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Dienstag, 29. Mai 2007

Carson und Helvetica- Will this typeface last forever?

Ein Abend mit einem gewissen David Carson. Ein Typ der vom Surfmag zur Pepsi Werbung kam und über dessen Arbeiten sich Studenten streiten. Wäre ich er, würde ich am Strand leben und nur noch mit meinem Board rumplanschen. Doch Carson sucht Helvetica.

von Hannes Grassegger

Ich weiss nicht wer die Idee hatte uns ins „Le Lyonnais“ zu schleppen. Eine Paneldiskussion (Thema: Will this typeface last forever?), eine Plakatprämierung, eine Filmpremiere, alles drehte sich um die schöne „Schweizerin“ - und dann geht man ins „Lyonnais“. Vier Tafeln stehen bereit, weiss gedeckte Tische, die Speisekarte auf Deutsch und Französisch, an den Toiletten steht Messieurs und Mesdames. Das teure Restaurant der amerikanischen billig Kette „Best Western“ liefert ein fakes Klischee der französischen Jahrhundertwende. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es einen stilloseren Ort in der Nähe der HGKZ gibt, es muss sich um einen zynischen Scherz handeln.
Die separaten Tische haben automatisch Fraktionen kreiert. Uns gegenüber ist die VIP Ecke mit Verleger Lars Müller, Professor Erik Spiekermann, Filmmacher Gary Hustwitt und Alfred E. Hoffmann nebst Gemahlin. Nebenan die Young Professionals: Norm Crew mit Manuel Krebs, begleitet von der Inhaberin des Basler Lehrstuhls für Typographie, der deutschen Marion Fink. Rechts dinieren Iris von Soda und Company. Man parliert.
Ich hänge mit Karin, Nickname Play, unserer Porträtfotografin (die sich als Stylehunterin bezeichnet) einsam im Eck, unsere Tafel bleibt leer. Wir sind beide nicht so richtig locker. Irgendwie hatte ich immer Vorbehalte gegen Grafiker und gegen Celebrities sowieso. Blitzlicht, Cash und Oberfläche. Heute sitzen genau solche Leute zusammen, diesmal bin ich voll reingerutscht. Ein lockeres B2B Dinner mit Werbern, das Gegenteil von crazy. Mir ist eng zumute im schwitzigen Lyonnais, im kleinen Zürich, in der herzigen Schweiz.

Bis David Carson (I’m always late. Never exact, never been) den Raum betritt und sich zu uns gesellt. Die gelblich verputzten Wände, die grauschwarzen Marmor-Applikationen irritieren ihn. „It’s so tacky here, who chose this restaurant?“. Er lächelt, der Wein kommt und wir fangen an zu plaudern. Kennengelernt haben wir uns vor zwei Stunden, nach einer Paneldiskussion an der sich Carson mit Spiekermann eine kleine Schlacht lieferte. Nicht unspektakulär, zwei alte Topdogs im Zweikampf, sie kannten sich und wiederholten alte Argumente: „I don’t see much use in Helvetica“ meinte Carson dort, „but maybe if Erik could speak in Helvetica I would understand him“. In der Pause danach bat ich ihn uns jemanden zu zeigen der Helvetica verkörpern könnte.
Carson ist ein entspannter Tischnachbar, Lachfalten, braungebrannt, die Haare etwas länger. Er hat auffällig lange Fingernägel, fast wie ein Gitarrist. Jeans und Turnschuhe, dazu ein knitteriges Hemd, fertig ist die Abendgarderobe. Ich spüre die Nineties, Bill Clinton, Subkultur und meine Teeniezeit.
„Vorhin als ich nach Mister Helvetica fragte hast du auf mich gedeutet. Als ich dich dann nach einer Beschreibung fragte meintest du Mr. Helvetica sei grau, langweilig, ein bisschen overdressed und stumpf. Vielen Dank! Immerhin bin ich nicht bemüht underground.“
Wir lachen. So war das nicht gemeint, sagt er, „maybe it was because of your haircut“. „Kommt vom arabischen Friseur, ich verlange immer eine deutsche Frisur und warte was passiert“ entgegne ich. „I’d never let them do what they think is appropriate for an old guy like me. I tell them exactly what I want“ meint David.

