Vom Rassismus-Gejammer halt ich nichts

olushola-3

Eben noch klaute er bei Lidl ein Poulet, jetzt wird er Popstar: Aus London kommt Afrikan Boy, um der Welt ein anderes Afrika zu verkaufen. Morgen Abend auch am Theater Spektakel.

Aufgezeichnet von Hannes Grassegger

«Wenn es einen afrikanischen Superhelden gibt, dann bin ich das wohl. Ich bin zwar erst 19 Jahre alt und habe noch keine CD veröffentlicht, habe aber schon Konzerte für Prince eröffnet und war mit M.I.A., dem tamilisch-britischen Dancefloor-Star, auf Tournee. Sogar Mos Def will etwas für mich einsingen. Und, oh, ich bin auch ein guter Schauspieler. Eben haben sie mir Drehbücher vorgelegt. Sie wollen mich für eine Hauptrolle, als Gangleader.

Ich heisse Olushola Ajose, aber als ich mit Rappen anfing, gaben mir meine Londoner Freunde den Namen Afrikan Boy. Ich mag den Namen und meine Herkunft. Ich wurde in London als Kind nigerianischer Eltern geboren, wuchs aber in Lagos auf. Um eine gute Ausbildung zu erhalten, wurde ich nach England geschickt, ich habe ja den britischen Pass. Jetzt mache ich Musik und studiere Psychologie und Soziologie.

Ein gestohlenes Hühnchen

Letztes Jahr habe ich mein Lied «One Day I Went to Lidl» auf Myspace gestellt, und da ist alles explodiert. Auf Youtube haben sich über 600 000 Leute den Clip angesehen.

M.I.A. schrieb mir. Erst glaubte ich es fast nicht, dann sagte ich rasch zu, und jetzt bin ich auf ihrem Album «Kala». «Lidl» ist eine wahre Geschichte. Ich war pleite, hatte Hunger und stahl im Lidl in Woolwich, das ist mein Stadtteil im Südosten Londons, ein Hühnchen. Dabei wurde ich erwischt. Im Song erzähl ich das Wort für Wort und mit ein paar Fetzen Yoruba, meiner nigerianischen Sprache. Dann hats noch ein paar Zeilen darüber, wie man ein Visum für England bekommt, indem man sein Alter einfach niedriger angibt. Und dann mit 14-Jährigen in die Schule geht.

Die Story rappte ich über einen bekannten Grime Riddim von Skepta. Darum sagen viele, ich mache Grime. Das ist ein Londoner Hiphop-Stil, nur schneller, härter und düsterer. Aber in Musik und Mode will ich immer individuell und der Erste sein. Also sagte ich zu einem Freund: Hey, mach mir ein neues Instrumental für «Lidl», in einem neuen Stil. Voilà: Afro-Grime. Meine Erfindung. Grime-MCs sprechen meist über Gewalt und Sex. Ich will weder sein wie die, noch, dass sich meine Mutter für meine Texte schämt. Ich suche eher politische Themen. Einzigartig ist, dass ich Afrika ironisch und positiv beschreibe. Französische Rapper schreiben traurige Songs über Immigration und Identität, ich bring diese Themen mit Humor rüber. Manche sagen, das sei falsch, aber das Publikum fährt drauf ab.

Die nigerianische Musik verändern

Viele denken, Afrika sei wie auf den Plakaten von Oxfam: alle am Verhungern. Solche Hilfsorganisationen verbreiten ein negatives Afrika-Bild. Dass ein ganzer Kontinent für einen Cheeseburger sterben würde, das gibt es nicht. Also spende ich nicht für Oxfam. Viele Projekte sind nur schöner Schein. Ich will nicht rumreden, aber wenn ich in Afrika investieren würde, dann in den Schulen. Mein Slogan: Ausbildung zuerst.

Weil ich zielstrebig bin und Werte vertrete, schauen die Leute aus Woolwich zu mir auf. Die Gegend ist hart, aber ich mag sie und nenne sie ungern Ghetto. Die Gewalt hat zugenommen, und du solltest nicht zur falschen Zeit am falschen Ort sein. Auch ich wurde beraubt. Die Polizei versucht ihr Bestes, aber es gibt viel institutionellen Rassismus, auch ich werde häufig kontrolliert. Bloss, vom ewigen Rassismus-Gejammer halte ich nichts. Man kann aus allem Rassismus machen: Ein Piano hat mehr weisse als schwarze Tasten - Rassismus! Trotzdem, hoffentlich kriegen sie die Waffen von der Strasse weg.

Nigeria nenne ich meine Heimat, und mit England fühle ich mich verbunden. Ich mag zum Beispiel meinen britischen Akzent. Also habe ich zwei Heimaten. Gut, aber nicht einfach. Ich bin noch nie in Nigeria aufgetreten, aber bin in Kontakt mit lokalen Radio-DJs. Ich glaube, ich kann die nigerianische Musik verändern. Hey, ich bin Nigerias Antwort auf Lil Wayne! Und schreib noch: Meine erste EP erscheint am 1. Oktober. Das ist der nigerianische Unabhängigkeitstag. »

Konzert morgen Samstag, 30. 8., 22 Uhr, am Theater-Spektakel, Club.

www.myspace.com/afrikanboy

Suche

 

Aktuelle Beiträge

Mein Buch: Das Kapital...
Unsere Daten müssen uns gehören. Diese einfache Idee...
hannes1 - 11. Jul, 10:25
Gerald Loeb Award for...
Incredibly honored. Infos here.
hannes1 - 4. Jul, 16:37
Hannes Grassegger - Economist
Hannes Grassegger Photo: Felix Grisebach Twitter:...
hannes1 - 26. Jun, 20:29
3sat "Kulturzeit"
"Opa hat keine Lösung" – Meine Kritik des neuen Jaron...
hannes1 - 6. Jun, 15:15
Events 2018
Here is my schedule for 2018. I am just starting...
hannes1 - 5. Jun, 23:10
Neue Publikationen 2018
Juni: - Das Kapital bin ich. Kein & Aber Verlag....
hannes1 - 4. Mai, 15:34

RSS Box

Status

Online seit 7080 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 1. Sep, 08:36

ABOUT & CONTACT
Abstrakt
akademische mitteilungen
AlJazeera
apparel resources India
ARTE
Arts Exhibitions
Auftritte
Beobachter
brand eins
Business Punk
Campus Verlag
Capital
CNN International
Das Magazin
Die Südostschweiz
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren