and H. Demsetz, , “Production, Information Costs, and Economic Organization.”, in American Economic Review, 62(5), Pittsburgh 1972, S. 777-95,
8 Gablers Wirtschaftslexikon, Wiesbaden 2000
9 M. Müller, „Globalisierung gestern und heute“, in Magazin Unizürich 4/ 01, Zürich 2001, S. 8
10 M. Wilkins „Multinational Enterprise to 1930“ in „Leviathans“, Cambridge 2005, S. 70
11 M. Wilkins „Multinational Enterprise to 1930“ in „Leviathans“, Cambridge 2005, S.70
Am Beispiel der United Fruit Company zeigte sich wie frühe „Modern Corporations“ teils mittels vertikaler Integration geschickt die Potenziale aus der Kombination der neuen Entwicklungen zu schöpfen verstanden.
Das Dampfschiff ermöglichte für Sie den Transport von Früchten über grosse Distanzen in relativ kurzer Zeit, was neue Märkte eröffnete. Die UFC betrieb unter Anderem sogar eine eigene Eisenbahnlinie. 13
Durch das Dampfschiff entstand auch die Möglichkeit im grossen Stil Arbeitskräfte zu realoziieren, was den internationalen Arbeitsmarkt in einmaliger Weise flexibilisierte. Oftmals war der Personenverkehr, bei ca. 60 Millionen europäischen Auswanderern zwischen 1850 und 1939 12, sogar die Haupteinnahmequelle der MNU im Dampfschiff und Transportbereich.
Die Zweite Industrielle Revolution erzeugte einen immensen Anstieg der Nachfrage nach Rohstoffen wie Eisenerz, Kohle, Kupfer ( Telefonkabel und Telegraphenverbindungen ), welcher wiederum von anderen MNU gedeckt wurde.
Es begann ein sich wechselseitig selbstverstärkender Prozess der industriellen Vernetzung der Wirtschaft, welcher ab der Mitte des 19. Jahrhunderts beinahe ungebrochen bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges anhielt, und in der Forschung allgemein als die „Erste Globalisierung“ bezeichnet wird.14

1. 3 Staat und Politik als zweiter Faktor

Politische Grundlage dieses Prozesses war eine liberale Wirtschaftsordnung, welche der Arbeitskräfte- und Kapitalmobilität kaum Grenzen setzte 15.
Die neu entstehenden Nationalstaaten verringerten die Anzahl bestehender Grenzen und erschlossen auf Basis meist bilateraler Verträge eine Grundlage für zunehmendes Wirtschaftswachstum, wobei die ökonomische Integration nach allgemeiner Sicht vor allem auf die westliche Welt beschränkt blieb. Auch rechtliche Grundlagen zur Gründung grosser, kapitalträchtiger und riskanter Unternehmen wurden im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts geschaffen, als zuerst 1856 in England die “Limited liability company” kreiert wurde, womit Frankreich und Deutschland innerhalb der nächsten Jahre rasch folgten.

12 Various Authors, „Schools Brief - One World?“, in The Economist, London 1997, S. 6
13 M. Lindner, „Projecting Capitalism“, Westport 1974, S. 71
14 P. Hirst and G. Thompson „Globalization in Question. The International Economy and the Possibilities of Governance“, Cambridge 1997, S. 143
15 Schools Brief „One World?“, Magazin The Economist, London 1997, S. 4
Ab 1890 war eine sinkende Arbeitskräftemobilität und ein zunehmender Protektionismus vor allem in Deutschland und Frankreich zu erkennen, bereits um die Jahrhundertwende kämpfte eine Form von “Antiglobalisierungsbewegung”, eine populäre Arbeiterbewegung, für sichere Arbeitsplätze, Gewerkschaften riefen zum Kampf für Mitbestimmung durch
Arbeitnehmer, von Seiten der Arbeitgeber erscholl der Ruf nach Schutz einheimischer Industrien. 16
Dieser Protektionismus wurde von den betroffenen Handelspartnern ebenfalls mit der Errichtung von Barrieren behindert, was von den Unternehmen teils mit einer stärkeren Ausrichtung auf Direktinvestitionen in Produktionsbetriebe innerhalb geschützter Märkte beantwortet wurde. 17
Es entwickelten sich somit an der Schwelle zum 20. Jahrhundert aus der Politik heraus konkrete Anreize zur Formierung von MNU.

1. 4 Arten und Sparten multinationaler Unternehmen zur Jahrhundertwende

Wie Mira Wilkins betont, existierten bereits um die Jahrhundertwende verschiedene Arten multinationaler Unternehmungen.
Von den vorwiegend britischen Eisenbahn- und Dampfschiffgesellschaften, über die auf Rohstoffe spezialisierten Unternehmen wie die amerikanische Standard Oil, deutschen Chemiefirmen wie Bayer, japanischen, französischen, schweizer Banken- und Versicherungsgesellschaften, existierten sowohl im allgemein dominanten Primärgütermarkt als auch im Manufakturbereich MNU aller Arten.