Ich freue mich über diesen Typ. Er hat etwas an sich, dass dem Abend Perspektive gibt, ein Bilderbuch Ami der viel herumgekommen zu sein scheint und offen spricht. Wir müssen ihn unbedingt auf die Party mitnehmen meint Play, sehen was passiert.
Carson erzählt wie es überhaupt dazu kam dass er Designer wurde. Es war Stacy Peralta, legendärer Übervater der Powell-Peralta Skate Company, ein alter Freund, der ihn einst anrief um ihn zu fragen ob er nicht das soeben gegründete Transworld Skateboard Magazine gestalten wolle. „The first issue was fucking ugly, really shitty. They didn’t know how to go on, but they wanted to have this magazine. Something contrary to Thrasher Magazine, something not punky. They didn’t like their negative attitude. One day I sat with some friends from college, dining. Then there was this phone call from Stacy: Hey David, wouldn’t you like to design the second issue of Transworld? I said yes. Everything evolved from surfing.“ „Surfst du?“ frage ich, und denke na ja, wird wohl so ein Oldie sein der sich das in Kursen angelernt hat (David war Profi Surfer in den 70ern und wurde zu den 10 besten Surfern der Welt gerechnet, Schande über mein Haupt). „Well, I have this house in the West Indies, perfect swell out there. Anytime I can, I go there for surfing. Personally I prefer short boards.“

hesurfs

Ich fange an zu träumen. Ein Haus am Strand, morgens vom Balkon die Wellen checken, mittags kurz zum Office nach NYC ein paar Ideen rauslassen, Cash machen und ab zurück an den Beach, rein in die Brandung. Am Abend vielleicht mit Stacy Poolskaten. Carson hat zwar die „Drei Wetter Taft“ Frisur, sein Style ist aber echt. Doch eine Frau, die hat er nicht. Neben mir sitzt kein verbissener Karrierist der die „richtigen Connections“ gemacht hat, Carsons macht einfach was er gut findet. Eine Ausgabe von Transworld nannte er die „Cold Boring Issue“.
Ich habe in Berlin mal die Beastie Boys getroffen, genauso unverkrampfte Typen die niemandem mehr was beweisen müssen. Coolness ist nicht so einfach wenn alle etwas von dir wollen. Eine ganze Menge Grafiker würden sicher einiges dafür tun mit Carson Visitenkarten zu tauschen, ihm unverlangt Portfolios schicken und selbstgestaltete Geburtstagskarten. Von mir will niemand was, ich bin mittlerweile easy, auch Play entspannt sich zusehends, vielleicht liegt es am Wein, eher aber an David.
Irritiert betrachtet dieser die Karte, bis ich ihm empfehle doch traditionelle Schweizer Küche zu probieren. Das Essen kommt und David fällt die Kinnlade herunter. Ein grandioser Flop. Scheusslich, furchtbar und grauenerregend was da vor dem Ästhet aus Texas steht. Ein fettiges kleines Sauerkraut Matterhorn, begraben unter einem fahlen Haufen Fleisch, eine Berner Platte vom Traurigsten. Ich schäme mich. (Bild Play)

Mittlerweile hat sich ein älterer Herr zu uns gesellt, ein Schweizer wie gemalt; graue, korrekt geschnittene Haare, Tweed Jacket und Hemd. Es ist der Chef von Radio DRS, er zeigt reservierte Freundlichkeit und erzählt von einem Schlachtfest dass er jährlich bei sich veranstaltet. Erik Spiekermann hat ihn eingeladen, Carsons Kontrahent. Mir wird unwohl. Was mache ich hier, wie konnte ich Carson nur zu diesem Fleischhaufen raten. Zögernd sitzt dieser vor seinem unberührten Teller. „I ordered it. I have to eat it. It’s my fault. I will eat it. I don’t want to.“ Gemeinsam überreden wir den ausgehungert wirkenden Prediger intuitiver Gestaltung sich doch etwas anderes zu ordern. „Ok. Did you see what Erik had? I’d like to have the same - but please, don’t let him know!“ Wir lachen. Der Surfer will ein Steak.

