Donnerstag, 15. September 2011

ECOPOP – EINE ZU EINFACHE FORMEL?

Von Hannes Grassegger

Ein Thema, das die Runde macht: Diesen April lancierte der in Winterthur ansässige Verein Ecopop eine Volksinitiative, die den Zusammenhang zwischen Umwelt (Ecologie) und Bevölkerung (Population) ins öffentliche Bewusstsein rücken soll. «Stopp der Überbevölkerung – zur Sicherung der natürlichen Lebens- grundlagen» heisst die Initiative und fordert eine Beschränkung der Nettozuwanderung in die Schweiz auf jährlich 0,2 Prozent der Bevölkerung sowie eine Verwendung von 10 Prozent der Entwicklungshilfeausgaben zur Förderung der freiwilligen Familienplanung durch Aufkläruung und besser zugängliche Verhütungsmittel in Entwicklungsländern.

Der nach eigenen Angaben 500 bis 600 Mitglieder zählende Verein sendet auf allen Kanälen. Ecopop Vorstandsmitglied Benno Büeler trat in der «Arena» auf und wurde in der Presse anschliessend als der «Grüne Messias» bezeichnet. Im selben Zuge wurde Ecopop mit seiner rechten Vergangenheit konfrontiert. Zudem schöpfen die Initianten kräftig aus dem Gedanken der wachstumskritischen Décroissance-Bewegung.

Die von allen Ecopop-Vertretern zitierte Formel:

Umweltbelastung =
Produkt aus Bevölkerungszahl X Pro-Kopf-Verbrauch


stammt noch aus dem Jargon der Vorgängerorganisation Nationale Aktion, blieb aber bis heute Grundlage der Ecopop-Weltsicht. Heutige Ecopop-Vertreter wie Büeler weisen allerdings die rechte Verortung von sich. Sie sehen sich als Tabubrecher, die das «heisse Eisen» Bevölkerungswachstum ausserhalb des politischen Links- rechts-Schemas anpackten.

In der Diskussion zu Ecopop aber wurde ein auffälliger Zusammenhang übersehen: die frappierende Ähnlichkeit der Ecopop-Ideen mit denen der Deep Ecology (Tiefenökologie), der philosophischen Grundlage radikaler Aktivisten wie Earth First und Sea Shepherd.

Auffällige Parallele zur Tiefenökologie

Der Deep-Ecology-Gründervater, der norwegische Philosoph Arne Naess (1912–2009), veröffentlichte den Aufsatz «The Shallow and the Deep» («Das Seichte und das Tiefe») im Jahr 1973. In einer Zeit, in der auch Paul Ehrlichs Buch «Die Bevölkerungsbombe» (1968) vor angeblich katastrophalen Folgen des Bevölkerungswachstums warnte. 1972 veröffentlichte der «Club of Rome» die dramatische Studie «Die Grenzen des Wachstums» und brachte die Idee «natürlicher Grenzen» wieder ins Spiel. Innerhalb eines Jahrhunderts würden "absolute Wachstumsgrenzen" erreicht, was zu einem Kollaps in der Form eines rasanten Bevölkerungsrückgangs oder Massensterbens führen würde. Oft zitieren Ecopop-Vertreter die letzteren Bücher.

Doch Arne Naess und seine Tiefenökologie scheinen bei Ecopop offiziell kein Thema zu sein. Auf Anfrage des Magazins Greenpeace verneinen die beiden Vorstandsmitglieder Sabine Wirth und Alec Gagneux, die Werke von Naess näher zu kennen. Der Zusammenhang zu Naess’ Tiefenökologie zeigt sich aber in leicht nachvollziehbaren Parallelen.

Philosoph Naess grenzt eine «tiefe» von einer «seichten» ökologischen Haltung ab: «Seicht» ist jene ökologische Perspektive, die den Menschen in den Mittelpunkt der Schöpfung stellt. «Tief» ist, was ihn als Teil eines Ökosystems sieht. Die seichte Ökologie kümmere sich nur um Wohlstand und Gesundheit der Menschen in entwickelten Ländern, statt ein «tiefes» Verständnis zu entwickeln, klagt Naess an.

Ganz anders die «tiefe» Ökologie» mit ihrer «Gesamtsicht»: Der Mensch ist Teil eines Biosystems, in welchem der Mensch prinzipiell die gleiche Wertigkeit hat wie jedes andere Element. Er geniesst also keine absolute Sonderstellung, ist nicht Herr der Schöpfung.

Gegen den Mensch als Mittelpunkt der Schöpfung

Deep Ecology wendet sich explizit gegen den Anthropozentrismus. Jedes Lebewesen, jede Spezies zählt für Naess moralisch gleich. Alles andere wäre schliesslich «Spezizismus».

Auch die Biodiversität habe einen Eigenwert an sich und darf laut Naess nur bei «vitalen Interessen» durch Menschen beschädigt werden. Interessant ist, dass bei Naess sogar die kulturelle Diversität ihren Eigenwert hat. Manche kulturelle Grenzen hält Naess für unüberbrückbar.

