Ein Herz aus Stein

Auf dem Berg, in der Manufaktur und über den Büchern mit Menschen die den perfekten Ski bauen wollen.
-Von Hannes Grassegger und Nikolaus Roettger -

Und plötzlich hat Simon Jacomet seine Ski nicht mehr unter Kontrolle, er schießt auf den Felsabgrund zu, ein kleines, hüfthohes Mäuerchen davor wird ihn kaum stoppen, gleich wird er darüber stürzen, zwanzig Meter in die Tiefe - bamm -, da knallt er schon gegen die Mauer, er prallt ab, scheint kurz über dem Abgrund zu schweben, schmeißt sich gegen die Fahrtrichtung rückwärts und landet irgendwie auf der Piste. Sogar auf seinen Ski.

Und er fährt einfach weiter. Als sei nichts gewesen.

So ein Aufprall, so ein Abgrund, das kann doch mal passieren.
Aufstehen, nicht aufhalten lassen, weitermachen, auch wenn es weh tut - das passt zu Jacomet. Denn er ist besessen. Er hat ein Ziel, eine Mission, und dabei geht es nicht nur um Spaß und tollkühne Stunts:

Er will den perfekten Ski bauen.

Seit Jahren tüfelt Jacomet daran herum. Er bastelt, er erfindet neue Details, er verwendet völlig neue Technologien. So hat er einem seiner Ski einen Steinkern verpasst, andere sind nur aus einem Material geformt, sind ganz aus Karbon. Für seine Mission hat Jacomet Zai gegründet, eine kleine Manufaktur in der Schweiz, mit der er nichts weniger vor hat, als eine "Revolution im Skibau", wie er das sagt. Dafür gibt der 47-Jährige alles: Am Berg und in seiner Werkstatt in dem kleinen Schweizer Ort Disentis.

Ein Stückchen hinter Chur liegt der Ort, hinter bewaldeten Schluchten mit eisig grauen Wildwassern, bizarren Kalkfelszacken und bedrohlichen Felsstürzen. Rätoromanisch wird hier gesprochen, eine Art kehlig klingendes Italienisch vermischt mit Schweizerdeutschen Fetzen.

Bei Zai sprechen die Mitarbeiter das lokale rätoromanische Idiom Sursilvan, aus dem auch der Name des Unternehmens stammt: Zai wie zäh. Als habe Jacomet schon damals bei der Firmengründung geahnt, was für harte Jahre auf ihn und sein Unternehmen zukommen würden.

Denn auch im siebten Jahr nach Gründung macht Zai noch Verlust.
800 Paar Ski verkauft das Unternehmen pro Saison und machte 2009 einen Umsatz von etwa 2,5 Mio. Schweizer Franken, umgerechnet rund 1,9 Mio. Euro. Eigentlich, sagt man in der Branche, sind kleine Anbieter ab 500 Paar in den schwarzen Zahlen. Aber bei Zai reicht das nicht: Jacomet prasst bei seiner Entwicklungsarbeit.

1 Mio. Franken steckt er jedes Jahr in Löhne und Material für seine Ski, rund 210 Franken je Kilo allein bei dem neuen Modell "Nezza", das diese Saison auf den Markt kommen soll. Dazu zehn festangestellte Mitarbeiter, die teuren Maschinen in den eigenen Räumen - all das drückt die Rendite, macht die Margen deutlich kleiner als im Branchenschnitt. Obwohl die Zai-Ski wesentlich teuerer sind. Das Einsteigermodell kostet 3600 Franken, das teuerste ist für 9800 Franken zu haben.

"Es ist eigentlich ein unvernünftiges, ein dreistes Modell", lacht Zai-Geschäftsführer Benedikt Germanier.

Er ist ein alter Freund von Jacomet, sie kennen sich aus gemeinsamen Skilehrertagen. Anfang 2009 arbeitete Germanier noch als Währungsexperte bei der Schweizer Bank UBS, aber er hatte genug von der "Abgehobenheit der Finanzbranche" und der Welt des virtuellen Geldhinundherschiebens. Ihn beschlich damals das Gefühl, sagt er, dass mancher Kollege für einen guten Trade sogar seine Großmutter verkaufen würde.

"Ich war nur noch eine Henne im Mastbetrieb der Finanzbranche", erinnert er sich.