Nach dem Essen steigt die Stimmung spürbar. Wir trinken weiter. Der DRS Chef ist bereits auf dem Heimweg und David erzählt von einem dreiwöchigen Lehrgang den er 1983 in der Schweiz belegte. Einst habe man ihn dann wieder geladen, nach Basel „but they didn’t want me to talk at the campus , because of my different ideology. They wanted to take me to some remote offspace. Finally I didn’t go.“ Die Schlacht um die theoretische Vorherrschaft in der Grafik wird mit harten Bandagen geführt, denke ich. Da taucht Spiekermann auf, der deutsche Professor, Meister der Theorie. Er ist im gehen und weist uns zurecht. „Hättet ihr in Amerika neben jemand geraucht der gerade isst hätte man euch schon lange erschossen.“ Ein seltsamer Moment, eine lange, seinerseits sehr herzliche Verabschiedung von Carson folgt. Ist das die Deutsch-Amerikanische Freundschaft? Der Amerikaner ist verwirrt. „No, they wouldn’t have shot you in America. And besides, who is this Spiekerman? What did he do for Graphicdesign? He’s just a businessman. Everytime they are planning a panel, they take him just because they don’t know anybody else from Germany. It’s like: South Africa – we take this guy, France? Him. Germany? Hmmm.. Ah! I know, let’s take Spiekermann. Alright next. He’s like a frustrated comedian to me.“ David ist in Fahrt. „Some years ago, I really expected german design to go big. I was working with those guys from tomatoe, and I saw that in Germany they had everything you need to make it. One day I told this to a friend of mine, but he said: Look David, they won’t get it. They don’t have this free spirit. He was right.“
Etwas später laden wir die Dozentin aus Basel zu uns, sie entpuppt sich als die Nachfolgerin des Lehrstuhlinhabers welcher Carson einst verbot am Campus zu sprechen. Die beiden verstehen sich prächtig, so schnell werden Gräben geschlossen. Pax Helvetica. Beide entschliessen sich zur Party zu kommen, wir nehmen uns ein Taxi und fahren gemeinsam. Im Auto wird gelacht, nicht nur Carson ist in Hochform. Wir haben Spass. Ich will Spass.
(Bild Play)
Ein paar flotte Smalltalks später treffe ich David an der Bar. „Where is the Basel woman?“ fragt er. Doch diese ist nirgends zu finden. „Ist es nicht einfacher eine Frau zu finden wenn man so lebt wie du?“ frage ich ihn. Er schüttelt den Kopf. „Cash und Fame ändern doch irgendwie gar nichts denke ich. Ihm geht’s genau wie mir.“ Carson sucht, Carson trinkt, Carson flucht. Etwas verloren steht er in der Menge, trinkt weiter und steht abseits. Beats hämmern, Werber labern. Man sieht es ihm an: Kein Grund zu bleiben. An diesem Abend ging alles um die schöne Schweizerin, und Helvetica ist weder „dull“ noch „grey“ noch „stiff“. David mag Helvetica.
Carson ist verschwunden, nicht mehr aufzufinden. Ich suche ausserhalb des Gebäudes, laufe das Maag Areal ab. Es ist kalt und still. Nur an der Bar liegt noch sein Geschenk, ein Buch über Schrifttypen. Ich mache mir Sorgen. Bizarrerweise logiert er im Hotel Walhalla, dort wo all die Götter wohnen. Doch auch am Sonntag keine Nachricht im Hotel. Walhalla ist nicht der Ort für David. David lebt. Und die schöne Schweizerin ist eine Deutsche. Wie sagte Spiekerman an der Paneldiskussion? „In fact we should call Helvetica Teutonica.“
Keine Sorge, am späten Sonntagnachmittag ist Carson im Walhalla aufgetaucht. Unansprechbar sei er gewesen munkelt man. Ich habe ihm sein Buch an der Rezeption hinterlegt. Mit einer CD. Ungefragt. Weil ich ihn mochte. Weil ich mal Skater war und Transworld las und all die Punks nicht mochte die sagten „Skate and Destroy“. Sein Buch über Grafik werde ich mir auch mal holen. Ist bestimmt gut. Bon Voyage, David. Surf it up.
Nur ein Tipp - du musst die Welle spüren.

