Kunstszene Prag
© Tages-Anzeiger; 29.12.2006
Zürich-Prag retour: Zürcher und Prager Kunstschaffende feiern kreative Alternativen zum Establishment.
Von Hannes Grassegger[100], Prag
Seit einigen Monaten spricht man in der jüngeren Zürcher Kunstszene über Prag. Und zwar nicht nur als Reiseziel, sondern vor allem als Ausstellungs- und Veranstaltungsort für zeitgenössische Kunst. Grund dafür ist eine zweimonatige Kunstveranstaltung mit dem Titel «The Proces», welche in Holesovice in der Nähe des historischen Prager Stadtkerns stattfindet.
Inmitten eines der vielen Vietnamesenmärkte, auf dem Gelände eines ehemaligen Schlachthofes, soll «The Proces» noch bis zur finalen Silvesterparty Kunstschaffenden wie Interessierten jedweder Herkunft und Stilrichtung eine gemeinsame Plattform bieten. Von jungen Schweizern wie Ingo Giezendanner und Mickry Drei über bestens bekannte Namen wie Kerim Seiler und Anders Guggisberg/Andreas Lutz bis hin zu Pipilotti Rist sind in Prag Arbeiten zu sehen. Finanziert wird die Veranstaltung grösstenteils mit Geldern der Pro Helvetia und des Popkredits der Stadt Zürich. Ziel ist es, die Zürcher Kulturszene zu repräsentieren.
In vier Hallen mit insgesamt 2500 Quadratmeter Ausstellungsfläche und 500 Quadratmeter Wohnfläche organisiert Mark Divo, der studierte Publizist und umtriebige ehemalige Zürcher Hausbesetzer, ein temporäres Kunstereignis, das er selbst als «soziale Plastik» bezeichnet. Auf der Basis seines umfassenden Netzwerkes initiiert der kontaktfreudige Artpunk bereits seit 1993 immer wieder dieselbe Mischung aus Kunst und Barbetrieb, Party und Ausstellung, Besäufnis und Inszenierung.
Wer kann, geht weg
Das Konzept ist aus Zürich bekannt und bewährt: Divo organisiert den Ort, stellt eine Bar in die Mitte und lädt alle ein, die ausstellen wollen. Für ihn ist das «Demokratisierung der Kunst», andere empören sich über die Beliebigkeit der Exponate. Doch der in Männedorf geborene Luxemburger surft unbekümmert weiter auf den Wellen seiner Widersprüchlichkeiten. Die Idee der Kreuzung von Trash und Kunst exportierte er mit wechselndem Erfolg unter anderem nach Nowosibirsk und New York. Interessanterweise aber scheint Divo diesmal ins Schwarze getroffen zu haben. Seine spezifische Herangehensweise inspiriert die Prager Kunstwelt.
Trotz der reichen Historie, den knapp 1,2 Millionen Einwohnern, Heerscharen von Touristen und einer Arbeitslosenrate von nur 3 bis 4 Prozent hält sich das internationale Flair Prags auf der Ebene zeitgenössischer Kunst bislang in Grenzen. Besucher aus aller Welt kommen vor allem der Altstadt wegen, ihre Kunstkäufe beschränken sich meist auf kitschige Stadtansichten.
Spricht man mit tschechischen Künstlern, spürt man, dass der Bildung einer funktionierenden Kulturlandschaft noch viel im Wege steht. Die Zeit vor dem Fall der Berliner Mauer ist noch nicht weit entrückt, und sie hat Lücken und tiefe Gräben in der Kunstwelt hinterlassen.
London, New York oder Paris: «Das Exil bleibt Fixpunkt künstlerischen Schaffens, wer kann, geht ins Ausland. Die tschechische Szene orientiert sich nach aussen, im Land selber liefern sich ehemalige Kollaborateure und Kritiker weiterhin Verteilungskämpfe», skizziert der tschechische Künstler Jan Jakub Kotik die Situation. «Auch um eine Gegenkultur aufzubauen, braucht man erst einen funktionierenden Mainstream. Doch nicht einmal das haben wir in Prag wirklich. Es mangelt an Ausstellungsmöglichkeiten, bürokratisierte Institutionen erschweren zudem Entwicklungsprozesse.»
