Leben, lieben und arbeiten - am liebsten alles im Liegen

Protestbewegungen haben nicht nur politische Ziele, sie führen zu Veränderungen im Verhalten. Darüber diskutierten junge Wissenschaftler an einer Zürcher Tagung.

Von Hannes[0] Grassegger[0]
Vom Demobanner bis zur Mode - politischer Protest zeigt sich in vielen Formen. Unter dem Titel «Europäische Protestbewegungen seit der Zeit des Kalten Krieges» haben sich Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen international vernetzt, um Ausdrucksformen und Lebensstile zu erforschen. Eine weltweit einzigartige Initiative. In Zürich trafen sich in den vergangenen Tagen rund 70 Teilnehmer aus zahlreichen Ländern Europas; das Durchschnittsalter der Forscher: Ende zwanzig.

Körpersprache als Ausdruck soziokulturellen Protests analysierte etwa Angelika Linke, Professorin an der Universität Zürich. Sie zeigte Kupferstiche aus der Zeit der Aufklärung, gefertigt 1780 von Daniel Chodowiecki, kommentiert vom Philosophen Lichtenberg. Besonnen betrachtet dort ein Paar den Sonnenaufgang, demütig hält der Mann einen Hut in den Händen, beide haben die Köpfe leicht gesenkt. Echtheit und Reflexion verkörpern die Figuren - Elemente damals revolutionärer bürgerlicher «Natürlichkeit».

Vom Bürgerernst zum Punk

Rechts daneben ein höfisches Paar. Johlend und mit weit ausgestreckten Armen begrüssen sie die Sonne. Frivol wirkt ihr falscher Jubel, ihre affektierte Glückseligkeit. Von aufrechtem Bürgertum und aristokratischem Überschwang wenig wissen will eine Gruppe Punks. Ein Foto von 1986 zeigt sie mitten auf der Strasse sitzend. Ganz in der Horizontale: ein Paar, fotografiert 1968 in einer Berliner Studentenbude. Neben dem Bett Schreibmaschine, Bücher, Essensreste. Er liest Zeitung, beide sind nackt. Freizeit, Sex und Arbeit, alles im Liegen: eine symbolische Auflösung als unnötig empfundener Trennung der Lebenswelten. Drei Protesthaltungen verkörpern buchstäblich andere Ideale und illustrieren die Hypothese der Forscherin, dass sich Zeitenwechsel in Änderungen des körperlichen Habitus manifestieren.

Das Überschreiten der Fachgrenzen erweist sich dabei als fruchtbar. «Es ist sehr gut, wenn wir Soziologen von den Kulturwissenschaftlern lernen, an mehr als nur Textquellen heranzutreten», meint der Berliner Simon Teune. Man debattierte über die fotografische Darstellung der Proteste in Genua, die Unterdrückung Langhaariger im Ostblock oder aktuelle transnationale Kampagnen wie «Clean Clothes». Unbearbeitet allerdings blieben muslimische, konservative oder nationalistische Bewegungen, zu denen es wenig Untersuchungen gibt.

Initiiert haben das Projekt der Zürcher Sprachwissenschaftler Joachim Scharloth, der Historiker Martin Klimke aus Heidelberg und die Medienwissenschaftlerin Kathrin Fahlenbrach (Universität Halle Wittenberg). Junge Köpfe an die bislang kaum systematisch bearbeiteten Phänomene zu lassen und die Zusammenarbeit führender Forscher und Jungakademiker zu ermöglichen, ist ihr Konzept.

Anschwellende Forschung

Seit 2006 finanziert die von der EU- Kommission getragene «Marie Curie Action» die fünfteilige Serie aus Workshops und Vorträgen. Weitere Stationen sind ein Kongress in Heidelberg im November sowie eine Summer School in Prag 2008, parallel zum 40. Jahrestag der Niederschlagung des Prager Frühlings. Die Abschlusskonferenz im März 2009 wird in Zürich stattfinden. Publikationen sind geplant, ein Handbuch über die 68er-Bewegung ist erschienen. Aus anfangs 40 angeschlossenen Forschern wurden 140.

Die Bilanz der Zürcher Veranstaltung ist positiv. Die Interdisziplinarität mache einen produktiven Austausch möglich, resümieren Teilnehmer. «Ein derart angelegtes Projekt gibt es bei uns nicht», betont ein Historiker aus den USA. Auch die Veranstalter sehen konkrete Resultate: «Die in Zürich präsentierten Arbeiten beweisen, welchen immensen kulturellen Einfluss Protestbewegungen hatten. Die frühere Lehre konzentrierte sich nur auf die häufig unerfüllten politischen Forderungen. Unsere Welt aber wurde gerade im Alltag sichtbar verändert.»

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