Interview mit Gary Hustwit

Hustwit, Regisseur des Helvetica Dokumentarstreifens (www.helveticafilm.com) arbeitete früher als Grafiker, später bewegte er sich in Richtung Film. Er begann mit Dokumentarsstreifen über die Bands Death Cab for Cutie oder Wilco, besonders angetan hat es ihm die Musik Sam Prekops. Auch in „Helvetica the Movie“, seinem Debüt als Regisseur spürt man diese Einflüsse. Hustwit ist Amerikaner, einsfünfundsechzig, mit kurzen braunen Haare, mitte Dreissig und ein kleiner Sympath. Seit seiner erfolgreichen Welttournee mit Helvetica ist er aber vor allem eines: Hochzufrieden. Ich fische ihn von der Tanzfläche. Seine Interviewtechnik: Frag mich jetzt, bevor ich nachher zu blau bin. Er gibt mir fünf Minuten

von Hannes Grassegger

hustwit

Mr. Hustwit. Satisfied with today's swiss premiere?

Definitely yes! It’s my first film though, I’ve never before directed a film. I like the way it connects people.

If Helvetica would be a Person. Would it be a her? A him?

I think it’s a her. A short haired brunette, she’d have a pale complexion, maybe 5.8 ft, sort of a slender and athletic built person. Maybe 25 years old

You don’t imagine her to be this kind of an everyday person?

No! No, no (laughs). I think Helvetica depends on how you use it, but …aahm… i think she can be very sexy. Look at all this fashion and cosmetic companys using helvetica. There is something very glamorous about it.

At the end of the movie you are showing the Helvetica addicted Experimental Jet Set. Is this your statement about the ongoing debate concerning the character of Helvetica?

Experimental Jet Set are just the next generation of Helvetica users. I think it’s only the next step after things like late modernism, post modernism and those movements. I looked at them as people having grown up with Helvetica all around, school books and stuff. There is this ongoing push and pull thing in both, arts and design, may it be fashion or music. Order versus chaos. That goes for always back and forth, back and forth, reacting against each other and combing in interesting ways. You have only seen a tiny bit of that in the film, it went from order to chaos to order again. I think now it’s going back to chaos again. Those movements are part of creativity, a different kind of creativity. I think it’s interesting to see how all of these movements come together in typefaces, especially in Helvetica.

So you just used Helvetica to mirror these changes.

Sure, but also the technological changes. You see, the film started with these old metal types and it ends up on the web. Look what just happened in this short period of time! And also with typography. I think 20 years ago nobody knew what this or that typeface is, and nowadays everybody uses typefaces just like a perfume that you can put on and off like you do with your email and stuff. Little eight year old kids have their favourite fonts already. That never happened in history before, it has always been a very distinct branche, and now it is completely democratized. It’s such an interesting moment! What will happen in ten or twenty years from now? What is graphic design then? Children having grown up with using different fonts, what will they produce? With my film I wanted to take a snapshot of this situation and also capture the last 50 years. Maybe in 50 years i’ll do the „100 Years Helvetica“ Documentation (laughs).

What about the future of your film?

Oh! It will run in 100 cities, special events like tonight and normal arthouses, too. It will be on TV here in europe and in the US. The DVD will be released in summer with so many extras, all the interviews, I think I could do a whole Erik Spiekerman disc. (Kein Wunder)

What about the clash between Carson and Spiekerman?

