Alle wohnen zusammen, jeder für sich

250 Studenten leben zusammen in einem Haus. Wie ist das? Ein ewiges Ferienlager? Militärische Organisation? Langeweile? Zumindest regnet es ab und zu Eier. Ein Besuch im «Netzwerk».

Von Hannes Grassegger

Es ist zwielichtig in der Piranha Bar, an einem Donnerstagmorgen um halb vier. Links tanzt eine Gruppe Transvestiten, geradeaus beweist die blonde Germanistin, dass sie total beweglich ist. Mein neuer Studentenkollege drückt mir ein weiteres Bier in die Hand: «Wenn wir untergehen, dann zusammen!»

Ja, das Studentenleben ist hart. Vor allem die Wohnungssuche. Zigtausende in Zürich Eingeschriebene wollen das Gleiche: ein billiges Zimmer nahe der Uni oder der ETH. Ein Viertel von ihnen hat weniger als 800 Franken Budget im Monat, die Hälfte weniger als 1400.

Seit Jahrzehnten kümmert sich die Studentische Wohngenossenschaft, kurz Woko, um mittlerweile 1400 günstige Zimmer in Studentenhäusern und einzelnen Wohnungen. Vor allem Nichteinheimischen soll ein Schlafplatz vermittelt werden, Anschluss und Kontakte. Das «Netzwerk» ist eine Vorzeigesiedlung der Woko. Für etwa 500 Franken pro Monat inklusive aller Nebenkosten und Internet residieren 250 Studenten in eigens errichteten Gebäuden. Die Versorgung ist optimal: Musikzimmer, Volleyballfeld, Partyraum, ganz in der Nähe die universitätseigenen Turnhallen und sogar eine hauseigene Bar, alles da.

Keine Gschpürschmi-Kommune

Das «Netzwerk» liegt einigermassen versteckt in einem Wohngebiet in Oerlikon. Eine rasterförmig angelegte Wohnanlage, unterteilt in 36 WGs mit je fünf bis neun voll möblierten Zimmern. Drei längs und drei quer gereihte Wohnblöcke ergeben im Inneren Platz für vier steinerne Innenhöfe mit ein paar kleinen Bäumen. Es ist dunkel, menschenleer und sehr still. Die 1994 erstellten Flachdachbauten sind neutral gestaltet und mit hellen Schindeln bedeckt. Die Eingänge tragen mässig prosaische Namen: 11c, 7f oder 13a.

Ein paar Verandatüren sind erleuchtet, drinnen sitzen kleine Gruppen junger Leute, alle beim Abendessen. Ich streune durch die Siedlung und blicke durch eine der Glastüren in ein Wohnzimmer. Ein kräftiger Kerl sitzt am Esstisch und liest entspannt den «Economist»; neben ihm, an der Küchenfront steht eine hübsche Blondine und kocht. Im Hintergrund läuft ein Fernseher, ein Snowboard lehnt an der Wand, der Raum ist grosszügig bemessen, eine Sofaecke findet auch noch Platz. Am Kühlschrank hängt eine Schweizer Flagge. Ich klopfe.

Kurz darauf wird mir alles erzählt. Das sei total nett hier, die WG sei zu siebt, ja das gehe, man sei ja nicht immer gleichzeitig am Kochen, es gebe auch zwei Badezimmer auf den drei Stockwerken, und ach, da ist ja schon der Markus und oh hallo.

Der junge Sportsfreund in Shorts, T-Shirt und Adiletten zeigt uns einige Räume. Die Mieten seien abhängig von Grösse und Stockwerk, zwischen 400 und 550 Franken für um die 15 Quadratmeter. Bitte nicht die Zimmer fotografieren, es sei nicht schön aufgeräumt, war ja eben noch Prüfung. Er ist aus Bern, studiert Maschinenbau an der ETH und seit Beginn des Studiums im Netzwerk. Werde ein Zimmer frei, inseriere man im Internet; sichte so 30 bis 35 Bewerber und schlage den Wunschkandidaten der Verwaltung vor. Studenten von weit her könnten sich meist nicht persönlich vorstellen; und wer wolle schon mit einem zusammenwohnen, von dem man nur die Mailadresse kenne? Der Ausländeranteil sei daher gering.