Zur Kategorisierung empfehlen sich nach Wilkins Ansicht zwei Typen der MNU.19
Das „American Model“:
Hier entwickelt ein Unternehmen im heimischen Markt eine Kernkomptenz, welche daraufhin ins Ausland exportiert wird. Grundstruktur einer solchen Unternehmung ist eine starke hierarchische Führung vom Hauptsitz aus. Beispiel hierfür wäre die Ford Motor Company.
Es muss angefügt werden, dass sich auch MNU anderer Nationen so entwickelten.

16 M. Müller, „Globalisierung gestern und heute“, in Magazin Unizürich 4/ 01, Zürich 2001 , S. 8 und 9
17 G. Jones: „Multinationals from the 1930s to the 1980s“ in „Leviathans“, Cambridge 2005, S. 83
18 M. Wilkins „Multinational Enterprise to 1930“ in „Leviathans“, Cambridge 2005, S. 75
19 M. Wilkins and H. Schroter, „ The Free Standing Company in the World Economy, 1830-1996“, Oxford 1998, S.10 ff


Die „Free Standing Company“:
Diese entwickelt sich nicht auf Basis einer Kernkompetenz, sondern entsteht für bestimmte Geschäftszwecke im Ausland, häufig auf Basis einer Kapitalgesellschaft. Diese MNU finden sich Clustern mit anderen MNU, da sie nicht auf alleiniger Grundlage ohne die Fähigkeiten kooperierender Unternehmen funktionieren können. Typischerweise britische Unternehmer sammelten Gelder, welche sie von ihrem heimischen Hauptsitz aus in anderen Länder einsetzten.
Beispiel für eine solche Unternehmung ist die Suez Canal Company mit Hauptsitz in Paris.

Obwohl diese Typisierung viele MNU umfasst, existierten selbstverständlich noch andere, nicht kategorisierbare Typen.

2. 1900 – 1914: Höhepunkt und Ende der ersten Globalisierung
2. 1 MNU in der Politik des Heimatstaates am Beispiel der USA

Wie die aus der Soziologie stammenden Vertreter der ressourcenbedingten Unternehmenstheorie bemerken, resultieren aus der „Capital dependence“ der Unternehmung ( der Idee begrenzter Kapitalressourcen ), 20 historisch zweierlei Reaktionen auf Änderungen der Umwelt; einerseits innere Transformation, also Anpassung an die Umwelt, andererseits der Versuch der Anpassung der politisch- rechtlichen Umgebung, beispielsweise durch aktive Lobbyarbeit und Korruption.
Dies bedeutet reale Kosten für die Unternehmung. Beispiel hierfür ist die Diskussion um die Einführung der Holding und das Passieren des Sherman Anti Trust Acts von 1890.
Zur Jahrhundertwende existierte eine grosse Skepsis in der amerikanischen Bevölkerung und Politik gegenüber den Monopolbestrebungen vieler Unternehmen. 21 Viele Staaten bezogen damals den Grossteil ihrer Einkünfte nicht mehr aus eigenen wirtschaftlichen Aktivitäten, sondern durch den Verkauf von Monopollizenzen an Unternehmen, wie zum Beispiel der Verkauf einer Monopollizenz an die Camden und Amboy Railroad Company durch den Staat von New Jersey, welcher zeitweise 90 Prozent seines Budgets aus solchen Geschäften bezog22.

20 H. Prechel, „Big Business and the State“, New York 2000, S. 23
21 H. Prechel, „Big Business and the State“, New York 2000, S. 32 ff
22 H. Prechel, „Big Business and the State“, New York 2000, S. 31

Es war eine generelle Abhängigkeit des Staates zu beobachten von den oftmals spektakulär auftretenden 23 grossen „Robber Barons“ wie J. Rockefeller, J. P. Morgan, A. Carnegie, F. Woolworth, welche im Zeitalter der Monopole der Oligopole und der Schwerindustrie Strategien der Unternehmung entwickelten um den gegenseitig ruinösen, „halsabschneiderischen“ Wettbewerb zu verhindern. So wurde die Rechtsform der „Holding Company“ benutzt, um Antitrust Regelungen aus dem Weg zu gehen.
Um sich die Dimension der Aktivitäten dieser Unternehmer zu verdeutlichen, ist es sinnvoll, einige Beispiele zu betrachten. So wechselte Andrew Carnegies Steel Company im Jahre 1901 für 480 Millionen $ in den Besitz J. P. Morgans, was mit einer Marktkapitalisierung von 1 Milliarde $ fortan U. S. Steel zur grössten MNU und Unternehmung weltweit machte.24
J. P. Morgan, der um 1900 reichste Mann Amerikas, kontrollierte damit 1/6 der amerikanischen Eisenbahnrechte, was 5000 Meilen Gleisen entsprach.

