Bio Lebensmittel – Zeit für die Krise



Erst begannen die Stimmen der Kritiker laut zu werden. Dann erlebte die Biolebensmittel-Branche in vielen Ländern Europas heuer einen Rückgang der Zuwachsraten oder sogar Einbrüche. Doch in der Schweiz wächst Bio weiter. Statt einfach die Krise der Anderen abzuwarten, sollte man hierzulande die Chance nutzen, dazu zu lernen.

Von Hannes Grassegger

Herbst 2009, Zeit für Schlammschlachten. Traditionell rollen im Herbst die Attacken an, die man sich im Sommerloch zurechtgelegt hat. Diesmal können wir besonders gespannt sein, was die zertifizierten Bio (oft öko oder organic genannten) Lebensmittelprodukte angeht. Lebensmittel also, bei denen darauf verzichtet wird, bestimmte synthetische Pflanzenschutzmittel, Gentechnik oder Kunstdünger zu verwenden und bei deren Produktion eine möglichst geschlossene Kreislaufwirtschaft am Hof betrieben werden sollte.
Denn die schöne Biowelt ist nicht vor Unbill gefeit. „Bio Bschiss“ titelte der Blick Mitte August, nachdem eine Untersuchung im Aargau bei 17 von 25 untersuchten Bio Anbietern Beanstandungen ergab. Auch ein anderes Nebenprodukt der organischen Landwirtschaft macht nach unseren Informationen derzeit vor allem Baslern das Leben schwer: die Asiatischen Marienkäfer. Seit 2005 werden die roten Tiere mit den oft 19 Punkten in der Schweiz gesichtet. Seit 2008 in rauhen Mengen. Die Marienkäfer wurden von der organischen Landwirtschaft ausserhalb der Schweiz zur natürlichen Schädlingsbekämpfung eingesetzt. Im Herbst werden sich die Käferchen nun eine Winterstatt suchen - vorraussichtlich massenweise in Schweizer Häusern.

Die Kritik an Bio

Schon im Herbst 2007 startete in der Weltwoche der deutsche Ex-Linke Michael Miersch, zusammen mit u.a. dem Publizisten Henryk M. Broder (Spiegel etc.) Betreiber des libertären Weblogs Achse des Guten, einen Angriff auf den „Mythos Bio“. Miersch behauptete, dass Bio „nicht gesünder“ oder „besser für die Umwelt“ sei. Der Nährstoffgehalt von Biofood sei z.B. nicht nachweislich höher als der konventioneller Lebensmittel und der hohe Raumverbrauch der Bioproduktion sei unverträglich mit dem Anspruch die Umwelt zu schonen.
Ein harter Angriff, denn laut Zukunftsforscher Matthias Horx (ebenfalls früher Blogger für die Achse des Guten) sind genau dies zwei Hauptgründe für den Konsum an Bio oder ähnlich gelabelten Produkten. In einer 19-seitigen Replik auf den Weltwoche-Artikel versuchte Urs Niggli, Leiter des FIBL (Forschungsinstitut für biologischen Landbau), ein wichtiger Bio Think Tank, Mierschs Argumente zu widerlegen. Ebenfalls 2007 deckte der Spiegel Misswirtschaft und Betrug im Biomarkt auf.
Nun erschien im Juli eine Studie des Londoner Instituts für Hygiene und Tropenmedizin, die auf der Basis umfassender Auswertungen wissenschaftlicher Studien der letzten 50 Jahre argumentiert, Bio Lebensmittel seien nicht nachweisbar gesünder. Nur Wochen darauf präsentierte das FIBL die Ergebnisse einer fünfjährigen Mammutstudie zu Bio und „low input food“ die der Londoner Studie widersprach. Bio Lebensmittel seien doch gesünder als konventionelle. Der Kampf tobt.

Bio am Ende?



Während die Experten streiten, reagiert der Markt. 2009 war kein gutes Jahr für die europäische Biobranche, meint die Forschungs- und Beratungsagentur Organic Monitor. Die Zuwachsraten der jeher zweistellig wachsenden Umsätze der Biobranche schrumpften auf meist einstellige Beträge zurück. Zuerst traf es Grossbritannien, wo der Markt 2008 nur um 2% wuchs. Noch schlimmer Deutschland. Hier gab es 2009 sogar den ersten Umsatzrückgang seit zehn Jahren. Minus 4% im ersten Halbjahr ermittelte eine Befragung der Konsumentenforscher der GfK. Triumphierend bloggt Miersch, er hätte den Rückgang schon im Januar 09 verkündet.
Zudem erfolgte der Einbruch in Grossbritannien, als sich die Wirtschaftskrise noch nicht so stark auf die allgemeine Kauflust ausgewirkt hatte. Ursache wäre somit nicht das Sparen in der Krise. Fast ein Viertel aller Schweizer zweifeln an Bio, erzählt eine weitere GfK Studie. Ist Bio bald am Ende?

Heute dort, morgen hier?

Auch wenn die Schweizer Lebensmittelzeitung diesen Mai titelt: „Bio Absatz läuft ungebrochen gut“ und das FIBL die zweistelligen Schweizer Bio Umsatzzuwächse für 2008 stolz auf 11,2% schätzt, so kann nicht ausgeschlossen werden, dass auch den Schweizer Bios härtere Zeiten bevorstehen. Dabei wäre jetzt eine ideale Ausgangssituation um die schöpferische Zerstörung der Krise zu nutzen, Fehlentwicklungen zu korrigieren oder neue Optionen zu integrieren. Denn die Schweiz ist eines der innovativsten Bioländer mit dem höchsten Pro Kopf Konsum weltweit. Was nicht viel heisst. Nur etwa 5% des Gesamtumsatzes an Lebensmitteln hierzulande ist Bio, knapp 12% der Bauernhöfe produzieren Bio zertifiziert. Das ist nicht die Marktübernahme die man sich in Biokreisen einst erträumte. Selbst wenn’s der Weltwoche nicht gefällt, man könnte Bio grösser machen.

Bio neu verstehen



Bio muss neu verstanden werden. Bioplus ist das erste Stichwort. Dabei dreht es sich um die Integration neuer Käuferwünsche, „Mega Trends“ wie Klimaschutz, lokale Produktion und Fair Trade. Es klingt lustig: In Schweden gibt es jetzt CO2 neutrale Bio Milch zu kaufen. Krise ist die Zeit der Innovation.
Als Zweites gälte es, Konsumenten die Verwirrung zu nehmen. Berechtigte Kritik sollte ernstgenommen werden, Bio Suisse muss Lösungen anbieten. Einerseits indem informiert wird und diffuse Assoziationen (gesundheitsfördernd, Umweltschutz etc.) geklärt werden; andererseits, indem man den „Labelsalat“ auflöst. Es gäbe „keine Alternative zur Alternative“, schreibt Niggli in seiner Replik auf Mierschs Artikel. Laut SECO–Liste konkurrieren schweizweit 71 Lebensmittellabels, meist Produktlabels mit Bio-Appeal. Dies fordert vom Käufer einiges an Fachwissen. Wer durchschaut schon die Regelwerke der einzelnen Labels? Und wie gut diese überprüft werden? Viele der Ansätze (Traceability, Appellation Controlée, CO2-Ausstoss) sind schlau und gefragt; die Versprechungen der einzelnen Produktlabels überlappen sich zudem. Hier könnte man zusammenfassen. Krise ist die Zeit der Fusion.

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