Somalia ist nicht Afrika

Schwarzmaler klagen angesichts des Hungers in Somalia, Afrika sei ein hoffnungsloser Fall. In Wahrheit geht es in den meisten seiner 54 Länder steil aufwärts.

Von Hannes Grassegger

29 000 Kinder seien in Somalia bereits an Hunger gestorben, schätzt die amerikanische Regierung. Das ist schrecklich. Schlimm ist auch, dass die grauenhaften Bilder in der westlichen Welt ein Präjudiz wiederbelebt haben: den Afropessimismus.

Auf einen Schlag scheinen die ermutigenden Zeichen aus Afrika vergessen: die revolutionären und reformerischen Bewegungen im Norden (etwa in Tunesien, Libyen, Ägypten) oder die erfolgreiche Fussball-Weltmeisterschaft in Südafrika.

Kaum kamen die Bilder aus Somalia, war von einer «Krise am Horn von Afrika» zu lesen. Daraus wurde «die Krise in Ostafrika». Und diese Vision wuchs sich zu einer «in den Abgrund stürzende Weltregion» aus. Angesichts der Hungerkatastrophe, verursacht durch das Wetterphänomen La Niña, und jahrzehntelangen Bürgerkriegs entwerfen Journalisten, internationale Organisationen und Regierungen ein Elendsszenario, das viele Menschen verwirrt. Sie beginnen, Somalia mit Afrika zu verwechseln.

Wer bei der Glückskette für Somalia spenden will, muss in den Betreff schreiben: «Afrika (Hungersnot)». Zeitungsleser sprechen in Webkommentaren von «der afrikanischen Katastrophe». Einer empfiehlt «die Rekolonialisierung» eines Kontinents, der sich nicht selber helfen könne. Ein anderer fordert «Afrika» wütend auf: «Übernehmt mal endlich eure Verantwortung für den Kontinent.»

Die meisten Staaten boomen

Tatsache ist: Afrika, das heisst die Mehrheit der 54 Staaten des Kontinents, boomt. Investoren sehen in den afrikanischen Märkten die «letzte grosse Herausforderung», nirgendwo sind laut der Unctad, der UNO-Konferenz für Handel und Entwicklung, die Erträge aus Direktinvestitionen höher.

Eine McKinsey-Studie kam 2010 zum Schluss, dass das Wirtschaftswachstum in Afrika nicht nur von Rohstoffen kommt - es wird zunehmend investiert. Und eine unlängst veröffentlichte Umfrage von Ernst & Young zur «Africa Attractiveness» zeigte: 42 Prozent der 562 befragten Wirtschaftsführer wollen auf dem Kontinent investieren.

Vor allem Unternehmen aus Schwellenländern wagen den Schritt tatsächlich. Der sogenannte Süd-Süd-Handel mit den Bric-Ländern (Brasilien, Russland, Indien und China) treibt Länder wie Nigeria, Sambia, Uganda oder den somalischen Nachbarn Äthiopien an. Sie alle haben 2010 über 6 Prozent Wirtschaftswachstum verbucht. Die letzte Wirtschaftskrise überwanden die meisten afrikanischen Länder sogar besser als die EU und die USA: Dort fiel das Bruttoinlandprodukt (BIP), in Afrika wuchs es. Gewiss, das Niveau ist noch niedrig; das BIP des gesamten Kontinents entsprach 2008 jenem von Brasilien. Aber der Aufschwung ist Tatsache. Und spürbar.

Somalia ist nicht Afrika

Hilfsorganisationen warnen nun vor einer Ausdehnung der Hungersnot auf Äthiopien, Kenia und Uganda. In Nairobi, Kenias Hauptstadt, seien keine Anzeichen für eine Krise zu erkennen, sagt allerdings der Autor und «Economist»-Korrespondent Jonathan Magnus Ledgard auf Anfrage. Bemerkbar sei vielmehr der wachsende Wohlstand: Die Zahl der Autozulassungen habe sich seit 2008 vervierfacht, diejenige verkaufter Laptops, Smartphones und Kühlschränke gar versechsfacht. Haupttreiber des Wachstums seien die neuen Wirtschaftsbeziehungen und der grosse Pool junger Menschen, hält Afrikakenner Ledgard fest. Fast die Hälfte der Afrikanerinnen und Afrikaner seien Kinder.

Somalia ist ein Ausnahmefall, wie Ex-Kriegsberichterstatter Ledgard in seinem jüngsten Buch «Submergence» schreibt: «Somalia ist nicht das Afrika, das man kennt.» Für die Hauptperson des Buches ist es Sinnbild der Hölle. Doch ein Land allein kann nicht Grund für die Verteufelung eines ganzen Kontinentes sein.

Was verrät das europäische Gejammer über die ewige «afrikanische Katastrophe» über uns? Ist es die Angst vor der Stärke einer heranwachsenden Jugend, die mit aller Kraft an die Töpfe drängt - und alle Grenzen sprengt?

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