2. 2 Die Multinationale Unternehmung im internationalen Rahmen: USA - UK

Eine andere Möglichkeit war die Expansion in neue Märkte im Ausland. Beispielhaft im Transportwesen waren die Eisenbahngesellschaften. Im Jahre 1910 waren weltweit schätzungsweise 640000 Meilen Gleis verlegt, darunter illustre Projekte wie die Baghdad Linie. 25
In der noch jungen Automobilbranche hob sich die 1903 gegründete Ford Motor Company hervor, welche 1906 in Kanada erstmals FDI einsetzte, 1909 das T- Modell auf den Markt brachte und bereits 1913 zum Marktführer im UK wurde.
1918 stammte die Hälfte aller amerikanischen Fahrzeuge von Ford. 26
Weitere grosse MNU die in dieser Zeit entstanden oder organisiert wurden waren unter anderen: GM 1908, Toyota 1921, Standard Oil 1911 (Antitrust Reorganisation),
BP 1901, CEMEX 1906, White & Case 1901 und Arthur Andersen 1913. 27

Generell handelte es sich im Bereich der MNU um zunehmend vertikal integrierte Unternehmen, deren Ausbreitung auch aus Zusammenschlüssen grosser MNU vor allem in den Sparten Telekommunikation, Rohstoffe, Transportwesen und Energie zurückzuführen ist.

23 R. Heilbronner, „The Wordly Philosophers“, London 1986, S. 216 ff
24 Various Authors, „The Business Miscellany“, London 2005, S. 40
25 A. G. Kenwood and A. L. Lougheed, „The Growth of the International Economy 1820 – 1990“, London 1992, S. 86 ff
26 M. Wilkins, „Multinational enterprise to 1930“ in „Leviathans“, Cambridge 2005, S. 76
27 M. Gabel and H. Bruner, “Global Inc – An Atlas of the Multinational Corporation” , New York 2003, S. 14ff
Für das Jahr 1914 werden einige Tausend MNU geschätzt sowie allein 3077 Muttergesellschaften. 28 Die Vorkriegsjahre waren geprägt von weltweit zunehmender Rohstoffnachfrage und - handel (der Primärgütermarkt dominierte noch immer den Manufakturmarkt), hoher Mobilität von Kapital und Arbeitskräften sowie Britischer Dominanz des Weltmarktes. So hielten 1914 28 Britische Banken 1286 Auslandsfilialen.
2000 MNU arbeiteten hauptsächlich oder vollständig im Ausland und 43 Prozent des totalen Welt – FDI stammten aus britischer Quelle.29

Quelle: M. Gabel and H. Bruner, “Global Inc – An Atlas of the Multinational Corporation”, New York 2003, S. 28
Interessant zu beobachten ist, wie der Beginn der amerikanischen Dominanz im Bereich technisch fortgeschrittener Manufakturprodukte durch britisches FDI finanziert wurde.
Wie eine empirische Analyse von Romain Wacziarg für die Weltbank zeigt, bewirkt eine einprozentige Steigerung des FDI eine Steigerung der Wachstumsrate des Brutto Inlandproduktes um 0,3 – 0,4 Prozent 30, was die Relevanz wirtschaftspolitischer Entscheidungen des Commonwealth für andere Regionen verdeutlicht.
28 M. Gabel and H. Bruner, “Global Inc – An Atlas of the Multinational Corporation” , New York 2003, S. 28
29 M. Gabel and H. Bruner, “Global Inc – An Atlas of the Multinational Corporation” , New York 2003, S. 25ff
30 R. Wacziarg, “Measuring the Dynamic Gains from Trade. Policy Research Working Paper“ Washington DC 2001, S. 4 ff
MNU waren für einen Grossteil des weltweiten FDI ( Welt Stock FDI 1914: $14 Milliarden ) verantwortlich, damals 1/3 der weltweit insgesamt getätigten Investitionen, welches im Jahr 1914, dem Höhepunkt der ersten Globalisierung 9 Prozent des Weltoutputs betrug, eine Zahl welche bis Mitte der 1990er nicht wieder erreicht wurde. 31

2. 3 Schlussfolgerungen

Es kann also anhand des Beispiels der amerikanischen Vorkriegswirtschaft gezeigt werden, wie stark die historische Entwicklung der MNU bezüglich ihrer Rechtsformen, ihrer Aktivitäten als auch ihrer Ausdehnung von politischen Determinanten wie der jeweiligen Regierung und ihrer Gesetzgebung, aber auch von aussenpolitischen Beziehungen abhing.
Noch deutlicher wird dies im folgenden Kapitel, welches die Kriegswirtschaft der USA näher betrachtet.


3. Kriegswirtschaft im Zweiten Weltkrieg: Staat und Privatwirtschaft im Gleichschritt

Der Erste Weltkrieg bedingte eine beinahe vollständige Umstellung der Wirtschaft auf Planwirtschaft unter der Ägide Bernard Baruchs, welcher das WIB (War Industries Board) leitete.32 Dieses war zusammengesetzt aus Vertretern der Industrie welche, zwecks Minimierung der Preisrisiken einer freien Wirtschaft für die Versorgung der Armee, eine massive Reorganisation der amerikanischen Wirtschaft leiteten.
Das Board organisierte teils mit massivem Druck bis zu 95 % der amerikanischen Zulieferer und Hersteller kriegswichtiger Industrien. 33
Massnahmen waren extreme Vereinheitlichungen und Standarisierungen vieler Produkte, Reorganisationen einzelner Betriebe, Erweiterungen und Ausbau der Kapazitäten von Werften, Textilfabriken, Petroleumförderern, Stahlfabriken etc; sowie eine grossangelegte Lizenzvergabe, was bedeutete das 250.000 Lizenzen vom WIB veranlasst ausgegeben wurden. 34

