Ferien in Tschernobyl, Test pakistanischer Waffenmärkte

Zwei neue Lifestyle-Magazine zwischen Jugendzeitschrift und Kulturblatt versuchen den Sprung in den Schweizer Markt. Das ist nicht ganz einfach, wie es scheint. Es lebe die Hoffnung.

Seit einiger Zeit fehlten sie hier zu Lande: Lifestyle-Magazine, die sich an das Zielpublikum der 20- bis Mitte-30-Jährigen richten und sich zwischen elitärem Feuilleton und simpler Jugendzeitschrift positionieren. Printprodukte also, die mit einem Mix aus Mode, Musik und junger Kunst unterhalten und informieren, deren Grafik aber genauso besticht wie der Inhalt. Starke Trendorientierung, kombiniert mit insiderischen Texten unterscheiden solche Blätter von herkömmlichen Illustrierten.

Nun beruht das Konzept Lifestyle auf der Prognose kommender Moden und Trends. Mit der ultraschnellen Verbreitung von Informationen im Internet existiert heutzutage eher ein Nebeneinander kultureller Strömungen als eine Welt erkennbarer Trends. Das macht es schwierig, intelligente und überlebensfähige Lifestyle-Blätter zu produzieren.

Bis vor etwa einem Jahr existierten in der Schweiz zwei auch international vertriebene Publikationen: Das kostenlose, strassenkulturfixierte «Word» und das relativ teure, distinguiertere «soDA». Titel wie «Kult» oder «Mex», der Nachfolger des legendären «Musenalp-Express», lagen an vielen Orten zum Mitnehmen parat. Dann kam der Niedergang. Ein Magazin nach dem anderen wurde eingestellt. Zurück blieb eine Lücke.

Zwei im März lancierte Lifestyle-Magazine versuchen diese nun zu schliessen: das «Vice» und das «Kinki». Beide Magazine sind gross angelegt, professionell gemacht und werden von Nichteinheimischen geführt.

Das Punk-Imperium gibt einen aus

sex-drugs-pop

Bezeichnenderweise existiert das Schweizer «Vice»-Magazin vorerst nur im Internet. Ursprünglich von drei Skatepunks in Kanada gegründet, liegt es heute bereits in 17 Ländern gratis als Printprodukt auf, voll gepumpt mit Werbung und in einer Gesamtauflage von einer beachtlichen Million. Man bedient eine internationale Szene party- und kunstfreudiger Rockfans. Nebst den landesspezifischen Magazinen produziert das wachsende «Vice»-Imperium auch Webseiten, Reiseführer, Platten, Dokumentarfilme sowie Shows für den mit viel Aufwand vorangetriebenen Video-on-Demand-Kanal VBS.tv. Dieser soll zum MTV des Internetzeitalters werden. Mit dem laufenden Aufbau der Schweizer Redaktion ist «Vice» im Zuge eines weltweiten Rollout-Plans nun in 23 westlichen Ländern aktiv. Derzeit veröffentlicht viceland.ch täglich Berichte von sechs Schweizer Schreibern sowie Artikel von ausländischen «Vice»-Redaktionen. Bald soll die Schweizer Internetseite mehrsprachig sein: deutsch, französisch, englisch und vielleicht italienisch. Im September folgt ein erstes gedrucktes Werk: der «Vice Guide to Zürich». Eine Partyreihe begleitet die Markteinführung. Kostenloser Alkohol und als «die Band des Jahres» vermarktete Newcomer befeuerten die schwitzige Meute sturzbetrunkener Schweizer in engen Hosen und bunten Shirts an der Zürcher Launch Party im April. «Wir haben gesehen, dass unsere Zielgruppe in der Schweiz ausreichend vertreten ist», jubelte der deutsche «Vice»-Marketingleiter über den Andrang. Gehe das so weiter, solle das Schweizer «Vice» zum Jahreswechsel in gedruckter Form erscheinen.

Inhaltlich steht «Vice» (englisch für Laster) für provozierende, sauflustige Hemmungslosigkeit. In betont subjektivem Stil berichtet das Magazin über pakistanische Waffenmärkte (inklusive Waffentests), Ferien in Tschernobyl oder Hardrock in Bagdad, zeigt Modestrecken und schreibt Plattenbesprechungen mit viel Gespür für Untergrund-Rockbands. Beliebt sind die «Dos and Don’ts», Schnappschüsse von Menschen, unterlegt mit beleidigenden oder lobenden Kommentaren, mal rassistisch oder homophob, voller Slangsprache und Schimpfwörter. Ein Selbstversuch verschiedener Drogen zum Gruppensex oder ein Spermageschmack-Test, wie auf der Schweizer Internetseite aufgeschaltet, gehören ebenso dazu wie die wild gemixte Grafik. Doch im Kern ist diese White-Trash-Mischung reaktionär: Es geht um Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll.

Einfach «frech» ist gar nicht einfach

kinki cover und text

Einfach «frech» sein will dagegen das «Kinki»-Magazin und versagt dabei beim angestrebten Spagat zwischen Provokation und Anpassung. Das Editorial zur ersten Ausgabe vom März wandte sich an alle «gut aussehenden Unangepassten». Serviert werden Trendthemen von vorgestern: Ecuadors Jugendbanden (zum Beispiel 2005 in der «Weltwoche» behandelt) oder japanische Gothic Lolitas (das letzte Buch dazu erschien im Mai 2007). Man liest Sätze wie «Die Stars machen es vor. Bei jede (!) Event einen neuen Look, immer top gestylt». Peinlich sind die zahlreichen Orthografie- und Grammatikfehler sowie Plattenkritiken, in denen mit keinem Wort Musikstil oder klangliche Ebene beschrieben werden. Unbefriedigend auch die Modestrecken mit Kleidern der Kopisten von H & M oder als Artikel getarnte Werbetexte.

«Kinki» setzt, wie das «Vice», auf die Dreisäulenstrategie bestehend aus Print, Webseite und Partyreihe. Reportagen über exotische Kombinationen wie Graffiti im Iran oder Skateboarding in Afghanistan beweisen die Anlehnung an das «Vice»-Magazin. Schade nur, dass sich «Kinki» nicht mit lokaler Expertise abzugrenzen versucht: Der Anteil an Texten über Events und Entwicklungen in der Schweiz macht maximal ein Fünftel des Inhalts aus. Man merkt, dass Chefredaktor Matthias Straub im subkulturarmen, ausserhalb der Schweiz liegenden Stuttgart arbeitet.

Obwohl der erste Eindruck mühsam zu korrigieren sein wird, bietet «Kinki» eine Plattform, die in der Schweiz gefehlt hatte. Gründer und Verlagsleiter Mark Mirutz hat ein kommerziell betrachtet hoch professionelles Produkt aufgestellt; Kioskvertrieb, renommierte Grafiker, Werbepartner, Spots auf MTV, all das stimmt. Bleibt die Hoffnung, dass sie von alleine in die offenen Arme der noch im Aufbau befindlichen Zürcher Redaktion rennen, die kompetenten hiesigen Fotografen und Schreiber, die «Kinki» so dringend benötigen würde.

www.viceland.ch; monatlicher, kostenloser Print geplant ab Jahreswechsel

http://kinkimag.com; am Kiosk jeden dritten Montag im Monat, 6 Franken

http://www.tagesanzeiger.ch/dyn/digital/hintergrund/872479.html

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