Endlich ist Rap Geschichte
Zwei Zürcher haben aus Rap Geschichte gemacht. Ihr Partyprogramm mit Universitätsanspruch sorgt in Zürich und international für Begeisterung. Endlich exportieren Schweizer Rap. Erstes Ziel ist Berlin.
Hannes Grassegger
Es ist Donnerstagabend, zehn Uhr und vor dem Club Helsinki in Zürich bildet sich eine lange Schlange. Auf dem Programm steht Raphistory. Dutzende wissbegieriger Studenten warten ungeduldig auf Einlass in die University of Helsinki. Die Tanzfläche wird Vortragssaal, DJs sind Professoren. Doziert wird die Rapgeschichte, seit Herbst 2005 jeden letzten Donnerstag im Monat. Pro Veranstaltung behandelt man ein Jahr der etwa 1974 in der Bronx entstandenen, schwarzen Tanzmusik. Als Unterrichtsmateralien liegen selbstproduzierte, chronologische Fanzines und Mixtapes aus. Ein Laufband neben dem DJ Pult gibt die Titel der gespielten Tracks wieder, ein Beamer projeziert HipHop Videos des jeweiligen Jahres an die Wand. Man tanzt, trinkt und spitzt die Lauscher, wenn DJs als Gastdozenten zu Themen wie Miami Bass oder Gangsterrap referieren. Vorträge gibt es nicht. Die intimste Kenntnis von Rap und Hiphop vermittelten die Texte der Songs, schreibt Ulf Poschardt im Buch "DJ Culture", Rap sei oral history in schwarzer Tradition. Es gibt viele Gründe diese Uni zu besuchen. Mancher steht mit glasigen Augen da und gedenkt seiner frühen Rapjahre; eine Teenagerin verfolgt ein Video aus ihrem Geburtsjahr. Auch für Clubbesitzer Tom Rist stimmt das Konzept. Neugier, Nostalgie, Tanz - Raphistory ist ein funktionierendes Edutainment Paket. Musikalische Erziehung ganz im Geiste Schillers, ebenfalls ein Freund des Reimes.
Trotz des Ansturms wollen die Initiatoren Ivan Sterzinger, 30, und Klemens Wempe, 40, aka DJ CEO Müller und Soulsonic die Preise nicht erhöhen. Raphistory startete als unkommerzielles Projekt. Bereits 2004 begann Sterzinger mit Konzeptualisierung und Playlists. Seit Mitte der 90er Jahre legte er Rap und Elektronika auf und organisierte Events. Der DJ spielte zunehmend verschiedene Stile, Dancefloor oder Rap, es galt Grenzen einzureissen. Aus dieser Distanz erwuchs die Idee zur strikt begrenzten Raphistory: „Ein Korsett wie Raphistory perfekt zu erfüllen wurde zur Herausforderung contra der Beliebigkeit."
Der diplomierte Psychologe Sterzinger fand im gelernten Buchhändler DJ Soulsonic, einen idealen Partner. In Wempes Laden "Sonic Records" in der Anwandstrasse versteht man warum. Die übersichtliche Mediothek bietet Vinyl und CDs, Literatur, Videos und Fachblätter wie Wax Poetics. Wempe ist Spezialist für Musikgeschichte. Er kam den langen Weg von Punk und Indie, über Reggae zu Rap zurück zu Soul. 1981 erfuhr er durch Hans Keller erstmals von Hiphop. 1988 begann Rap für ihn, Public Enemy waren hart und schnell wie Punk. Funktion eines Plattenhändlers sei Informationsvermittlung und -verknüpfung. Raphistory sei in Zeiten schwindender Umsätze logische Fortsetzung seiner Arbeit und Passion: "Ich habe Fachwissen, das ist der Vorteil meines Alters. Zehn Jahre Vorsprung."
Im Helsinki setzen die Zürcher ein weltweit neuartiges Konzept um, dass die internationale Hiphop Gemeinde begeistert. DJ Vadim sendet Grüsse, der legendäre Pionier DJ Steinski kam nach Zürich um ein Proseminar zu geben und der deutsche Querkopf MC Immo jubelt auf der MySpace Seite der Partyserie doppeldeutig "Endlich ist Rap Geschichte."
Es habe in der Luft gelegen, meint Sterzinger. Rap sei gut dokumentiert, man müsse nur alles zusammentragen. Zwar existierten Quellen wie "Ego Trip's Book of Raplists" oder Discogs.com, doch erst mit moderner Webtechnologie wurde die Mammutaufgabe lösbar. Auf der Datenbank www.raphistory.net werden nun alle Erscheinungen der ersten 11 Rapjahre erfasst, zusätzlich stehen sämtliche Abende als Stream zur Verfügung. Wie alle Produkte der Raphistory ist die Seite im eigenen Design kreiert aus Labellogos, gehalten.