31 G. Jones: „Multinationals from the 1930s to the 1980s“ in „Leviathans“, Cambridge 2005, S. 82
32 H. Hoover, „An American Epic“, Chicago 1960, S. 55 - 56
33 R. Sobel, „The Age of Giant Corporations“, Westport CT 1993, S. 21
34 R. Sobel, „The Age of Giant Corporations“, Westport CT 1993, S. 23


Auch kontrollierten das WIB, die United States Fuel Administration und andere, teils unabhängige, teils untergeordnete staatliche Verwaltungen manche Wirtschaftszweige (Eisenbahnen, Erdöl, Kohle etc) so weitreichend, das von einer Verstaatlichung gesprochen werden kann.
Die vor dem Krieg von einer leichten Depression geplagte amerikanische Wirtschaft erfuhr in den Jahren während des ersten Weltkriegs einen massiven Aufschwung, wobei die kriegsbedingten Konjunkturgewinne zwar von einer starken Inflation teils gefressen wurden, aber im Vergleich zu den europäischen Nationen den USA einen relativen Aufstieg ihrer Ökonomie bisher ungekannter Grösse ermöglichten. Die in den Vorkriegsjahren in starke öffentliche Kritik geratenen Trusts und Kartelle taten sich in der Zusammenarbeit mit dem staatlich eingeleiteten WIB besonders hervor. Ihre geschmeidige Anpassung an die neue ( quasi - ) Planwirtschaft rehabilitierte sie teilweise in den Augen der Regierung, und so wurden laufende Prozesse und Ermittlungen gegen Unternehmen wegen Preisabsprachen etc. eingestellt.
Die Zusammenarbeit funktionierte so gut, dass grosse Teile der Nachkriegsunternehmer weiterhin den Erfahrungen der Kriegszeit folgten. Robert Sobel sieht darin die Ursache für den starken Einfluss der Privatwirtschaft auf den Staat der 1920er und in umgekehrter Richtung während des New Deal. Präsident Hoovers als auch Roosevelts interventionistische Wirtschaftspolitik lässt sich somit als Resultat der Kriegsjahre definieren. 35

Dies bedeutete aus wettbewerbspolitischer Sicht einen starken Rückschlag, welcher sich vor allem in den Zwischenkriegsjahren in Form protektionistischer und monopolistisch orientierter Wirtschaftskartelle bedenklich auf Effizienz als auch Stabilität des Welthandels auswirken sollte ( siehe dazu auch nachfolgende Grafik ).
Nicht nur Amerika, auch europäische Nationen begannen ihre Ökonomien nach derartigen Mustern umzustellen, was den Staatseinfluss auf die Unternehmen (und Multinationalen Unternehmen) der jeweiligen Nationen während der Zeit von 1918 bis mindestens Ende des 2. Weltkrieges immens ausdehnte. Betreffend der amerikanischen grossen MNUs wie ( unter anderen ) GM, Ford oder auch Standard Oil kann gesagt werden, dass diese eindeutig gestärkt betreffend Kapazität und Marktkapitalisierung aus der Weltkriegszeit hervorgingen, da sie als kriegswichtige Industrien entsprechend gefördert wurden.


35 R. Sobel, „The Age of Giant Corporations“, Westport CT 1993, S. 23 ff

3. 1 Die USA im wirtschaftlichen Aufwind und der Systemwandel in Russland

Die Zerstörung von Infrastruktur in Festlandeuropa, das zunehmende Autarkiestreben, die wachsende Desintegration der Märkte fügte vor allem europäischen MNU schweren Schaden zu. Der erste Weltkrieg war für die MNU vielmals Auslöser nach neuen Produktions- und Abbaustätten ( ausserhalb Europas ) zu suchen.
Die in den Kriegsjahren gesetzten Tendenzen verstärkten sich teils in den
folgenden Zwischenkriegsjahren. Nicht nur der Krieg, auch die Novemberrevolution in Russland stellte einen weiteren schweren Schlag für die MNU dar. 90 Prozent der russischen Energie- und Beleuchtungsbetriebe waren durch ausländisches FDI finanziert worden.
Von den darauf folgenden Enteignungen waren auch belgische und französische Unternehmungen schwer betroffen. 36

3. 2 Schlussfolgerungen

Die Kriegsperiode des ersten Weltkriegs und die Enteignungen in der neugegründeten UdSSR lösten für die MNU in Amerika laut Mira Wilkins eine Tendenz aus nach neuen Ressourcenquellen und Produktionsstätten weltweit zu suchen ( vor allem im Bereich Gummi und Kupfer ). Hinzu kam ein immenser intraindustrieller, durch die Kriegswirtschaft koordinierter Informationstransfer.
Für deutsche Unternehmen wie Bayer oder Orenstein & Koppel, französische Investoren in Russland und andere europäische MNU allerdings war diese Zeit ein herber Einbruch.
Vor allem die Konfiskation deutscher Chemiebetriebe in den USA und im UK bedeutet für die weltweit führende deutsche Chemieindustrie einen starken Rückschlag.
Da Russland zu dieser Zeit auch ein bedeutender Erdölproduzent war, mussten sich viele MNU nach neuen, sicheren Quellen dafür umsehen. 37
Für die MNU der Amerikaner hatte der Krieg neue Märkt geöffnet, und in den darauf folgenden Zwischenkriegsjahren versuchten amerikanische MNU ihre Position, unterstützt und finanziert vom Börsenfieber daheim, kontinuierlich auszubauen.