Die Blondine kommt aus den Bergen und könnte Milchwerbung machen, so gesund sieht sie aus. Vor anderthalb Jahren ist sie zugezogen, sie hätte davor alleine gewohnt, sei etwas einsam gewesen, manchmal. Die Kommilitonen seien so reserviert, die Studiengänge anonym. Hier lerne man ständig Leute kennen. Sie studiert Germanistik an der Uni, ist kurz vor dem Lizenziat und isst Blumenkohl mit Senf. Der Dritte im Raum ist wie alle Anfang zwanzig und unverkennbar ein Snowboarder. Er stammt aus dem Zürcher Oberland und ergänzt die tägliche Mensaverpflegung gerade mit einem Hotdog. Das hier sei schon cool, mampft er, wir sollten doch nachher mal in die Bar kommen. «Genau! Ab elf gehts ab», grinst die blonde Tina.

Den zentralen Knotenpunkt des Netzwerkes treffe ich drei Wohnungen weiter. Gazment Dauti kennt alle in der Siedlung. Der gepflegte 30-jährige Mazedonier ist der Verwalter des Studentenhauses. Eben kommt er vom Spital. Er ist werdender Kieferchirurg und mitten im Diplomstress. Seit der Bologna-Reform sei man ständig unter Druck, stöhnt er. Alle paar Monate Prüfungen, ein, zwei Wochen Ruhe und dann wieder los: Student sei kein leichtes Leben, sondern ein Beruf. Und dann noch die Nebenjobs. Gazment führt uns durch seine WG. Es ist aufgeräumt und gespült, da sind Putzpläne, wieder dieselben Möbel. Lebensmittel kaufe man getrennt: «Wir sind hier keine Gschpürschmi-Kommune. Jeder ist für sich.» Ein Mitbewohner sei Norweger, der Rest Schweizer. Neun Leute auf drei Stockwerken, das ist im Netzwerk die maximale WG-Grösse. Gazment schliesst seine Tür ab. Es hätte kleinere Diebstähle gegeben, nichts Schlimmes.

Barkeeper in Adiletten

Im Keller zeigt er mir die Waschküche, in der manchmal Bettwäsche abhanden käme, dann noch die Musikräume. Bands gäbe es nicht, doch viele übten alleine. Einmal hätte es auch so einen Gitarristen gegeben, der hätte klasse gesungen. Das sei sowieso eine lustige WG gewesen. Die hätten immer Spanferkel gegrillt und Wasserpfeifen geraucht.

In der nächsten WG legt man Wert auf die Trennung von Arbeit und Freizeit. Man suche neue Mitbewohner immer aus anderen Studiengängen, um Fachgespräche zu vermeiden. «Wir reden ja schon den ganzen Tag übers Studium», meint die WG-Seniorin, die in drei Jahren Aufenthalt erlebt hat, «wie die Belegschaft einmal komplett ausgewechselt wurde». An der Spüle trocknet das vor drei Tagen eingezogene WG-Küken verlegen Geschirr.

Um zehn begleite ich den erschöpften Verwalter nach Hause. Ob öfter jemand im Streit ginge, oder rausgeschmissen werde, frage ich noch. Er denkt nach. Die Hälfte der Netzwerkler seien Frauen. Diese vertrügen sich nicht ganz so gut miteinander. Sie hätten Angst vor Freundschaftspärchen und Gruppendynamik und würden männliche Mitbewohner bevorzugen. So normal ist das Studentenwohnheimleben? Ich hoffte auf tiefere Wahrheiten.

Im Souterrain, gegenüber der ersten Wohnung ist die Bar. Der längliche Raum hat doppelte Wohnzimmergrösse und eine Glasfront zum Hof. Die Wände sind rot bemalt, Loungemusic tropft aus den Boxen. Ab elf Uhr füllt sich die Bar mit vielen gesunden Anfangzwanzigern die sich eindeutig zu Hause fühlen. Das zweite Adilettenpaar des Abends trägt einer der studentischen Barkeeper. Drei Tessiner Ehemalige begiessen ihr Wiedersehen mit billigem Bier.