Darum zögerte er nicht lange, als sein Freund Jacomet klagte, dass Zai Unterstützung bräuchte. "Kann ich Dir helfen?" fragte Germanier sofort.

Und Jacomet antwortete: "Wenn du vernünftig bist, bleibst du, wo du bist. Und ich steige aus dem Luxusmarkt aus."

Doch Germanier war nicht vernünftig. Er kündigte seinen Job als Banker, verzichtete auf sein hohes Gehalt, den Trading Floor, den Bonus, seine 250 Quadratmeter Villa in Connecticut und stürzte sich ins Unternehmertum. "Manchmal weiß man, wenn man etwas einfach machen muss."

Das Werksgelände von Zai liegt auf rund 500 Quadratmetern im Erdgeschoss eines ehemaligen Bauernhofs in Disentis. Die Ski werden mit einer eigens entwickelten Technik geschliffen, die Vorspannungsmessmaschine hat Jacomet einer Universität abgekauft.

Er experimentiert auf höchstem technischen Niveau. Mit pflanzlichem Gummi, mit Materialien, die sonst in der Luftfahrt verwendet werden, und dem besagten Granitkern, der etwa im Modell "Spada" verarbeitet ist. Der Stein ist mit einem Carbonfaserlaminat ummantelt und wird dadurch druckstabil und dennoch biegbar. Er soll die Ski dämpfen und für mehr Laufruhe sorgen. Weil Jacomet nichts von Computersimulationen hält, werden alle Modelle gebaut und dann von ihm selbst getestet.

Es gibt Tage, da kommt Jacomet morgens die Idee, nachmittags steht er dann mit den neu entworfener Brettern schon am Berg. Oder er übergibt das Paar an einen seiner Freunde von der Bergwacht, die dann für ihn Probe fahren.

Die Mitarbeiter von Zai sind alles Fachkräfte, vom Hochbauzeichner bis zum Automechaniker. Die meisten kommen aus der Gegend rund um Disentis. "Man muss die Berge kennen, wenn man Skier baut", sagt Jacomet. Zudem glaubt er, dass Mitarbeiter aus der Gegend seinem Unternehmen verbundener sind und nicht so schnell Betriebsgeheimnisse ausplaudern. Denn natürlich wird wie in jeder Industrie spioniert. Und wenn nicht geklaut wird, wird zumindest abgeschaut. Manch Skihersteller etwa, sagt Jacomet, kopiere inzwischen die von Zai entwickelte Negativstellung der Bindungsplatte, die dafür sorgen soll, dass die Fahrer eine entspanntere Haltung einnehmen.

So ärgerlich das ist, so sehr ist dies natürlich auch eine Auszeichnung. Jacomet genießt den Respekt der Branche, Zai ist so etwas wie das inoffizielle Testlabor der Industrie.

Auf der weltgrößten Sportartikelmesse ISPO in München präsentierte Jacomet im Februar den ersten Vollkarbonski, das besagte Modell "Nezza". Dieses Jahr soll es für einen Preis von 5300 Franken rauskommen, er ist aus reinem Karbon, nur durch Belag und Kanten ergänzt.

Ein weiteres Modell, das Zai in Zusammenarbeit mit Bentley entwickelt hat, ist genau das Gegenteil. Er besteht aus 44 Einzelteilen, normal seien höchstens zehn, sagt Jacomet. 250 Paar werden maximal von dem Bentley-Ski angefertigt. Es ist das teuerste Modell, 9800 Franken kostet ein Paar.

In Zeiten, in denen andere Skihersteller fast nur noch in Billiglohnländern arbeiten lassen, ist die Arbeitsweise von Zai eigentlich viel zu teurer Wahnsinn.

Das ganze Projekt ist Wahnsinn: Die Skindustrie ist ein hart umkämpfter Markt. Und ein schrumpfender. Anfang der 80er-Jahre wurden jährlich noch sieben Millionen Paar Ski verkauft, vergangene Saison waren es nur noch drei Millionen. Wie in diesen Märkten üblich, wird kräftig gekauft, verkauft und fusioniert. Völkl und Salomon etwa, für die Jacomet vor der Zai-Gründung 2003 gearbeitet hatte, haben den Besitzer gewechselt. Der Kostendruck bei der Herstellung ist riesig. Überall werden Kompromisse gemacht, die letzten großen Innovationen wie Snowboarding und Carvingski sind schon lange her. Die Firmen strapazieren ihr Sortiment, "Freeride", "Allmountain", "Backcountry", "Slopestyle", "Big Mountain Ski", alles für Mann und Frau. Die ständigen kleinen Neuheiten haben bei den Skifahrern vor allem zu einem Verhalten geführt: Sie leihen statt zu kaufen. Ein Teufelskreis, in dem nur Billiganbieter überleben.