36 M. Wilkins, „Multinational enterprise to 1930“ in „Leviathans“, Cambridge 2005, S. 60
37 M. Wilkins, „Multinational enterprise to 1930“ in „Leviathans“, Cambridge 2005, S. 67


4. Die Zwischenkriegsjahre:
Kartelle, Deglobalisierung, Protektionismus und die MNU
4. 1 Das Marktumfeld

Wenn man von den Zwischenkriegsjahren spricht, erklingt häufig der Begriff der Deglobalisierung
Grafik: Eine vereinfachte Darstellung der Kapitalmobilität in der neueren Geschichte

Quelle: Mira Wilkins, „The Emergence of Multinational Enterprise: American Business Abroad from the Colonial Era to 1914“, 1970

Wie an obenstehender Grafik und untenstehender Tabelle zu erkennen ist, erlebte die Welt nicht nur einen Zusammenbruch der Kapitalmobilität (die wichtige Quelle der Finanzierung von MNU Aktivität), sondern Westeuropa sogar einen realen Rückgang seiner Fertigwaren Exporte.
Grafik: Wachstum der Volumina im Fertigwarenexport 1870-1998 ( Durchschnitt in % p.a. )

Wie Hirst und Thompson bemerken, lagen die Wachstumsraten des Welthandels zwischen 1870 und 1913 bei 1,035, zwischen 1950 und 1973 bei mehr als 1,09 aber in der Zwischenzeit nur bei einem Prozent p. a.38 . Diese Krise des internationalen Handels verhinderte aber nicht die Aktivität oder sogar Gründung von MNU wie Beispielsweise Toyota 1923. Vielmehr war das Marktumfeld aufgrund ökonomischer und politischer Umstände geprägt von hoher Volatilität.

4. 2 Die Blütezeit vor dem Crash 1929

Nach dem Ersten Weltkrieg, und einer kurzen Zwischenrezession von 1920/ 1921 begann die Konjunktur sich wieder positiv zu entwickeln. Das Zeitalter der Eisenbahn war zwar vorbei und in den meisten Ländern bot die Landwirtschaft immer noch mehr Arbeitsplätze als die Industrie 39, dafür aber hatten sich auch unter Einfluss des Krieges neue Wirtschaftszweige entwickelt, welche MNU wie ITT und die unter Einwirkung des Staates gegründete RCA hervorbrachten. Die RCA (Radio Corporation of America) wurde zu einem Teil vom Staat gehalten, da die Radiotechnologie seit der Zeit des ersten Weltkrieges als kriegswichtige Industrie galt 40.
1920 lagen die grössten Investitionen amerikanischer MNU in öffentlichen Einrichtungen, wie zum Beispiel die American & Foreign Power Company, welche in Cuba, Chile, Brasilien, Argentinien, Mexiko, China, Indien präsent war und dort zwischen 10 und 90 Prozent der jeweiligen Märkte mit Energie versorgte41.
Der NY Stock Exchange war seit 1920 ein internationaler Finanzplatz wie Frankfurt, Amsterdam, Paris und Berlin. Mit dem Rückgang deutscher und anderer europäischer Investments begann Amerika nach dem Krieg von der Rolle der weltgrössten Schuldnernation zum Kapitalexporteur zu wechseln.42 Amerikanische Banken zogen nach, als Beispiel dient hier die City Bank, welche in den 1920ern rasch ins Ausland expandierte. 43
MNU hatten vielerorts eine bedeutende Stellung erlangt, so auch im Primärgütermarkt. Gegen Ende der zwanziger Jahre sorgten ausländische MNU für mehr als 50 Prozent der Exporte von Kuba, Chile, Peru, Venezuela, Iran, Malaya und den Dutch West Indies. 1930 regulierten drei MNU zwischen 2/3 und ¾ des westafrikanischen Handels.44

38 P. Hirst and G. Thompson, „ Globalization in Question. The International Economy and the Possibilities of Governance“, Cambridge 1997, S. 145
39 M. Wilkins, „Multinational enterprise to 1930“ in „Leviathans“, Cambridge 2005, S. 63ff
40 (zur Geschichte der RCA siehe auch: ) R. Sobel, „RCA“, New York 1986
41 M. Wilkins, „Multinational enterprise to 1930“ in „Leviathans“, Cambridge 2005, S. 60
42 http://college.hmco.com/history/readerscomp/rcah/html/ah_045700_internation2.htm ( gezogen am 12. 1. 06 )
43 G. Jones, „Multinationals from the 1930s to the 1980s“ in Leviathans, Cambridge 2005, s 83
44 M. Wilkins, „Multinational enterprise to 1930“ in „Leviathans“, Cambridge 2005, S. 67
Die neuen Wachstumsbranchen Dienstleistungen, Telefon, Radio, Automobile, Gummireifen, Fertig Essen, Zigaretten, Streichhölzer und die Ölbranche boomten.
Neu auch war das Ausmass der Investitionen, die neuen Güter und Rohmaterialien die exportiert wurden und strukturell die integrierte, gemanagte MNU (vom Abbau über die Verarbeitung bis zum Verkauf an den Konsumenten).45

Der Ressourcenmarkt hingegen war oligopolistisch aufgeteilt, wobei die erneuerbaren Ressourcen einen niedrigeren Grad an Konzentration aufwiesen.