Die einheimische Kunstszene konzentriere sich im Umfeld der Akademien, und trotz der unterschiedlichen Strömungen stosse man am Ende des Tages zwangsläufig in den immer gleichen Galerien aufeinander. Die Situation sei verfahren, Auswege schwer zu finden. «Wir hassen uns gegenseitig schon genug, wir brauchen keine neuen Grenzen in der Kunstszene», meint Kotik. «‹The Proces› dagegen bringt uns an einem unbelasteten Ort neu zusammen, ob Expressionisten oder Konzeptualisten.»
Exportprodukt mit Swiss Touch
«The Proces» integriert auch in Prag all die Komponenten, die Mark Divos Projekte schon in Zürich kennzeichneten. Ein alter Backsteinbau, Bierdunst und kalter Rauch liegen in der Luft, hier trübes Licht, dort helle Strahler, und immer wieder Divo, irgendwo am Telefon. Dass er allein im Fokus der Medien steht, lässt die meisten Prager Künstler kalt. «The Proces» bietet ihnen einen exterritorialen Kristallisationspunkt mit ungewohnt freiheitlichen Spielregeln. Inmitten all der angehäuften Salonmöbel, Bilder und Skulpturen können sie beim Bier an der Bar ihre Positionen neu aushandeln. Nicht die teilweise spärlichen Publikumszahlen zählen, nicht der Name in der Presse oder die säuberliche Kuration, sondern zu erleben, welche Prozesse Eigeninitiative in der sonst so komplizierten tschechischen Kunstwelt auslöst: «Mark Divo zeigt uns eine Alternative auf. Wir merken plötzlich, wie weit wir alleine kommen können», bestätigt Dimitri Berzon aus Libuin. Wer ausstellen will, soll kommen; wo und wie das Werk platziert wird, ist Sache des Künstlers. Praktisch vorleben sollen dies die teilnehmenden Zürcher: «Man kommt an und nimmt sich, was es gibt» erklärt Ana Strika, die dieses Jahr an der Kunstklasse der Zürcher Hochschule für Gestaltung abgeschlossen hat.
«The Proces» im Schlachthof ist ein Exportprodukt mit Swiss Touch: ein neutraler Ort mit den Spielregeln des Liberalismus, eine Plattform zum Austausch unter Gleichen. Die «soziale Plastik» riecht nach Party. Zürich ist zu Besuch in Prag.
Bis 1. Januar 2007.
www.proces.artia.org
Zürich-Prag retour: Zürcher und Prager Kunstschaffende feiern kreative Alternativen zum Establishment.
Von Hannes Grassegger[100], Prag
Seit einigen Monaten spricht man in der jüngeren Zürcher Kunstszene über Prag. Und zwar nicht nur als Reiseziel, sondern vor allem als Ausstellungs- und Veranstaltungsort für zeitgenössische Kunst. Grund dafür ist eine zweimonatige Kunstveranstaltung mit dem Titel «The Proces», welche in Holesovice in der Nähe des historischen Prager Stadtkerns stattfindet.
Inmitten eines der vielen Vietnamesenmärkte, auf dem Gelände eines ehemaligen Schlachthofes, soll «The Proces» noch bis zur finalen Silvesterparty Kunstschaffenden wie Interessierten jedweder Herkunft und Stilrichtung eine gemeinsame Plattform bieten. Von jungen Schweizern wie Ingo Giezendanner und Mickry Drei über bestens bekannte Namen wie Kerim Seiler und Anders Guggisberg/Andreas Lutz bis hin zu Pipilotti Rist sind in Prag Arbeiten zu sehen. Finanziert wird die Veranstaltung grösstenteils mit Geldern der Pro Helvetia und des Popkredits der Stadt Zürich. Ziel ist es, die Zürcher Kulturszene zu repräsentieren.
In vier Hallen mit insgesamt 2500 Quadratmeter Ausstellungsfläche und 500 Quadratmeter Wohnfläche organisiert Mark Divo, der studierte Publizist und umtriebige ehemalige Zürcher Hausbesetzer, ein temporäres Kunstereignis, das er selbst als «soziale Plastik» bezeichnet. Auf der Basis seines umfassenden Netzwerkes initiiert der kontaktfreudige Artpunk bereits seit 1993 immer wieder dieselbe Mischung aus Kunst und Barbetrieb, Party und Ausstellung, Besäufnis und Inszenierung.