Oder Highend-Produzenten, sagt Jacomet trotzig. Mehr Genuss, Leistung und Haltbarkeit sollen seine Modelle bieten, sagt er und wird dabei fast sprituell: "Es geht darum, beim Fahren einen Moment des Einklangs zu finden, in dem man Zeit und Raum ganz gegenwärtig erlebt und die Dinge einfach passieren."

Für diese Marketing-Esoterik, die nach einer Mischung aus Werbebroschüre und Erleuchtung klingt, hat er vor Ort einen ungewöhnlichen Unterstützer gewonnen: den Abt des Klosters in Disentis, in dem Jacomet zur Schule ging: "Seit 1300 Jahren sind in Disentis Mönche dem Leben auf der Spur. Sie wollen einschwingen in die Choreografie eines Größeren", wirbt Abt Daniel auf der Zai-Website. Mönche, Tänzerinnen und manchmal auch eine besondere Art von Skifahrern seien wie Zen-Schüler, sagt er. Als wäre Skifahren eine neue Form der Meditation.

Um Jacomets spirituelle Liebe zu den Bergen und zu seinem Produkt zu verstehen, muss man zwei Dinge über ihn wissen.

Erstens: Er ist einer der Vordenker der Branche. Mit 24 Jahren ist er Skilehrerausbilder, betreut Rennteams; mit 30 wird er ins Schweizer Demoteam berufen, wo er zusammen mit den besten Schaufahrern auftritt. Später ist er Mitglied der technischen Kommission des Schweizer Interverband für Skilauf (SIVS). Sein Job: neue und besserer Techniken für Ski zu entwickeln. Zusammen mit den Schweizer Skilegenden Sepp Bürcher und Andy Hangl bringt Jacomet in den frühen 90ern die damals neue Carving-Technik nach Europa. Die Carver wollen einen neuen Stil auf der Piste, lustvoller, effizienter, schneller, freier.

Die zweite Sache, die man wissen muss: In seinem tiefsten Herzen ist Jacomet weder Ingenieur noch Manager. Sondern Künstler. Für ihn sind Ski nicht irgendwelche Bretter, sie sind sein Werk. Das, was er aus seinem Studium der Kunst und Architektur in Florenz gemacht hat.

Seine Zeit an der Uni finanziert Jacomet sich als Skilehrer. Irgendwann kriegten die Talentscouts der großen Skifirmen auch ihn. "Ich wurde umworben, dabei suchte ich die Kunst", erinnert sich Jacomet.

1995 geht er zu Völkl. Ein Jahr später bittet Salomon ihn zu einem Produkttest. Die ganze Entwicklungsabteilung des Unternehmens hat sich versammelt, um zu sehen, was der junge Querdenker von ihrer Arbeit hält. Nicht viel. "Eure Produkte sind Schrott", teilt Jacomet der Mannschaft mit. Am nächsten Tag kommt ein Angebot von Salomon. Forschung und Entwicklung. Weltweit. Jacomet sagt zu.

Er entwickelt, tüftelt, arbeitet - aber ist irgendwann frustriert von der Verzagtheit und Massenmarktorientierung des Skibusiness. 2001 verlässt er Salomon und kehrt mit seinen Ersparnissen zurück nach Disentis, den Ort seiner Jugend. Dort baut er zusammen mit einem befreundeten Architekten ein Atelier, um endlich als Künstler zu arbeiten. Doch die Suche nach dem perfekten Ski lässt ihn nicht los. Endlich will er dabei so arbeiten und denken, wie er es als Künstler gelernt hat: Grenzen überschreiten. Provozieren. Alte Errungenschaften und Wissen nutzen. Zwei Jahre später gründet er mit einem Freund Thomas Straubli Zai.

"Zuerst hatten wir die Idee ein wundervolles Produkt zu schaffen", schwärmt Jacomet.