4. 3 Politische Momente im Handel


In den 1920er Jahren, nach dem Zusammenbruch des Goldstandards, nach dem Ende der gemeinsamen, liberaleren Linie der Aussenpolitik der meisten westlichen Länder, verschlechterte sich die Situation des internationalen Handels erheblich. 46
Für die MNU bedeutete der zunehmende Protektionismus in Europa und die isolationistischen Bestrebungen der USA einen Anreiz, in den geschützten Märkten eigene Produktionsstätten zu errichten, aber auch Investitionen ausserhalb Europas zu tätigen. Die Deinvestitionen in Europa nahmen zu, ausserdem begannen Firmen wie IBM ihren regionalen Ablegern mehr Eigenständigkeit einzuräumen. So entwickelten Firmen, die nach dem „American Model“ operierten, eigene, spezifische Produktlinien in den nunmehr voneinander getrennten Märkten und schufen lokale Identitäten.
Auch die Investitionen konzentrierten sich nun auf als sicher betrachtete nahe, oder unter demselben politischen Einflussbereich stehende Regionen, wie für den Fall des UK die Kolonialgebiete. 47
Der vollständige Ausstieg Russlands aus dem Weltmarkt, das Erlahmen der Investitionen deutscher MNU, der Diversifikationsprozess, die Umverlagerung von Produktionsstätten führten zu einem wachsenden Klima der Unsicherheit.
Regierungen reagierten mit der Nationalisierung bestimmter Industriebetriebe, manche MNU ihrerseits versuchten dieser Situation mit der Bildung von Kartellen entgegenzutreten. Stellvertretend für dieses Zeitalter der Kartelle kann hier das „Achnarry Agreement“

45 M. Wilkins, „Multinational enterprise to 1930“ in „Leviathans“, Cambridge 2005, S. 67
46 M. Müller, „Globalisierung gestern und heute“, in Magazin Unizürich 4/ 01, Zürich 2001, S. 9
47 G. Jones: „Multinationals from the 1930s to the 1980s“ in „Leviathans“, Cambridge 2005, S. 82

( geschlossen 1928 zwischen den drei weltgrössten Ölgesellschaften Shell, Esso und BP ) genannt werden, welches 1932 mit dem Beitritt von Mobil, Gulf Oil und Texaco eine marktbeherrschende Stellung erlangte, und die Preise kontrollierte. 48
Der schwarze Freitag von 1929, die Grosse Depression, der Aufstieg Nazideutschlands mit seiner ineffektiven Verstaatlichungs- und Investitionspolitik verschlimmerten die Lage weiterhin.
MNU standen in einer schwierigen Position, der Welthandel schrumpfte, ineffiziente Gütermärkte verschlechterten die Ausgangsbedingungen vieler Unternehmen, welche mit wachsendem Staatseinfluss zu kämpfen hatten.

4. 4 Schlussfolgerungen

Auch wenn während der grossen Depression, wie Robert Sobel betont, manche MNU stark florierten, so war doch das Vertrauen in die Stabilität der Märkte innerhalb der Bevölkerung und der Politik weitgehend erschüttert. 49
Die MNU hatten mit den Folgen dieser Ansichten zu kämpfen.
Manch grosse Britische Unternehmung dieser Zeit hatte 100 000 – 150 000 Angestellte50, und stellte somit für staatliche Politik einen bedeutsamen Faktor dar, vor allem unter dem damals bestimmenden Paradigma der Kriegswirtschaft.

5. WWII: Der totale Krieg

Der Zweite Weltkrieg stellte sich aus Sicht der Unternehmungen als ein weiterer, schwerer politischer und wirtschaftlicher Schock dar, da MNU erkennen mussten ( wie im Falle der Royal Dutch / Shell ), das ihre Zugehörigkeit zu einer Nation entscheidend sein konnte.
Die Enteignung deutscher Unternehmen durch die Alliierten und den deutschen Staat und der Zusammenbruch des innereuropäischen Handels, verbunden mit einer stark autonomiegeprägten Politik vieler Länder verstärkten die Probleme der Zwischenkriegsjahre.
Für Geoffrey Jones51 stellte der Zweite Weltkrieg nach der totalen Veränderung des Wirtschaftsklimas durch den Ersten Weltkrieg einen „zweiten schweren Schock“ dar.

48 G. Jones: „Multinationals from the 1930s to the 1980s“ in „Leviathans“, Cambridge 2005, S. 85
49 R. Sobel, „The Age of Giant Corporations“, Westport CT 1993, S. 123
50 G. Jones: „Multinationals from the 1930s to the 1980s“ in „Leviathans“, Cambridge 2005, S. 83
51 G. Jones: „Multinationals from the 1930s to the 1980s“ in „Leviathans“, Cambridge 2005, S. 85

Nach den mexikanischen Enteignungen von 1938 war auch das Klima in Mittel- und Südamerika für MNU schwieriger geworden. Weniger FDI, praktisch keines aus Deutschland, machten deutlich, wie stark die Wirtschaft abhängig war von politischen Rahmenbedingungen.