Raphistory sei 45 % Party und 55% Lehrveranstaltung. Keine Podiumsdiskussion sondern Informationskanal. Hiphop entstand an den Plattenspielern, es sei korrekt diese Geschichte vom Plattenspieler aus zu erzählen. Vorlesungen und Veröffentlichungen wolle man aber nicht ausschliessen. Momentan kann man in Zürich erleben wie Musikwissenschaft den Rap kanonisiert. Raphistory wolle Laien einen Zugang, zugleich aber auch Kennern etwas bieten, steht im Pressetext, Ziel sei möglichst viele Leute möglichst präzise zu informieren.
Der Idee folgend wird nach Berlin expandiert. Ab 11. Oktober beginnt im doppelt so grossen, circa 300 Leute fassenden Bohannon, nahe Alexanderplatz die Raphistory ein zweites Mal. Sterzingers Freund DJ Husr aus Zürich lebt vor Ort und organisiert den Ableger mit. Das Konzept werde angepasst, erzählt Husr, es gebe CDs statt Tapes und erstmals werde auf Sponsoring gesetzt. Lokale Heroen wie die DJs Marc Hype und DeJoe sollen stadtspezifische Besonderheiten einbringen. Ebenso könnten die Fanzines angepasst werden. Berlin werde spannend fügt Husr an. Die Hiphop Szene sei weniger konzentriert und weniger alternativ. Anfragen aus Paris und London lägen vor, doch "wir sind vorsichtig wem wir die Idee in die Hände geben. Wir versuchen Raphistory qualitativ hochzuhalten." betont Husr. Die Zeit drängt, in New York feiern Kopisten mit "The History of Hip Hop" bereits Erfolge. Aber Diebstahl und Wettbewerb sind seit jeher Bestandteil dieser Kultur. Es sei eine kapitalistische Bewegung meint Wempe dazu. Vielleicht ein Grund für den Aufstieg.
Rap hat Geschichte geschrieben. 1998 überrundete der ehemalige Gettosound in den USA den Marktführer Country. 2007 ist Rap Big Business. Wie beim Stadionrock der 70er macht sich beim Stadionrap Langweile breit. Viele sagen Hip Hop liege im Sterben. Und wie dann das ganze Leben Revue passiert, beginnt in der Musikwelt immer das Geschäft mit Anthologien. Es ist stets das Gleiche: Am Ende bleiben von einer stolzen Revolution ein paar miese Best-of CDs. Um dem zuvorzukommen gibt es die Raphistory. Lückenlose Erfassung, wissenschaftliche Objektivität und ansprechendes Design - jetzt schreiben Zürcher Rapgeschichte.
Hannes Grassegger
Es ist Donnerstagabend, zehn Uhr und vor dem Club Helsinki in Zürich bildet sich eine lange Schlange. Auf dem Programm steht Raphistory. Dutzende wissbegieriger Studenten warten ungeduldig auf Einlass in die University of Helsinki. Die Tanzfläche wird Vortragssaal, DJs sind Professoren. Doziert wird die Rapgeschichte, seit Herbst 2005 jeden letzten Donnerstag im Monat. Pro Veranstaltung behandelt man ein Jahr der etwa 1974 in der Bronx entstandenen, schwarzen Tanzmusik. Als Unterrichtsmateralien liegen selbstproduzierte, chronologische Fanzines und Mixtapes aus. Ein Laufband neben dem DJ Pult gibt die Titel der gespielten Tracks wieder, ein Beamer projeziert HipHop Videos des jeweiligen Jahres an die Wand. Man tanzt, trinkt und spitzt die Lauscher, wenn DJs als Gastdozenten zu Themen wie Miami Bass oder Gangsterrap referieren. Vorträge gibt es nicht. Die intimste Kenntnis von Rap und Hiphop vermittelten die Texte der Songs, schreibt Ulf Poschardt im Buch "DJ Culture", Rap sei oral history in schwarzer Tradition. Es gibt viele Gründe diese Uni zu besuchen. Mancher steht mit glasigen Augen da und gedenkt seiner frühen Rapjahre; eine Teenagerin verfolgt ein Video aus ihrem Geburtsjahr. Auch für Clubbesitzer Tom Rist stimmt das Konzept. Neugier, Nostalgie, Tanz - Raphistory ist ein funktionierendes Edutainment Paket. Musikalische Erziehung ganz im Geiste Schillers, ebenfalls ein Freund des Reimes.
Trotz des Ansturms wollen die Initiatoren Ivan Sterzinger, 30, und Klemens Wempe, 40, aka DJ CEO Müller und Soulsonic die Preise nicht erhöhen. Raphistory startete als unkommerzielles Projekt. Bereits 2004 begann Sterzinger mit Konzeptualisierung und Playlists. Seit Mitte der 90er Jahre legte er Rap und Elektronika auf und organisierte Events. Der DJ spielte zunehmend verschiedene Stile, Dancefloor oder Rap, es galt Grenzen einzureissen. Aus dieser Distanz erwuchs die Idee zur strikt begrenzten Raphistory: „Ein Korsett wie Raphistory perfekt zu erfüllen wurde zur Herausforderung contra der Beliebigkeit."
Der diplomierte Psychologe Sterzinger fand im gelernten Buchhändler DJ Soulsonic, einen idealen Partner. In Wempes Laden "Sonic Records" in der Anwandstrasse versteht man warum. Die übersichtliche Mediothek bietet Vinyl und CDs, Literatur, Videos und Fachblätter wie Wax Poetics. Wempe ist Spezialist für Musikgeschichte. Er kam den langen Weg von Punk und Indie, über Reggae zu Rap zurück zu Soul. 1981 erfuhr er durch Hans Keller erstmals von Hiphop. 1988 begann Rap für ihn, Public Enemy waren hart und schnell wie Punk. Funktion eines Plattenhändlers sei Informationsvermittlung und -verknüpfung. Raphistory sei in Zeiten schwindender Umsätze logische Fortsetzung seiner Arbeit und Passion: "Ich habe Fachwissen, das ist der Vorteil meines Alters. Zehn Jahre Vorsprung."
Im Helsinki setzen die Zürcher ein weltweit neuartiges Konzept um, dass die internationale Hiphop Gemeinde begeistert. DJ Vadim sendet Grüsse, der legendäre Pionier DJ Steinski kam nach Zürich um ein Proseminar zu geben und der deutsche Querkopf MC Immo jubelt auf der MySpace Seite der Partyserie doppeldeutig "Endlich ist Rap Geschichte."
Es habe in der Luft gelegen, meint Sterzinger. Rap sei gut dokumentiert, man müsse nur alles zusammentragen. Zwar existierten Quellen wie "Ego Trip's Book of Raplists" oder Discogs.com, doch erst mit moderner Webtechnologie wurde die Mammutaufgabe lösbar. Auf der Datenbank www.raphistory.net werden nun alle Erscheinungen der ersten 11 Rapjahre erfasst, zusätzlich stehen sämtliche Abende als Stream zur Verfügung. Wie alle Produkte der Raphistory ist die Seite im eigenen Design kreiert aus Labellogos, gehalten.
Raphistory sei 45 % Party und 55% Lehrveranstaltung. Keine Podiumsdiskussion sondern Informationskanal. Hiphop entstand an den Plattenspielern, es sei korrekt diese Geschichte vom Plattenspieler aus zu erzählen. Vorlesungen und Veröffentlichungen wolle man aber nicht ausschliessen. Momentan kann man in Zürich erleben wie Musikwissenschaft den Rap kanonisiert. Raphistory wolle Laien einen Zugang, zugleich aber auch Kennern etwas bieten, steht im Pressetext, Ziel sei möglichst viele Leute möglichst präzise zu informieren.
Der Idee folgend wird nach Berlin expandiert. Ab 11. Oktober beginnt im doppelt so grossen, circa 300 Leute fassenden Bohannon, nahe Alexanderplatz die Raphistory ein zweites Mal. Sterzingers Freund DJ Husr aus Zürich lebt vor Ort und organisiert den Ableger mit. Das Konzept werde angepasst, erzählt Husr, es gebe CDs statt Tapes und erstmals werde auf Sponsoring gesetzt. Lokale Heroen wie die DJs Marc Hype und DeJoe sollen stadtspezifische Besonderheiten einbringen. Ebenso könnten die Fanzines angepasst werden. Berlin werde spannend fügt Husr an. Die Hiphop Szene sei weniger konzentriert und weniger alternativ. Anfragen aus Paris und London lägen vor, doch "wir sind vorsichtig wem wir die Idee in die Hände geben. Wir versuchen Raphistory qualitativ hochzuhalten." betont Husr. Die Zeit drängt, in New York feiern Kopisten mit "The History of Hip Hop" bereits Erfolge. Aber Diebstahl und Wettbewerb sind seit jeher Bestandteil dieser Kultur. Es sei eine kapitalistische Bewegung meint Wempe dazu. Vielleicht ein Grund für den Aufstieg.
Rap hat Geschichte geschrieben. 1998 überrundete der ehemalige Gettosound in den USA den Marktführer Country. 2007 ist Rap Big Business. Wie beim Stadionrock der 70er macht sich beim Stadionrap Langweile breit. Viele sagen Hip Hop liege im Sterben. Und wie dann das ganze Leben Revue passiert, beginnt in der Musikwelt immer das Geschäft mit Anthologien. Es ist stets das Gleiche: Am Ende bleiben von einer stolzen Revolution ein paar miese Best-of CDs. Um dem zuvorzukommen gibt es die Raphistory. Lückenlose Erfassung, wissenschaftliche Objektivität und ansprechendes Design - jetzt schreiben Zürcher Rapgeschichte.
hannes1 - 24. Jul, 01:38