Der Businessplan kommt später. Neben Staubli, Mitinhaber der Investmentfirma Partners Group, findet Jacomet fünf weitere Investoren, die insgesamt etwa vier Millionen Franken Startkapital beisteuern. Der ehemalige Salomon-CEO Jean-Luc Diard stößt später dazu, er sitzt im Verwaltungsrat. Genauso wie Walter Bosch, Verwaltungsratsmitglied der Fluggesellschaft Swiss und des Schweizer Kabelnetzbetreibers Cablecom. Auch Dominique von Matt von der Werbeagentur Jung von Matt unterstützt die kleine Skigemeinschaft, Zai braucht eine Identität, muss eine Marke werden. Ein Ergebnis:

Wenn Zai eine Farbe wäre, wäre das Schwarz.
Toll, wenn die Zahlen es auch wären.

"2008 stellte sich für uns die Frage immer klarer", erzählt Jacomet. "Wie gehen wir mit dem emotionalen Projekt um?". Zwei Strategien sind damals denkbar. Entweder so weitermachen wie bisher, in der Hoffnung, dass irgendwann mit ein paar Hundert verkauften Ski mehr der Break-Even erreicht wird. Oder aber volle Kraft voraus, mehr Produkte auf den Markt bringen, die Marke Zai ausbauen und etwas Großes ausprobieren. Voraussetzung dafür aber ist: ein neuer Geschäftsführer, ein strategischer Kopf.

Heftige Diskussionen im Verwaltungsrat folgen, welcher Weg der richtige ist. Jacomet kämpft - vor allem unterstützt von Ex-Salomon-Mann Jean-Luc Diard - um den Ausbau. Und kann den Verwaltungsrat schließlich überzeugen, als er einen ehemaligen Skilehrer mit acht Jahren Erfahrung im Banking als Geschäftsführer vorschlägt: seinen Freund Germanier. Der hat seitdem eine Aufgabe:

"Ich muss Gewinne machen", sagt Germanier.

Im nächsten Jahr will er den Break Even erreichen. Das bedeute, den Absatz von 2009 um fast 50 Prozent zu steigern, auf etwa 1200 Paar Ski pro Jahr. Irgendwann sollen es 2000 bis 4000 verkaufte Paar sein, so viel Potential sieht er. Außerdem hat er in seinem ersten Jahr als Chef die Kosten gesenkt, unter anderem indem er das Marketing, das zuvor ein Fünftel der Betriebskosten fraß, nun aus dem eigenen Unternehmen heraus betreibt. Er kürzte sich selbst das Gehalt, kündigte einer Mitarbeiterin und verklickerte Jacomet, dass dieser nicht mehr so viel Geld in die Entwicklungsarbeit stecken dürfe. Kostenstopp! Für ihn und die anderen von Zai.

Trotzdem war klar: Zai brauchte frisches Geld.

Also suchte das Unternehmen neue Investoren - mit Erfolg. "Wir haben so eine starke Marke aufgebaut, fast nur durch Mundpropaganda, dass die Investoren Potenzial sahen", sagt Germanier. Wie viel Geld vor einem Jahr nachgeschossen wurde, will Zai nicht verraten.

Nun wird die Produktpalette erweitert. Accessoires wie Taschen, T-Shirts und Helme hat Zai eingeführt, auch Zai-Sonnenbrillen gibt es. Eine Brand-Extension im Golfmarkt ist für 2011 geplant. "Economies of Scope im Nischenmarkt", sagt Germanier. Mit Maschinen, die Skistöcke herstellen, könne man doch auch Golfschläger produzieren. Beim Verkauf will Germanier die Zusammenarbeit mit den besten Fachhändlern in den Kernmärkten Schweiz, Österreich und Deutschland intensivieren. Ein Drittel des Umsatzes wird immerhin dort gemacht. Er will versuchen die Margen zu erhöhen, indem er die Aufschläge der Händler neu verhandelt. Und er setzt auf den Ausbau des Werkverkaufs sowie per Internet. Nicht unerfolgreich, wie er sagt: Um 40 Prozent hätten die Vorbestellungen für diese Saison schon zugelegt. Das Wort Zai steht auch für Unbeirrbarkeit, für den Willen, sich durchzubeißen.

So wie Jacomet in Saas Fee nach seinem schweren Sturz vor dem Abgrund. Den ganzen Vormittag fährt er noch Ski, bis die Liftanlagen am Gletscher schließen. Trotz eines riesigen Blutergusses an seinem Oberschenkel. Laufen kann er nach der letzten Abfahrt allerdings kaum noch. Doch Simon Jacomet ist zäh.

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