Wer kann, geht weg
Das Konzept ist aus Zürich bekannt und bewährt: Divo organisiert den Ort, stellt eine Bar in die Mitte und lädt alle ein, die ausstellen wollen. Für ihn ist das «Demokratisierung der Kunst», andere empören sich über die Beliebigkeit der Exponate. Doch der in Männedorf geborene Luxemburger surft unbekümmert weiter auf den Wellen seiner Widersprüchlichkeiten. Die Idee der Kreuzung von Trash und Kunst exportierte er mit wechselndem Erfolg unter anderem nach Nowosibirsk und New York. Interessanterweise aber scheint Divo diesmal ins Schwarze getroffen zu haben. Seine spezifische Herangehensweise inspiriert die Prager Kunstwelt.
Trotz der reichen Historie, den knapp 1,2 Millionen Einwohnern, Heerscharen von Touristen und einer Arbeitslosenrate von nur 3 bis 4 Prozent hält sich das internationale Flair Prags auf der Ebene zeitgenössischer Kunst bislang in Grenzen. Besucher aus aller Welt kommen vor allem der Altstadt wegen, ihre Kunstkäufe beschränken sich meist auf kitschige Stadtansichten.
Spricht man mit tschechischen Künstlern, spürt man, dass der Bildung einer funktionierenden Kulturlandschaft noch viel im Wege steht. Die Zeit vor dem Fall der Berliner Mauer ist noch nicht weit entrückt, und sie hat Lücken und tiefe Gräben in der Kunstwelt hinterlassen.
London, New York oder Paris: «Das Exil bleibt Fixpunkt künstlerischen Schaffens, wer kann, geht ins Ausland. Die tschechische Szene orientiert sich nach aussen, im Land selber liefern sich ehemalige Kollaborateure und Kritiker weiterhin Verteilungskämpfe», skizziert der tschechische Künstler Jan Jakub Kotik die Situation. «Auch um eine Gegenkultur aufzubauen, braucht man erst einen funktionierenden Mainstream. Doch nicht einmal das haben wir in Prag wirklich. Es mangelt an Ausstellungsmöglichkeiten, bürokratisierte Institutionen erschweren zudem Entwicklungsprozesse.»
Die einheimische Kunstszene konzentriere sich im Umfeld der Akademien, und trotz der unterschiedlichen Strömungen stosse man am Ende des Tages zwangsläufig in den immer gleichen Galerien aufeinander. Die Situation sei verfahren, Auswege schwer zu finden. «Wir hassen uns gegenseitig schon genug, wir brauchen keine neuen Grenzen in der Kunstszene», meint Kotik. «‹The Proces› dagegen bringt uns an einem unbelasteten Ort neu zusammen, ob Expressionisten oder Konzeptualisten.»
Exportprodukt mit Swiss Touch
«The Proces» integriert auch in Prag all die Komponenten, die Mark Divos Projekte schon in Zürich kennzeichneten. Ein alter Backsteinbau, Bierdunst und kalter Rauch liegen in der Luft, hier trübes Licht, dort helle Strahler, und immer wieder Divo, irgendwo am Telefon. Dass er allein im Fokus der Medien steht, lässt die meisten Prager Künstler kalt. «The Proces» bietet ihnen einen exterritorialen Kristallisationspunkt mit ungewohnt freiheitlichen Spielregeln. Inmitten all der angehäuften Salonmöbel, Bilder und Skulpturen können sie beim Bier an der Bar ihre Positionen neu aushandeln. Nicht die teilweise spärlichen Publikumszahlen zählen, nicht der Name in der Presse oder die säuberliche Kuration, sondern zu erleben, welche Prozesse Eigeninitiative in der sonst so komplizierten tschechischen Kunstwelt auslöst: «Mark Divo zeigt uns eine Alternative auf. Wir merken plötzlich, wie weit wir alleine kommen können», bestätigt Dimitri Berzon aus Libuin. Wer ausstellen will, soll kommen; wo und wie das Werk platziert wird, ist Sache des Künstlers. Praktisch vorleben sollen dies die teilnehmenden Zürcher: «Man kommt an und nimmt sich, was es gibt» erklärt Ana Strika, die dieses Jahr an der Kunstklasse der Zürcher Hochschule für Gestaltung abgeschlossen hat.
«The Proces» im Schlachthof ist ein Exportprodukt mit Swiss Touch: ein neutraler Ort mit den Spielregeln des Liberalismus, eine Plattform zum Austausch unter Gleichen. Die «soziale Plastik» riecht nach Party. Zürich ist zu Besuch in Prag.
Bis 1. Januar 2007.
www.proces.artia.org
hannes1 - 25. Jan, 23:18