Kommentar: Digitales Harakiri

428 Franken im Jahr soll die NZZ im Internet plötzlich wert sein. Nachdem die Zürcher Tageszeitung ihren Online-Auftritt dieses Jahr aufgefrischt hat und zudem seit der Zusammenlegung von Print- und Online-Redaktion alle Inhalte der Druckausgabe im Netz veröffentlicht, soll man nun seit gestern zahlen, um die «nzz.ch» zu lesen. Zumindest für alles, was über 20 Gratisartikel, Übersichtsseiten und Service-Inhalte hinausgeht. Das Modell hat man sich bei der «New York Times» und der «Financial Times» abgeschaut. Und dabei etwas übersehen.

Die erfolgreichen Zeitungen im Internet haben jede ihre eigene Strategie entwickelt, warum Leser ihre Seite besuchen sollen. So setzt die aufstrebende «Zeit Online» auf analytische Berichterstattung; «20min.ch» will am schnellsten sein, andere, wie die «Südostschweiz», wollen Leser kompetent über die Welt vor ihrer Haustür informieren. Gleichzeitig perfektionierten Anbieter wie «Spiegel Online» neue journalistische Techniken, quasi in Echtzeit zu berichten, mit Eilmeldungen zu beginnen, dies häppchenweise zu ergänzen und dann durch eine Wendung der Perspektive Lesern innert Augenblicken neue Einsichten zu verschaffen. So holt man Leser ab.

Nichts davon hat die «nzz.ch» geschafft. Es gibt keinen zwingenden Grund, sie zu lesen – und dennoch verleiht sie sich denselben Marktwert wie die viel ergiebigere «New York Times», welche digital 455 Dollar pro Jahr kostet. NZZ-Chefredaktor Markus Spillmann hielt es auch nicht für nötig, seinen Lesern zu erklären, was genau die «nzz.ch» zukünftig liefern werde, damit es sich dann lohne, für das Portal so teuer zu bezahlen, während andere exzellente Anbieter einen Klick entfernt stehen.

Wie kann ein Blatt, das die freie Marktwirtschaft so gut zu kennen vorgibt, solch einen Schritt tun? Es scheint, als würde die schon mit liberalem Missionsauftrag gegründete Zeitung über ihre eigene Ideologie stolpern. Um die Eigentumsrechte an Produkten zu wahren, vergrault sie ihre Kunden. Wem falsch verstandene Ideologie 428 Franken wert ist, der soll zahlen.

Linkzum NZZ KOmmentar vom 3.10.2012

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