6. 1 1945 – 1960: Der Höhepunkt der Vorherrschaft amerikanischer MNU

Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war geprägt von einem gesunkenen Einfluss der MNU. Manche Länder, wie Japan und Deutschland, zogen sich aus ihren internationalen Investitionen zurück und konzentrierten sich auf die Exportwirtschaft. Die Vorreiterstellung der MNU aus den USA liess sich daran erkennen, dass 85 Prozent aller FDI Outflows von amerikanischen Unternehmen getätigt wurden52, 1962 waren beinahe 60% der 500 grössten MNU aus den USA, wohingegen es heute nur noch 36% sind. 53
Als generelles Muster lässt sich erkennen, das in dieser stark deglobalisierten Epoche die Investitionen der MNU vorwiegend innerhalb der Triangel Nord Amerika
( mit Kanada ), Westeuropa und Japan getätigt wurden. Zwischen 1950 und 1962 erlebte das UK einen starken Zustrom amerikanischen Kapitals, was dazu führte das beinahe 10 Prozent aller britischen Arbeiter von amerikanischen Firmen beschäftigt wurden. 54
Besonders die Transportbranche hatte an dem Niedergang internationalen Handels zu leiden, und so gewann der Manufakturbereich relativ gesehen wieder an Bedeutung.

Der „dritte Schock“ 55 für die MNU war der Rückgang an Bereitschaft die Unternehmen im Land zu empfangen. Beispiel hierfür ist das auch von M. Wolf 56 genannte Indien, welches durch seine regulatorische, deliberalisierte Wirtschaftspolitik direkt nach der Kolonialzeit viele Investoren abschreckte. Auch genannt werden muss in diesem Zusammenhang der chinesische Bürgerkrieg von 1949 mit der anschliessenden Gründung der kommunistischen Volksrepublik, einem bis dahin wichtigen Ort für ausländische Investitionen durch MNU.
Ebenso zeigten sich im Mittleren Osten und Indonesien ( Enteignung ausländischer Ölfelder, Plantagen und Minen ) die aus der Politik erwachsenden Gefahren für FDI und damit der Strategien der MNU.

52 G. Jones: „Multinationals from the 1930s to the 1980s“ in „Leviathans“, Cambridge 2005, S. 85
53 M. Gabel and H. Bruner, “Global Inc – An Atlas of the Multinational Corporation” , New York 2003, S.16
54 M. Gabel and H. Bruner, “Global Inc – An Atlas of the Multinational Corporation” , New York 2003, S. 23
55 G. Jones: „Multinationals from the 1930s to the 1980s“ in „Leviathans“, Cambridge 2005, S. 88
56 M. Wolf, „Why Globalization Works“, Yale 2004, S. 72 ff
Wie Jones weiterhin feststellt entstand das, was er als „klassisches“ MNU bezeichnet 57; die grosse, integrierte Unternehmung als dominanter Typ, aus der Zeit amerikanischer Vorherrschaft im deglobalisierten Umfeld der Nachkriegszeit.

Unter den Gewinnern dieser Epoche waren neben den aufstrebenden Wirtschaftsberatungsfirmen wie Bedeaux, Mckinsey, Booz Allen & Hamilton und Arthur d. Little auch Werbeunternehmen wie Walter Thompson, welche General Motors um den Globus folgten, und in diesem Zuge international expandierten.
Vielerseits wird in diesem Zusammenhang von der Globalisierung des amerikanischen „Lifestyle“ gesprochen, einer durch Konsum von materiellen Gütern geprägten und stark von Werbung beeinflussten Lebenshaltung.

6. 2 Politisch – Ökonomische Integrationsbestrebungen

Internationale Abkommen zur Restrukturierung der internationalen Handelsprozesse wie das GATT ( General Agreement on Tariffs and Trade ) oder auch die Bildung von Handelsblöcken wie der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft von 1957 fallen in diese Zeit und verdeutlichen die Bestrebung von Wirtschaft und Politik eine Senkung der Transaktionskosten sowie eine gewisse Planungssicherheit für die MNU wiederherzustellen.

7. Schlusswort und Fazit

Für ein Unternehmen, welches naturgemäss unter dem Einfluss der Politik steht, ist es strategisch sinnvoll, durch Internationalisierung und die damit implizierte Rückzugsoption im Falle der Verhandlung mit dem Staat eine stärkere Position aufzubauen.
Da Politik Einfluss nehmen kann auf beinahe sämtliche kostenrelevanten Faktoren der Standortwahl, was sowohl Input wie Output betrifft, ist es für ein Unternehmen wichtig diesen Einflussfaktor zu kontrollieren.
Wie sich im Laufe der ersten sechs Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts zeigt, hat nationalstaatliche Politik zwischen 1900 und 1960 Tendenzen entwickelt, die den MNU zwar einerseits als Antriebskräfte dienen können, aber in jedem Fall Planungssicherheit stören oder sogar unter Umständen Fabrikationsstätten zerstören.

