Ein Ladenlokal für die Kulturförderung

Das Zürcher Kulturbüro im Kreis 4 unterstützt seit zehn Jahren kulturelle Aktivitäten konkret. Es ist ein Projekt des Migros-Kulturprozents.

Von Hannes Grassegger

Am 27. September 1998 öffnete sich am Sockel der Pyramide namens Kunstbetrieb ein kleines Portal für alle, auch jene, die niemals durch das Tor konventioneller Kulturförderung schreiten werden. Mittlerweile existieren vier solcher Portale. Ganz neu in Basel, seit zwei Jahren in Genf, 2000 öffnete Bern die Pforten, vor genau zehn Jahren stellte man den Zürchern das Konzept erstmals vor.

Das Zürcher Kulturbüro befindet sich an der Stauffacherstrasse 100, in der Nähe des Helvetiaplatzes. In diesem kleinenLadengeschäft entsteht ein guter Teil von dem, was man an kantonalen oder eidgenössischen Wettbewerben sieht. Aber auch Partyflyer für illegale Bars. Für das Gebastel an Gedanken und Gegenständen fanden im Kulturbüro Zürich letztes Jahr gegen 4000 Kulturschaffende viel von dem, was sie dazu benötigten - von der Schere bis zur Schneidemaschine, vom Farbkopierer bis zum 23-Zoll-Rechner mit den neusten Grafik- und Videoprogrammen. Zum Ausleihen gibt es High-Definition-Kameras und Tonaufnahmegeräte, am Pinboard sind Angebote für Ateliers oder Wettbewerbe zu lesen. Für den Einstieg in die Netzwerke, die vor allem in der Kunstwelt so wichtig sind, findet man eine Sofaecke mit Cafébar und Handbibliothek.

Das heuer sein zehnjähriges Bestehen feiernde Zürcher Kulturbüro bietet niederschwelligen Zugang für Vorhaben, deren formelle Beantragung unverhältnismässig aufwendig wäre oder deren Initianten und Ausrichtung konventionelle Kriterien mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht erfüllen würden. Das Konzept entstand aus Eigenbedarf, erzählt Kulturbüro-Erfinder Micha Lewinsky (36), mittlerweile erfolgreicher Filmregisseur («Der Freund»). Anfang 1998 stand er in einem Copy Shop und scherzte mit der Galeristin Esther Eppstein darüber, welches die essentiellen Mittel junger Kunstschaffender seien. Kopierapparate, lachten beide, und ein Cafétisch zum Ideenaustausch.

Als Lewinsky vom Aufruf des damaligen Migros-Kulturprozent-Chefs, David Bosshart, hörte, Ideen zur Kunstförderung einzureichen, sah er die Chance. Eine Umfrage unter kulturschaffenden Bekannten ergab eine Wunschliste. Lewinsky recherchierte die Kosten und reichte im Frühling 1998 ein zwanzigseitiges Konzept ein. Ein halbes Jahr später eröffnete das Kulturprozent das Kulturbüro. Am selben Ort, mit demselben, zweisäuligen Konzept, das heute an den vier Standorten mit geringen lokalen Anpassungen umgesetzt wird.

Jubiläumsfeier mit Künstlerbibel

Eine Säule ist das Bereitstellen von Informationen: Welche Wettbewerbe, Stipendien und Stiftungen man auch sucht, auf der Kulturbüro-Website wird solches Wissen gebündelt zugänglich. Die andere Säule: Gerätschaften, die dem Bedarf laufend angepasst zum Verleih oder im Laden bereitstehen. Einzige Vorbedingung istein kulturelles Vorhaben. Für Materialien oder Nutzung wird ein Selbstkostenbetrag bezahlt, manches ist gratis. Für Zürich rechnete das Migros-Kulturprozent 2007 mit knapp 200 000 Franken Kosten.

Gesteuert wird alles von Kulturschaffenden selber. Ivan Sterzinger, Leiter der vier Mitarbeiter mit insgesamt 150 Stellenprozenten, war neben dem Psychologiestudium als Grafiker, DJ und Veranstalter tätig. Dieses Jahr gewann er für grafische Arbeiten den Schweizer Designpreis. Sein Team kennt die Bedürfnisse der Besucher, etwa der kurdischen Dokumentarfilmer, die extra einen Dolmetscher mitbringen; oder der gestressten Nachwuchskünstler, denen kurz vor Eingabeschluss der Computer abstürzt; oder des 74-jährigen Winterthurers Josef Mitlehner, der sich als Musikmaler vorstellt und zwei-, dreimal im Monat vorbeikommt, um Poster anzufertigen. Das Konzept, für «junge Leute» gedacht, altert wenig. Das Durchschnittsalter der Nutzer stieg von anfänglich 28 auf nun 32 Jahre, neuste Tendenz ist der Zustrom immigrierter Kulturschaffender. Die Sparten Film und Bühne legen zu.

