Die Kunstinsel am Rande von Zürich
Kunst und Leimbach, das kann nicht funktionieren. Doch der erste Blick täuscht. Ausgerechnet im ruhigen Aussenquartier betreiben Jungkünstler ein riesiges Atelier.
Von Hannes Grassegger
Wenige kennen die Unwägbarkeiten der Selbstständigkeit besser als sie. Zweifel und Selbstvermarktung, Hochs und Tiefs - im Umgang mit wechselhaften Zeiten sind Künstler Profis. Viel Freiheit für wenig Geld, heisst die Herausforderung. Und es ist nicht nur Geldmangel, der Künstler bewegt, an die seltsamsten Plätze zu ziehen; es sind auch die Möglichkeiten des Brachlands, die Szene-Leute in den 80er-Jahren in die Londoner Docks lockte oder Zürcher Galeristen Ende 2006 ins Perla Mode an der Langstrasse. Dort endeten im Mai die Ausstellungen von Nuri Koerfer und dem Duo Onorato/Krebs. Und gemeinsam war nicht nur die Finissage. Alle drei wohnen und arbeiten in den Hallen der früheren Weinabfüllerei Egli in Leimbach, zusammen mit einem Dutzend anderer Musiker, Maler und Fotografen.
Eine Kunstoase ist das Aussenquartier kaum. Nichts schätzen die knapp 5000 Leimbacher mehr, als in Ruhe zu wohnen. Im Notfall wird dafür gekämpft. Als 2004 ein Neonröhren-Kunstwerk den Himmel über Leimbach in ein Lichtermeer zu verwandeln drohte, erhoben sich die Einheimischen empört und verhinderten das Kunst-am-Bau-Projekt. Ihre Parole war ebenso vielsagend wie eingängig: «Leimbach bleibt dunkel».
Eine Stadtrand-Kunstinsel . . .
Die Umgebung ist trist, der Betonklotz unauffällig; links strömt die Sihl, vorne der Durchgangsverkehr. Tritt man ein, ändern sich Bild und Ton. Der Autolärm verklingt, Licht flutet ins Atelier. Hier lehnt ein riesiger Regenbogen an einer Wand, dort stapeln sich Bücher in meterlangen Regalen. Lose trennen Stellwände den turnhallengrossen Raum in einzelne Arbeitsbereiche. In einem bastelt Produktdesignerin Sarah Küng an einem Modellvorschlag. In einem anderen bearbeitet Fotograf Goran Galic Bilder am Laptop. Flotte Musik dringt aus einer discotauglichen Anlage, und im offenen Küchenbereich serviert Taiyo Onorato zufrieden Scampi à la maison, erläutert das Rezept und erzählt.
Ein Traum sei in Erfüllung gegangen im August 2004. Auf der Suche nach einem Atelier wurden Taiyo Onorato, Lukas Wassmann und Nico Krebs damals fündig. Aus Angst vor Vandalen offerierten die Vermieter den HGKZ-Fotografiestudenten einen zwar befristeten, aber günstigen Mietvertrag für die leerstehenden Liegenschaft an der Leimbachstrasse 5. Als 2005 der Studienkollege Goran Galic dazu stiess, war die Erstbesetzung komplett.
Ein alternatives Hausprojekt ist daraus nicht geworden. Zwar vermischen sich die Lebenswelten, doch es gibt Grenzen. Die Halle ist Arbeitsraum, gewohnt wird in den Verwaltungsräumen, und im Keller proben befreundete Musiker, wie der Chansonnier Boris von der Burg. Eine zentrale Planung gibt es nicht, Vorteile der Gemeinschaft werden dennoch genutzt. Man teile sich Material und Werkzeuge, diskutiere Techniken und Werke, trotzdem verfolge jeder eigene Konzepte, erläutert Seline Baumgartner, die gerade an einer Kooperation mit dem Neuropsychologischen Institut der Uni Zürich arbeitet.
Das Künstlerleben sei hart, Produktivität wichtig, sagt Baumgartner. In der Gemeinschaft fühle sie sich nicht alleine und könne daher viel länger arbeiten. Egal um welche Zeit, beinahe immer sei jemand am Werk. Man hat eine hohe Arbeitsmoral entwickelt und für die in London diplomierte Nuri Koerfer ist sogar die Stadtrand-Situation von Vorteil. Die 15 Minuten Distanz zum Stadtzentrum machten es jedes Mal bewusst: «Wir sind hier für uns, Leimbach ist unsere Insel.» Fotograf Galic nickt: «Grüsse aus der Kunstagglo.» Die Leimbachstrasse 5 sei kein Künstlerkollektiv und keine Hippiekommune, ergänzt Niklaus Rüegg, Konzeptkünstler und mit 30 Jahren Ältester im Atelier: «Wir sind vorsichtige Sozialromantiker.»