57 G. Jones: „Multinationals from the 1930s to the 1980s“ in „Leviathans“, Cambridge 2005, S. 101

Ziel des von Prechel 58 angedeuteten Rationalisierungsprozesses der Gesellschaft und des Staates durch die Unternehmung ist aber die Herstellung von Planungssicherheit.
Auch wenn Theoretiker wie M. Wolf 59 ausführlich darlegen, das die wechselseitige Abhängigkeit wesentlich geringer sei als oft vermutet, so lässt sich doch nicht bestreiten, dass die historische Erfahrung der MNU die Vermutung nahe legt, dass ein Schiff mit mehreren Häfen eher einen sicheren Ankerplatz finden kann.
Hinweise auf Tendenzen der MNU zur Minimierung der Eingriffsmöglichkeiten staatlicher Politik ( wie beispielsweise Steuerfluchtverhalten ) finden sich unter Anderem im
Economist 60 : „…(E)in Unternehmen dessen Einrichtungen nur in einem Land konzentriert sind, hat keine Alternative als mit den Regelungen dieses Landes übereinzustimmen“. 61

Nicht umsonst deuten viele Theoretiker auf die umfassenden Effekte der „Liberalisierung“ von Produktionsfaktoren hin. Natürlich auch nicht ohne Profitorientierung machten Unternehmen im betrachteten Zeitraum den Schritt zur Internationalisierung.
Ein Teil des Profites dabei lag in der Loslösung von der Planungsunsicherheit, welche durch die monopsonhafte Abhängigkeit des Unternehmens vom jeweiligen, eigenen Interessen verhafteten Gesetzgeber bedingt war.
Es sollte nicht vergessen werden, dass der Begriff Liberalisierung ursprünglich kein ökonomischer, sondern ein politischer Term war.
Wer sich hier wohl wirklich zu befreien versucht von der Unterdrückung durch den Staat?
Es sind die Multinationalen Unternehmen.













58 H. Prechel, „ Big Business and the State“, New York 2000, S. 3
59 M. Wolf, „Why Globalization Works“, Yale 2004, S. 294
60 Various Authors, „Schools Brief - Thinking about Globalization: Popular myths and economic facts“, London 1997, S. 18
61 Various Authors, „Schools Brief - Thinking about Globalization: Popular myths and economic facts“, London 1997, S. 15

III. Literaturverzeichnis:

Bücher:
- Leviathans : multinational corporations and the new global history / edited by Alfred D. Chandler, Jr., Bruce Mazlish. - Cambridge : Cambridge University Press, 2005.
- Thomas Jefferson on Democracy/ edited by Saul K. Padover. – 3rd ed. – Washington/ New York : Appleton-Century Co, 1953.
- Big business and the state : historical transitions and corporate transformation, 1880s-1990s / Harland Prechel. - Albany : State University of New York Press, 2000. (SUNY series in the sociology of work and organizations)
- Global inc. [Kartenmaterial] : an atlas of the multinational corporation : a visual exploration of the history, scale, scope, and impacts of multinational corporations / Medard Gabel, Henry Bruner. - New York : New Press, 2003.
- Projecting Capitalism: A History of the Internationalization of the Construction Industry / Marc Linder. – Westport : Greenwood Pub Group, 1994. ( Contributions in Economics & Economic History Series )
- Globalization in question : the international economy and the possibilities of governance / Paul Hirst and Grahame Thompson. - 2nd ed. - Cambridge : Polity Press, 1999
- The Free Standing Company in the World Economy, 1830-1996 / Mira Wilkins, Harm Schroter. – Oxford : Oxford University Press, 1998.
- The Wordly Philosophers / Robert L. Heilbronner. – London : Penguin Books, 1986.
- The growth of the international economy 1820-2000 : an introductory text / George A. Kenwood, Alan Lougheed. - 4th ed., reprinted - London : Routlege, 2000.
- An American Epic : Famine in Forty-Five Nations Organization Behind the Front 1914-1923 / Herbert Hoover. – Chicago : Henry Regnery Company, 1960.
- The age of giant corporations : a microeconomic history of American business, 1914-1992 / Robert Sobel. - A third ed. – Westport : Greenwood Press, 1993. (Contributions in economics and economic history ; 146)
- RCA / Robert Sobel. - New York : Stein & Day, 1986.
- Why globalization works / Martin Wolf. - New Haven : Yale University Press, 2004.
Artikel:
- Production, Information Costs, and Economic Organization / Armen A. Alchian, Harold Demsetz. - American Economic Review, 62(5), Pittsburgh : American Economic Association, 1972.
- Globalisierung gestern und heute / Margrit Müller. - Magazin Unizürich 4/ 01, Zürich, 2001.
- Schools Brief - Thinking about Globalization: Popular myths and economic facts / Various Authors, The Economist 16.10. – 20.11. , London, 1997.
- Gabler Wirtschafts-Lexikon. - 15., vollständig überarb. und aktualisierte Aufl. - Wiesbaden : Gabler, 2000.
- The Business Miscellany / Various Authors. – London : Profile Books, 2005. ( The Economist Series )
- Measuring the Dynamic Gains from Trade. Policy Research Working Paper / R. Wacziarg. - Washington DC : The World Bank, 2001.


Internet:
- http://college.hmco.com/history/readerscomp/rcah/html/ah_045700_internation2.htm / Author unknown. - gezogen am 12. 1. 06.

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