I don’t think it’s a clash. They’re both provocateurs, good at speaking, and they’ve been doing this for so long. Spiekerman is so animated and Carson has this laid back style, but both like to push peoples buttons a little. That’s why they are good in design business, they like to express opinions. It’s a show. I think it’s an intellectual challenge.

Do you see a relation between this cliché of Switzerland and Helvetica?

Yes sure. It’s this international style, late modernism, the Zurich School all these designers of the late 50s, early sixties. I think I can look back and see their quest for objectivity and rationalism and not biasing the information via a typeface somehow. I think i can totally agree, though I haven’t spent enough time in Switzerland but it relates to the way Switzerland is looked at from other countries. That’s one of the reasons why it did so well at the time. everybody wanted it. You have to look at the time when it wasn’t so easy to get that typeface. You had to call Alfred Hoffmann, or even send him a letter and order like one or two tons of metal. People really had to want it, they couldn’t just download it. And also, there wasn’t that much experimentation going on, you had to use typefaces for years and years. If you wanted that Swiss Style or Intenational Style you had to use Helvetica. That was the way it was marketed in the UK and the US. Swiss design in a can. Use Helvetica and here it is!

Many people say Helvetica is neutral. But there are so many contributions added to this typeface. Did you find a character of Helvetica, or do you think it is neutral?

I don’t think it is neutral. It’s more about organisation and clarity. It works with the rationalisation of chaos. It’s the idea of being efficient. Here is the information in the easiest and quickest way. That’s the goal of this typography, not to be neutral.

Maybe that is what explains the strong use of Helvetica nowadays, in a world of so much information?

Exactly. Look at all the mass media, the information fodder everywhere. We need this sort of clean cut through that. All these crazy things around. We don’t need them in crazy colours and lettering. Sometimes I need the information clean, pure and direct.

So what are your future projects like in comparison to your Helvetica documentary?

Oh...i have a bunch of projects going on. Before that I will tour around the whole globe for half a year presenting it to the audience. But the next thing will hopefully be more direct. Like hanging around with maybe Tom Waits for two weeks or something. Just hang out and film, no questions, no answers. It is funny. I originally started with the idea to make Helvetica a more atmospheric, less structured movie than it ended up being. But then the project and the people in it took over and the film developed a live of its own. Sometimes you have to follow what the subject matter implies and let it lead you where it wants to go. Helvetica wanted the film to be like it is now.

So do you agree with the opinion that Helvetica implies a whole concept, an idea?

Yes, totally. It’s something like Manuel Krebs (Norm) mentioned in the film. It’s the shape of Helvetica with all these squares and straight lines that makes you want to have things lined up and be in order.

Interview mit Erik Spiekermann

Prof. Dr. h. c. Erik Spiekermann steht auf seiner Karte. Spiekermann unterhält Büros in London, Berlin und San Francisco, er doziert an der Uni Bremen. Der Deutsche wurde 1947 geboren und ist als Typograph bekannt geworden, er schuf u. a. die FF Meta. In Google findet man 132.000 Einträge über ihn, auf Wikipedia seine Bio.

von Hannes Grassegger

Der hagere Managertyp hat ultrakurze blonde Haare, trägt eine unauffällige Drahtbügelbrille und seinen Anzug selbstverständlich ohne Krawatte, gerüchteweise bevorzugt er eine flotte Fliege. In einem beinahe aberwitzigen Tempo schleudert er Slogans um sich, seine Mimik ist belebt, sogar wenn er nicht reden darf. Darauf wäre Lagerfeld sicher nicht neidisch, doch wie dieser ist Spiekerman eine erfolgreiche Diva. Er hat etwas sehr deutsches an sich, für ihn ist es keine Beleidigung Ingenieur genannt zu werden. Erik ist bissig, über Intuition im Grafikdesign streitet er sich am liebsten mit David Carson. Spiekermann weiss vieles und auf seinem ständig aktualisierten privaten Blog teilt er dies auch gerne mit. Erik der zähe Hund im Interview, spontan angefragt, direkt nach der Erstaufführung der Helvetica Dokumentation. 1056 Wörter in zehn Minuten, aufgepasst Studenten.

spiekermangrassegger

Herr Spiekermann, Wir arbeiten für SODA Magazin an einem Fanzine über die heutige Veranstaltung.