. . . der das Ende droht
Zusammen mit Nuri Koerfer kam Niklaus Rüegg im Herbst 2005 nach Leimbach, für Onorato/Krebs, die ein einjähriges städtisches Stipendium in New York gewonnen hatten. Auch andere Bewohner gewannen bereits staatlich finanzierte Auslandaufenthalte. Kairo, Warschau, Paris, San Francisco und New York dienten den Leimbacher Künstlern bereits als temporäre Heimat. Die Ausschreibungen, Stipendien und Wettbewerbe sind auch Haupteinnahmequellen der jungen Künstler. Naht eine Vernissage oder droht eine Eingabefrist, wird durchgearbeitet. Gerade in solchen Momenten lohnt das Netzwerk besonders.
An der soeben abgelaufenen Art Basel waren mit Lukas Wassmann und Fabian Marti gleich zwei Atelier-Mitglieder vertreten. Onorato/Krebs sind bereits international tätig, seit einigen Jahren entwerfen sie Installationen für das Enfant terrible der Haute Couture, Bernhard Willhelm. Öffentliche Förderung sei ein bedeutender Grund für den internationalen Erfolg Schweizer Kunst, meint der ehemalige Kurzzeit-Leimbacher Fabian Marti. «Für mich ist Zürich Cape Canaveral.» Und wenn dem so ist, dann ist das Atelier an der Sihl eine der Startrampen.
Es ist Samstagabend, leise Musik dringt aus dem Proberaum nach oben. Die 26-jährige Nina Weber feilt an einer riesigen Zeichnung, und im Wohntrakt bereiten John P. Walder, 25, und sein Mitbewohner, ein freier Drehbuchautor, eine Party vor. Der erklärte Dandy John aus Greifensee war früher als Rapper G.I. John unterwegs und plant die Abwanderung nach England. Den Job bei der Musikfirma EMI habe er gekündigt, er schlage sich momentan durchs Nachtleben, bald aber sei er in London. Und nicht nur er wird Leimbach verlassen. Auch Jazzdrummer Ernst Scholl wird für ein Jahr verreisen. Wassmann, Krebs und Onorato überlegen den Umzug nach Berlin. Was sie hält, ist das geliebte Atelier, doch dem droht der Abriss. Architekten schlichen bereits durchs Gelände. Nächsten Januar könnte es vorbei sein mit der Kunstinsel, und Leimbach wieder dunkel.
Von Hannes Grassegger
Wenige kennen die Unwägbarkeiten der Selbstständigkeit besser als sie. Zweifel und Selbstvermarktung, Hochs und Tiefs - im Umgang mit wechselhaften Zeiten sind Künstler Profis. Viel Freiheit für wenig Geld, heisst die Herausforderung. Und es ist nicht nur Geldmangel, der Künstler bewegt, an die seltsamsten Plätze zu ziehen; es sind auch die Möglichkeiten des Brachlands, die Szene-Leute in den 80er-Jahren in die Londoner Docks lockte oder Zürcher Galeristen Ende 2006 ins Perla Mode an der Langstrasse. Dort endeten im Mai die Ausstellungen von Nuri Koerfer und dem Duo Onorato/Krebs. Und gemeinsam war nicht nur die Finissage. Alle drei wohnen und arbeiten in den Hallen der früheren Weinabfüllerei Egli in Leimbach, zusammen mit einem Dutzend anderer Musiker, Maler und Fotografen.
Eine Kunstoase ist das Aussenquartier kaum. Nichts schätzen die knapp 5000 Leimbacher mehr, als in Ruhe zu wohnen. Im Notfall wird dafür gekämpft. Als 2004 ein Neonröhren-Kunstwerk den Himmel über Leimbach in ein Lichtermeer zu verwandeln drohte, erhoben sich die Einheimischen empört und verhinderten das Kunst-am-Bau-Projekt. Ihre Parole war ebenso vielsagend wie eingängig: «Leimbach bleibt dunkel».
Eine Stadtrand-Kunstinsel . . .
Die Umgebung ist trist, der Betonklotz unauffällig; links strömt die Sihl, vorne der Durchgangsverkehr. Tritt man ein, ändern sich Bild und Ton. Der Autolärm verklingt, Licht flutet ins Atelier. Hier lehnt ein riesiger Regenbogen an einer Wand, dort stapeln sich Bücher in meterlangen Regalen. Lose trennen Stellwände den turnhallengrossen Raum in einzelne Arbeitsbereiche. In einem bastelt Produktdesignerin Sarah Küng an einem Modellvorschlag. In einem anderen bearbeitet Fotograf Goran Galic Bilder am Laptop. Flotte Musik dringt aus einer discotauglichen Anlage, und im offenen Küchenbereich serviert Taiyo Onorato zufrieden Scampi à la maison, erläutert das Rezept und erzählt.
