Momus Interview

DU Magazin

Freiheit durchs Internet. Befreiung vom Internet.
Mein Interview mit Momus. Erschienen im
Du Magazin.

Bilder Nathan Beck

Wohl niemand in der Popwelt hat das Internet so verinnerlicht wie der Musiker und Autor Momus, bürgerlich Nick Currie. 1995 öffnete Momus, der in der realen Welt nie wirklich grosses Publikum gefunden hatte, den Musik-Kunst-Design-Blog Clickopera um sich dort ein eigenes Publikum «zu formatieren». Mehr als eine Dekade lebte Currie online, mit dem 24 Zoll Bildschirm als Horizont. Kommentatoren aus aller Welt verfolgten seine täglichen Essays, die stetigen Veröffentlichtungen seines Songwriter-Elektropops. Schon 1999 finanzierte er sich mittels eines Webaufrufs ein Album.

Weil er die kulturelle Vernetzungsfähigkeit seines Vorbilds David Bowie mit dem computerbasierten Pioniergeist des Musikproduzenten Brian Eno (u.a. für U2) ins Webzeitalter transportierte, wurde Momus zu einem Link zwischen Generationen und Künsten. Zum Inspirator und artist’s artist. Für das renommierte US-Magazin Wired schrieb er Kolumnen, in Berlin performte er im Hebbel Theater, der Schweizer Literat Christian Kracht liess den «berühmtesten Unbekannten des Pop» in seinen Werken auftauchen. Nach Stationen in Glasgow, London, Paris, New York und Berlin zog der gebürtige Schotte 2010 nach Osaka. Momus Wirken ist wie das Internet: Es scheint überall gleichzeitig in allen Bereichen stattzufinden.

Doch für den Avantgardist ist die kulturelle Utopie des «Web 2.0» gestrandet. Clickopera schloss 2010. Als Literat lebt Momus nun seinen hochinformierten, sexualisierten Dandyismus fort. Print-only, keine Kommentare. Momus fühlt sich «post-Internet». Aber seine künstlerische Praxis wurde durch die digitale Welt umformatiert: Er entwickelte eine andere Art zu Denken und sich auszudrücken. Heute habe die «Lüge», das Erschaffen von Welten aus dem Nichts, das Internet ersetzt, sagt der 51-jährige.

HG: Nicholas Currie, Ihr Pseudonym Momus wurde eigentlich erst im Netz zum Popstar – dank «Clickopera», einem Blog, den Sie fünfzehn Jahre lang betrieben und 2010 plötzlich geschlossen haben. Haben sich Ihre Vorstellungen vom Web nicht erfüllt?

Momus: Sie sind alle gestorben. Das Ende meiner Begeisterung für das Internet ist erreicht. Fünfzehn Jahre meines Lebens waren dominiert vom diesem Window, diesem Rahmen (deutet einen Bildschirm an).

...

Sie verliessen das Web 2.0, die Welt des direkten Feedbacks. Ihr kommendes Buch über Japan erscheint nur gedruckt, nicht digital. Sind Sie ein Reaktionär geworden?

Ich habe die Kommentare auf meiner Website zu sehr geliebt. Auch die feindlichen. Ich habe sie genossen. Aber es zieht dich nach unten. Es gab einige Kommentatoren, die begannen, die Art und Weise zu verändern, wie ich dachte und arbeitete. Sie wurden zu Stimmen meines eigenen, inneren Monologs, übten übermässigen Einfluss auf mein Werk aus. Ich fing an, im Vorhinein meine Argumente zu rechtfertigen gegen ihre zu erwartenden Einwürfe. Was ich aus dem Internet mitnehme, ist, in meiner Arbeit Attacken zu antizipieren. Die Prolepsis. Das bedeutet, aus der Zukunft heraus zu denken, sich in andere hineinzuversetzen, ihre Zweifel zu antizipieren und das eigene Argument dagegen zu rechtfertigen. Die Prolepsis dreht sich darum, die langweiligen, die vorhersehbaren Bewegungen zu ver- innerlichen. «Was ist deine Meinung?» Es schien so wichtig in den 2000er-Jahren. Ich war verloren im Labyrinth der Meinungen. Ich selbst kann viel spannendere Einwürfe machen als die Einwände meiner Kommentatoren. Ich schlage vor, zu einer Null-Kommentar-Kultur zurückzukehren.

.....die Druckausgabe Du Magazin "Digitales Leben" April 2011 im Handel.

Du Magazin Momus


Additional statement from Momus


I think one thing that should certainly be in the finished piece is the idea that the hivemind of the bulletin board requires EITHER agreement with an opinion which is within the "Overton Window" of their particular worldview, OR a staunch individual defense of a strongly-held alternative opinion. What the hivemind cannot tolerate -- and what it therefore brands as "trolling" -- is precisely what the artist (the good one) has traditionally done: orchestrated within himself, without the conviction of "opinion", a series of voices located on the cracked edges of interesting social faultlines. For the hivemind, this is "straw-manning" or "trolling" or "essentialism", and is seen as a crime, a new sin. There's no doubt at all that if Nietzsche, Bataille, R.D. Laing, McLuhan or even La Fontaine unfurled their ideas first on an Anglo-Saxon bulletin board they would be, soon, deeply unpopular and, later, banned. But even in saying this I am (prolepsis here) "straw-manning" and "trolling". Probably because I was educated in ancient academies dominated by the idea of the spiky contra-consensual "genius" rather than the modern academy of the web.


Das Gespräch fand anlässlich der Zürcher Dada Festwochen "Motel Nirwana" in der Roten Fabrik statt. Herzlichen Dank an Mark Divo und Kyros Kikos.

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