Soda Magazin? Was ist das? Ein Schweizer Magazin? Dürfen das Deutsche überhaupt lesen?

Sie sind extra für diesen Anlass in die Schweiz gekommen?

Ja. Erst habe ich Nein gesagt, und ein paar Tage später dann doch zugesagt. (Gerüchte lassen vermuten, dass er zusagte als er mitbekam, dass David Carson auch kommen würde)


Ihr Kommentar zum
Helvetica Film?

Hat mir gut gefallen. Besser als ich dachte. Ein bisschen lang vielleicht, aber für uns ist so was nie zu lang, weil ich kenne natürlich alle Mitwirkenden, dass ist auch so’n Déjà-vu, ein paar Leute haben früher auch bei mir gearbeitet. Und vor allem den Alfred hab ich schon länger nicht gesehen. So 15 Jahre. Da hab ich mich riesig gefreut. Auch die Musik war klasse. Richtig gut. Ohne Musik wäre man eingeschlafen.

Ist das nicht seltsam? 90 Minuten Film - über einen Schrifttyp?

Finde ich überhaupt nicht. Hab auch schon mal einen gemacht, aber einen Kürzeren. 12 Minuten über Typographie. „Type O Mania“. War in den 80er Jahren.

Und was war der Disput während des Panels mit David Carson?

Ach, den machen wir seit Jahren. Wir sind einfach nicht der gleichen Meinung. Ich finde es kindisch Regeln zu brechen die man nicht kennt. Das kann doch jedes Baby. Ein zweijähriges Kind macht sich in die Hose. Das ist okay - es kennt die Regeln nicht. Wenn man sich mit Fünf in die Hosen macht - dann kriegt man auf die Ohren! Weil dann kennt man die Regel dass man sich nicht in die Hose scheissen darf. Eine Regel zu brechen die man kennt, das ist dann eine intellektuelle Leistung. Und das muss man absichtlich machen, dann ist man ein Rebell. Nichts gegen Talent und Emotionen. Aber man sollte es nicht als intellektuelle Leistung verkaufen. David hat unheimliches Talent, er hat ein Talent dass ich nicht habe, er ist ein digitaler Maler wie auch Neville Brody. Aber daraus sollte man keine Theorie entwickeln. David sollte das mit dem theoretisieren lassen. Der kann Prima gestalten, wozu braucht der eine Theorie? Für euch Journalisten? Ihr wollt immer Theorien hören! Dass war auch bei Neville so. Neville ist ein obergeiler Gestalter (Das fänden Norm jetzt funky), ich habe sehr viel mit ihm gearbeitet. Ich mache immer die Raster, und Neville haut so rein. Das kann der! Und dann hat ihn irgendwann die Presse gezwungen so ’ne Theorie zu entwickeln. „Warum Herr Brody? Warum?“ Daraufhin hat der angefangen so’ ne Scheisse zu erzählen, das ist schwachsinnig.

Es scheint zwei Lager im Grafikdesign zu geben. Die einen arbeiten eher rational, die anderen intuitiv. Wo stehen Sie?