Ein Traum sei in Erfüllung gegangen im August 2004. Auf der Suche nach einem Atelier wurden Taiyo Onorato, Lukas Wassmann und Nico Krebs damals fündig. Aus Angst vor Vandalen offerierten die Vermieter den HGKZ-Fotografiestudenten einen zwar befristeten, aber günstigen Mietvertrag für die leerstehenden Liegenschaft an der Leimbachstrasse 5. Als 2005 der Studienkollege Goran Galic dazu stiess, war die Erstbesetzung komplett.
Ein alternatives Hausprojekt ist daraus nicht geworden. Zwar vermischen sich die Lebenswelten, doch es gibt Grenzen. Die Halle ist Arbeitsraum, gewohnt wird in den Verwaltungsräumen, und im Keller proben befreundete Musiker, wie der Chansonnier Boris von der Burg. Eine zentrale Planung gibt es nicht, Vorteile der Gemeinschaft werden dennoch genutzt. Man teile sich Material und Werkzeuge, diskutiere Techniken und Werke, trotzdem verfolge jeder eigene Konzepte, erläutert Seline Baumgartner, die gerade an einer Kooperation mit dem Neuropsychologischen Institut der Uni Zürich arbeitet.
Das Künstlerleben sei hart, Produktivität wichtig, sagt Baumgartner. In der Gemeinschaft fühle sie sich nicht alleine und könne daher viel länger arbeiten. Egal um welche Zeit, beinahe immer sei jemand am Werk. Man hat eine hohe Arbeitsmoral entwickelt und für die in London diplomierte Nuri Koerfer ist sogar die Stadtrand-Situation von Vorteil. Die 15 Minuten Distanz zum Stadtzentrum machten es jedes Mal bewusst: «Wir sind hier für uns, Leimbach ist unsere Insel.» Fotograf Galic nickt: «Grüsse aus der Kunstagglo.» Die Leimbachstrasse 5 sei kein Künstlerkollektiv und keine Hippiekommune, ergänzt Niklaus Rüegg, Konzeptkünstler und mit 30 Jahren Ältester im Atelier: «Wir sind vorsichtige Sozialromantiker.»
. . . der das Ende droht
Zusammen mit Nuri Koerfer kam Niklaus Rüegg im Herbst 2005 nach Leimbach, für Onorato/Krebs, die ein einjähriges städtisches Stipendium in New York gewonnen hatten. Auch andere Bewohner gewannen bereits staatlich finanzierte Auslandaufenthalte. Kairo, Warschau, Paris, San Francisco und New York dienten den Leimbacher Künstlern bereits als temporäre Heimat. Die Ausschreibungen, Stipendien und Wettbewerbe sind auch Haupteinnahmequellen der jungen Künstler. Naht eine Vernissage oder droht eine Eingabefrist, wird durchgearbeitet. Gerade in solchen Momenten lohnt das Netzwerk besonders.
An der soeben abgelaufenen Art Basel waren mit Lukas Wassmann und Fabian Marti gleich zwei Atelier-Mitglieder vertreten. Onorato/Krebs sind bereits international tätig, seit einigen Jahren entwerfen sie Installationen für das Enfant terrible der Haute Couture, Bernhard Willhelm. Öffentliche Förderung sei ein bedeutender Grund für den internationalen Erfolg Schweizer Kunst, meint der ehemalige Kurzzeit-Leimbacher Fabian Marti. «Für mich ist Zürich Cape Canaveral.» Und wenn dem so ist, dann ist das Atelier an der Sihl eine der Startrampen.
Es ist Samstagabend, leise Musik dringt aus dem Proberaum nach oben. Die 26-jährige Nina Weber feilt an einer riesigen Zeichnung, und im Wohntrakt bereiten John P. Walder, 25, und sein Mitbewohner, ein freier Drehbuchautor, eine Party vor. Der erklärte Dandy John aus Greifensee war früher als Rapper G.I. John unterwegs und plant die Abwanderung nach England. Den Job bei der Musikfirma EMI habe er gekündigt, er schlage sich momentan durchs Nachtleben, bald aber sei er in London. Und nicht nur er wird Leimbach verlassen. Auch Jazzdrummer Ernst Scholl wird für ein Jahr verreisen. Wassmann, Krebs und Onorato überlegen den Umzug nach Berlin. Was sie hält, ist das geliebte Atelier, doch dem droht der Abriss. Architekten schlichen bereits durchs Gelände. Nächsten Januar könnte es vorbei sein mit der Kunstinsel, und Leimbach wieder dunkel.
hannes1 - 21. Jun, 21:40