Von diesem «Pluralismus» ist es ein kleiner Schritt zur Vorstellung, dass verschiedene «tiefe» Ökosophien - definiert als Weisheiten des Haushalts - entstehen können. Jede tiefe Ökosophie ist für Naess eine «Philosophie ökologischer Harmonie oder Gleichgewichte».

Gleichgewicht, Diversität – im Kampf gegen die rapide Verschlechterung der ökologischen Situation könne eine Populationsminderung beim Menschen notwendig werden, wie Naess mehrfach fordert, «auch im Interesse der Menschen» selber.

Hier setzt Ecopop an. Naess selber hatte die politischen Möglichkeiten seiner Konzepte früh erkannt.

«Es gibt politische Potenziale in dieser Bewegung, die nicht übersehen werden sollten (...)», schreibt Naess 1973. Deep Ecology ist für ihn als «Pluralisten» lagerübergreifend von links nach rechts. Wichtig ist ihm auch lokale Autonomie als Form der Unabhängigkeit; der Fokus auf Lebensqualität statt auf «messbarem Lebensstandard». Wachstumskritik ahoi.

Naess’ Ausführungen zur Tiefenökologie, zur Diversität, werfen zwangsläufig Fragen zur Migration auf. Migration von Armen in reiche Länder aus wirtschaftlichen Gründen lehnt Naess ab: «Jede verantwortungsvolle ökologische Policy wird versuchen, diese abzuschrecken oder zu minimieren.» Naess bevorzugt Entwicklungshilfe vor Ort. Genau wie Ecopop.

Drastische Massnahmen

Und der Norweger dachte uber drastische Massnahmen der Geburtenkontrolle nach: In einem Text zu Populationsfragen liefert Naess Ansätze zur höheren Besteuerung von Eltern. Die Idee ist, Nachwuchs zu verhindern zum Zweck einer langfristigen Bevölkerungsabnahme. Kinder kosteten die Gemeinschaft «gleich viel oder mehr als alte Menschen», notiert der Philosoph. Er selbst starb mit 97.

Der Mythos vom vollen Boot

Nicht nur tauchen bei Ecopop Naess’ «zwei grosse Ziele» Reduktion des totalen Konsums und Reduktion der Bevölkerung zugunsten des Biosystems in der anfangs erwähnten Ecopop-Formel auf. Auch Ecopop verbreitet seit Jahren den Gedanken, dass Kinder einen Staat mehr kosten würden, als sie ihm brächten.

Ein Dunst von Eugenik und unwertem Leben schwebt über der «Philosophie». Naess – der inoffizielle Vordenker – sah sich an einem Punkt dann gezwungen, die Dinge in einem Aufsatz klarzustellen:

«Der antifaschistische Charakter der (...) Tiefen- ökologie-Bewegung» : Letztere messe jedem menschlichen Wesen den gleichen Wert bei und lasse sich nicht mit faschistischem, nationalistischem oder rassistischem Gedankengut vereinbaren.

Doch im selben Aufsatz anerkennt Naess den fundamentalen Bruch mit der Kernidee der Aufklärung: Die Kantsche Maxime, bekannt als die «goldene Regel», müsse für die Tiefenökologie erweitert werden. Aufgrund des Eigenwertes aller Wesen müsse sie lauten: «Kein lebendes Wesen sollte rein als Mittel zum Zweck benutzt wer- den.»

Klingt plausibel, bedeutet aber: Die Interessen des Menschen stehen in einem Tauschverhältnis zu denen anderer Lebewesen.

Genau dies hält Alec Gagneux, Ecopop-Vorstandsmitglied, für die Gemeinsamkeit innerhalb von Ecopop. Im Interview fordert er, dass die goldene Regel entsprechend erweitert werde. Anlässlich eines Vortrags in Zürich klopfte er sich nach einer langen Erörterung der aus dem Bevölkerungswachstum resultierenden Umweltprobleme erregt auf die Brust: «Die Philosophie vom Menschen im Mittelpunkt find ich eine Sauerei! Der Regenwurm denkt auch, er sei wichtiger als ich.»

Radikale Idee mit Integrationspotenzial?

Einer stimmt ihm laut zu: Walter Wobmann von den Schweizer Demokraten. Ein Ex-Grüner, der zur nationalistischen Partei wechselte, weil er dort die wahren Kämpfer gegen Globalisierung sah. Durch Zuwanderungsstopp wolle er die Heimat gegen eine multikulturelle Zukunft schützen, erzählte er einst. Wobmann verteilt Flugblätter, redet von «Überbevölkerung». Sein Fazit: Die Schweiz ist voll.

Trotz der nationalen Orientierung von Ecopop erklärt Sprecher Benno Büeler, dass ihm «langfristig die Massnahmen im Ausland wichtiger seien als eine Zuwanderungsbeschränkung». Es geht schliesslich um die ganze Welt als ein Biosystem. Und nicht nur in der Schweiz denkt man so. Der – liberale – amerikanische Globalisierungsanalytiker Thomas Friedman schrieb jüngst in der «New York Times» einen heftig diskutierten Beitrag unter dem so vielsagenden wie abschliessenden Titel: «Die Erde ist voll».

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