An diesem Dienstagnachmittag ist Rushhour. Über ein Dutzend Leute arbeiten in den zwei Räumen mit knapp 60 Quadratmetern. Eine junge Frau mit Kopftuch erstellt eine Mappe für die Kunstschule, am Schneidetisch bastelt ein Punk. Drei Filmer besprechen die Kameramiete; zwei Grafikerinnen das Layout eines Buchs über Aussersihl; eine Gruppe Afrikaner recherchiert im Internet. Im Nebenraum bedient ein Musiker den CD-Kopierturm, ein Fotograf erklärt einem anderen das Bildbearbeitungsprogramm. «Im Gegensatz zu vielen Fördertechniken kannibalisieren die Kunstsparten im Kulturbüro einander nicht», meint Lewinsky stolz. Kein Verteilungskampf lasse Maler gegen Musiker antreten. Eher lerne man voneinander oder starte gemeinsame Vorhaben.

Selbstselektion der Nutzer und direkte Gespräche funktionierten wider Erwarten hervorragend, bestätigt der Kulturbüro-Verantwortliche des Migros-Kulturprozents, Dominik Landwehr. Das Projekt sei nun zu 40 Prozent selbsttragend. Das sei sehr effizient. Lewinskys Vorschlag, jetzt, da sich das Projekt etabliert habe, staatliche Gelder zu fordern, lehnt Landwehr ab. Jedes Kulturbüro habe seine eigene Finanzierungsstruktur, in den drei anderen Filialen seien bereits verschiedene, auch öffentliche Gelder dabei.

Lieber spricht Landwehr von weiteren Vorhaben. Ziele sieht er in Ergänzungen der Website, Stichwort Web 2.0, und im Zusammenspiel der vier Filialen. Und natürlich der Organisation der Jubiläumsfeier. Im Oktober bietet man Ausstellungen, Filmscreenings, Buchbesprechungen, Konzerte und eine Jubiläums-CD und Ende Jahr eine Künstlerbibel. Diese soll ein Handbuch werden, gelbe Seiten von Kulturschaffenden für Kulturschaffende, voll praktischer Tipps erfahrener Kulturbüronutzer und erfolgreicher Künstler. Ein Guide für die Kunstpyramide.

Wie Künstler das Angebot nutzen:

Daniele Buetti: «Das Kulturbüro begann ich schon kurz nach Eröffnung zu nutzen, so zwischen 1998 und 2000, vor allem für Farbkopien und die Anfertigung von Mappen. Aber auch Computer und die Ausleihe von Videoequipment habe ich genutzt. Zürich ist klein, und so lag das Kulturbüro immer nahe. Für mich war das Kulturbüro ein Arbeitsort. Ich kam hinein, erledigte mein Zeug und ging wieder. Die Atmosphäre war angenehm und arbeitsam. Für einige schien das Kulturbüro ein zweites Zuhause zu sein. Heutzutage brauche ich das Kulturbüro nicht mehr. Entweder habe ich die Geräte selber, oder Assistenten erledigen solche Aufgaben für mich. Ich nutzte das Kulturbüro zwar völlig pragmatisch, doch es ist für mich eine ernst zu nehmende Förderungsform, gleichzustellen mit Werkbeiträgen oder Stipendien. Die Einrichtung ist wohl einzigartig. Ich zumindest kenne nichts Ähnliches.»

Der mit medienkritischen Arbeiten bekannt gewordene Künstler Daniele Buetti, Jahrgang 1956, war ein früher Nutzer des Kulturbüros. Er lebt in Zürich und hat eine Professur an der Kunstakademie Münster.

Vilanda Saiphin Aeberli: «Zur Zeit arbeite ich mit meinem Assistenten an einer Serie über Thailand. Wir wollen unbekannte Landstriche und deren Spezialitäten zeigen. Damit die Zuschauer einen Bezug herstellen können, berichten in jeder Folge Schweizer, die nach Thailand übergesiedelt sind. Das Konzept haben wir nun Star TV angeboten. Das Kulturbüro nutze ich seit sechs Jahren. Damals hatte ich eine eineinhalbjährige Filmschule in Los Angeles abgeschlossen, und ich wollte meine Ideen umsetzen. Hier nutze ich das, was ich in meinem Büro nicht habe. Als selbständige Veranstalterin organisierte ich die Wahl zur Miss Thai Europa 2006 oder Konzerte mit Thai-Stars wie Mai Charoenpura. Gerade bereite ich an Farbkopierer und Schneidemaschine die Präsentationsmappe für die Serie vor. Weil ich oft da bin, kenne ich Mitarbeiter und Gäste des Kulturbüros. Sie sind sehr hilfsbereit. Den Leiter des Büros lud ich mal zu einem Thai-Konzert im Volkshaus ein.»

Die aus Thailand stammende Vilanda Saiphin Aeberli war früher Mannequin, davor hatte sie in Thailand Kunst studiert. Nun arbeitet sie als Veranstalterin und bereitet eine TV-Serie vor.

Stauffacherstrasse 100; Öffnungszeiten: Di-Fr 13.30 bis 18.30 Uhr, Do bis 22, Sa 12 bis 16 Uhr. www.kulturbuero.ch

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