Ich gehöre nicht zum Netzwerk. Man tuschelt. Die Studentenwohnheime, die ich in Berlin kannte, waren abgefuckt. Kaputte Scheiben, hinter denen vereinsamte Aussenseiter vegetierten. Müllberge, Diebstahl und missglückte Partys.

In der Bar lerne ich Ulf kennen. Er blickt in den verrauchten Raum mit den Chipstellern auf den Tischen: «Weisst du, ich hatte nie so ein richtiges Bilderbuch-Studentenleben. Ich stehe morgens auf und verpasse keine Vorlesung», sagt er, «manchmal gehen wir zusammen in der Bibliothek lernen. Lotterleben ist nicht.» Der Schock treibt mich an den Tresen. Nicht alle seien erfolgreiche Studenten hier, vom Versager zum Gewinner sei alles da. Dafür seien alle ähnlich drauf, erzählt die soeben eingetroffene Tina: «So Röhrenhosen-Guccitaschen-Studentinnen und Szenetypen gibts hier nicht.»

«Es gab eine, die blieb acht Jahre!»

Und für alle sei der Alltag etwa gleich. Der Uni-Groove. Morgens lernen und Vorlesung. Mittags Mensa. In den Semesterferien seien die meisten bei der Familie, die Siedlung leer. «An Weihnachten waren wir zwei Zürcher die Einzigen in der Siedlung», klagt der Snowboarder, der nun auch «wie immer» in der Mittwochsbar sitzt. Aber im Sommer, die Grillsessions und die Fussballbar in den Innenhöfen, alle draussen, Volleyball, Openair-Kino. Das sei toll. «Es gab eine, die ist acht Jahre hier geblieben! Dann hat die Woko sie rausgeschmissen. Acht Jahre ist das wahre Maximum», raunt mir ein 27-jähriger Senior zu. Ständig werden mir klebrig-süsse Kurzdrinks spendiert. Nach einem obligaten Wetttrinken mit einem aufgekratzten Jungphysiker ist es halb zwei. Die letzte Runde ist vorbei und die Bar fast leer.

Tina will ausgehen. Hier werde nie getanzt. Sie besuche übrigens Salsakurse. Die übrig gebliebenen Nachwuchsakademiker unterziehen das Zürcher Nachtleben einer diskursiven Analyse. Mascotte sei cool. Nein viel besser Longstreet Bar. Ach nee, Club Zukunft sei so ein Szeneschuppen. «Komm mit!», ruft Tina.

Im Krieg: Nicht stehen bleiben

Leise durchqueren wir die stille Wohnanlage. Einige Studenten hätten über Lärm geklagt und mit der Polizei gedroht. In einem Zimmer sehe ich ein Einstein-streckt-die-Zunge-raus-Poster. Wir sind zu sechst und warten vor der Siedlung auf das Grossraumtaxi. Die zwei Mädchen lachen, alles redet beschwipst durcheinander, kein Licht brennt in der Siedlung.

Die Attacke der radikalen Fraktion des studentischen Kleinbürgertums kommt aus dem Hinterhalt. Die Taktik lässt auf militärisches Vorwissen schliessen. Ein erster Schuss geht nur knapp daneben. Das Ei zerplatzt einen halben Meter vor mir auf der Strasse. Erstaunt schauen wir uns um und bleiben stehen. Dass man im Krieg nicht stehen bleiben sollte, merke ich, als von der dunklen Dachterrasse des 13er-Gebäudes eine strategische zweite Salve von mindestens zehn weiteren Eiern herabregnet. Wir wischen uns den Dotter von der Kleidung. Anonyme Eierattacken wegen Lärm, so was gäbe es hier, meint ein deutscher Student leicht beschämt, «solche Spiesser».

Donnerstag morgens um halb drei auf der Langstrasse hätten meine studentischen Partykumpanen fast dabei versagt, noch ein Dach über dem Kopf zu finden. Doch die blinkende Plastikpalme vor der Piranha-Bar wies ihnen den Weg. Man sollte hier zwar nicht mit Adiletten kommen, aber es läuft laute Tanzmusik und vielleicht lernt man neue Freunde kennen. Vor allem wenn man so tanzt wie Tina. Auch hier, zwischen dem bunten Treibgut der Zürcher Nacht fühlen sie sich wohl. Die Studenten, die am nächsten Vormittag keine Vorlesung haben.

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