Ich bin ja eher der Rationale. Wobei, eigentlich bin ich ein Zwitter. Ich bin ein rationaler Chaot, wenn es so was gibt. Deswegen kann ich beide Lager verstehen. Und Beide haben Recht. Streit lohnt sich gar nicht. Deswegen kann ich diese Holländer gut verstehen (Spiekermann meint Experimental Jet Set), die haben überhaupt keine Lust sich auf den Streit einzulassen. Die haben sich bewusst für Helvetica entschieden. Man darf so was nicht aus Faulheit konsumieren. Es ist wie mit McDonalds. Wenn man sich so ’n blödes Brötchen holt weil man kein Bock hat zu kochen, dann ist das doch Scheisse. Aber wenn man sagt „Oh, Ich liebe McDonalds“ Dann ist das Okay. So ist das auch mit Helvetica.
Kann sowieso jeder machen was er will. Es gibt soviel Kollegen die eigentlich nur tun was sie können, dann denken sie plötzlich sie müssten ’ne Theorie bauen, fangen an von Historie und so ’nem Scheiss zu reden. Sollen Sie doch einfach Ihr Maul halten. Es gibt genügend Theorien, muss doch nicht jeder eine haben.

Und Helvetica selber? Was halten sie von der Schrift?

Die Schrift ist grossartig. Damals war das besser als alles andere. Und sie ist auch besser als all die Clones die später kamen. Deswegen unterscheide ich ja zwischen der Schrift und der Haltung. Also Helvetica als Haltung ist eben sozialer Wohnungsbau, sozialdemokratisch, alles ausgewogen, alles Mittelmass. Das ist langweilig, es ist so: „weil man sich nicht kümmern mag“. Man geht nicht mehr zur Wahl, macht eigentlich gar nichts. Es ist so Couch Potatoe.
Als Schrift ist Sie zum Teil egal - und meistens Scheisse. (Also. Helvetica: grossartig, egal, scheisse)

Aber Helvetica ist eine Konstante, jeder hat einen Bezug zu ihr.

Genau. Das hat der Film wunderbar gezeigt. Ich meine dass mit den Trends sind sinuskurvenförmige Bewegungen, es kommt mal wieder so ’ne Schweizer Phase, dann eine amerikanische Welle usw. Die Helvetica aber die hält eben durch. Mal wird sie von oben gesehen, mal von unten. Sie ist wie der Grundton a auf 44khz. Ist das so? 44? Das ist wie wenn man die Sinuskurve kompressiert. Alles andere sind nur Modulationen.

Was denken Sie zum Bedeutungswandel denn diese Schrift erfahren hat? Einerseits bezeichnen Sie Helvetica als etwas Sozialdemokratisches, in Amerika hingegen steht Sie für Corporate Culture und Konservativität.

Ja das ist doch das gleiche! Gibt es da heute noch einen Unterschied?
Ich denke bei den Amerikanern hat dass einfach eine Weile gebraucht um aus ihren 19. Jahrhundert Dreckszeug raus zu kommen. Bei uns in Deutschland hingegen war ja alles kaputt. Helvetica war aufräumen, saubermachen. Bei den Amis war der ganze Dreck ja noch da. Und wenn man sich das anguckt, dann zeigt doch die Verwendung der Helvetica durch grosse Unternehmen auch einen inneren Wandel. Neu und klar! Als das dann aber alle anwandten, da war das dann nur noch uniform. Und das waren eben damals die Bösen. So Ende der 60er Jahre wollten die ganzen Unternehmen eben cool und modern und europäisch aussehen. Eigentlich waren dass aber doch irgendwie die gleichen Scheiss Buden wie vorher.

Wenn Sie sich einen Mensch vorstellen der Helvetica verkörpert, wie sähe dieser aus?

Darüber gibt es sogar ein Buch „Der Helvetica Mann“ von Klaus Hesse.
Ja also ich denke dass ist der Mann ohne Eigenschaften. Der Otto Normalverbraucher, der gewöhnliche Mann auf der Strasse. Der ist wohl so 1.78, ich bin 1.76, Konfektionsgrösse 50, immer so braungraue Sachen an, also nicht ganz schlecht. Aber es ist auf jeden Fall ein Mann. Ein Mann so im mittleren Alter, in meinem Alter (Spiekermann ist 1947 geboren). Als Helvetica raus kam war ich 10. Also in dem Jahr sind vier wichtige Sachen passiert.
Helvetica und Univers kamen raus, der Citroen DS und ich hab meine erste Druckmaschine gekriegt. Das find ich genauso wichtig wie den DS.

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