Kunstatelier Leimbach

Eine Ateliergemeinschaft in einer ehemaligen Leimbacher Fabrikhalle nahe der Zürcher Stadtgrenze hat während der letzten Jahre mehrere junge Künstler hervorgebracht, die international Beachtung finden.
Von Hannes Grassegger
Timothy Standring wird vielleicht ein weiterer Beweis werden für das Potenzial Leimbachs. Genauer gesagt für die Schubwirkung der Leimbacher Ateliergemeinschaft. Kommende Woche werde er im Swiss Institute in New York stehen, als Koch an der Preview einer Ausstellung für Kuratoren, Künstler und Sammler, erzählt Standring. Der Flug ist bezahlt, eingeladen hat Gianni Jetzer, der Direktor des Swiss Art Institute.
Vor kurzem wurde der 29-jährige Tim zudem in einer Zürich-Kunstbeilage
des deutschen «Zeit»-Magazins erwähnt. Allerdings trat der stadtbekannte
Partygänger als «Basler Kunstkoch» im Text auf. «Immerhin hab ichs
zum Basler geschafft», grinst er.
Freundschaft und Fleiss
Den Kontakt mit Gianni Jetzer und die Erwähnung in der internationalen
Presse verdankt Standring der Leimbacher Ateliergemeinschaft, in der er lebt. Ebenso seinen Job als Assistent des Fotografen Lukas Wassmann, eines Mitgründers des Gemeinschaftsateliers. Als Netzwerk, so funktioniere das Leimbacher «Kunststipendien-Establishment», wie es der TA-Kunstkritiker Sascha Renner ausdrückt. Die Gruppe in der ehemaligen Weinabfüllerei August C. Egli habe sich innert weniger Jahre eine gute Reputation aufgebaut.
Alles begann auf Freundschaftsbasis
Wassmann entdeckte 2004 zusammen mit seinen Kollegen Taiyo Onorato und Nico Krebs die triste, leerstehende Fabrikhalle an der Durchgangsstrasse von Wiedikon nach Leimbach als potenzielles Atelier. Man schloss sich zusammen, mietete sich ein, zu viert mit Goran Galic, ebenfalls Fotograf. Das Ganze war weder Hippieprojekt noch Hausbesetzung,
jeder ging zielstrebig seiner künstlerischen Arbeit nach, kooperierte aber nach Belieben. So kamen erst die Resultate, dann kam die Aufmerksamkeit, schliesslich die Stipendien – und immer mehr temporäre Ateliergenossen, Zwischenmieter, Freunde. 2007 holte Wassmann seinen ambitionierten Bernbieter Freund Fabian Marti für ein paar Monate nach Leimbach. Dieser fand in dem Künstlerverbund sein persönliches «Cape Canaveral ». Bald wurde Marti durch die renommierte Galerie Peter Kilchmann vertreten, nun stellt er international aus und pflegt nebenbei Pressekontakte. So auch zu einer Autorin des «Zeit»-Magazins. In dem dann wiederum Timothy Standring auftauchte.
Als der 29-jährige Wassmann ein Kiefer- Hablitzel-Stipendium in Los Angeles antrat, später auch in Berlin arbeitete, vertrat ihn die Kunststudentin Seline Baumgartner in Leimbach. Wassmann lebt mittlerweile wieder in Zürich und doziert neben seiner künstlerischen Arbeit Fotografie an der Lausanner Kunsthochschule. Dafür hält sich nun Seline Baumgartner in New York auf, unterstützt mit einem städtischen Stipendium. Ihr eigenes Kiefer-Hablitzel-Stipendium wird sie im kommenden Jahr antreten. So funktioniert Leimbach: Die Preise gehen reihum, nur die Köpfe wechseln. Weil man im Atelier den Austausch schätzt, führten die Gründer finanzierte Leimbach-Aufenthalte («Residencies») für Künstlerfreunde aus dem Ausland ein.
Roman Signer für drei Franken
Um die Kosten dieser Stipendien zu decken und auch weil man annahm, das ständig vom Abriss bedrohte architektonische Schandmal bald verlassen zu müssen, organisierte Goran Galic 2008eine erinnerungswürdige Grossveranstaltung. Monatelang sammelten er und die Ateliergemeinschaft Werke befreundeter oder um mehrere Ecken bekannter Künstler – die man dann als Bingopreise verloste. Das mittlerweile legendäre Leimbacher Kunstbingo lockte an die tausend Gäste ins Sihltal, darunter arrivierte Kunstliebhaber, Partyvolk und Szene. Die Veranstaltung bewies das Mobilisierungspotenzial der Gemeinschaft. Grosse Namen wie Fischli/ Weiss, Olaf Breuning, aber auch junge Künstler stifteten Originale. 750 Besucher registrierten sich als Vereinsmitglieder, ein serbisches Bingoteam schmiss den Abend. Einen Hauptpreis, ein Werk des weltbekannten St. Galler
Videokünstlers Roman Signer, gewann eine 21-jährige Grafikstudentin – mit einem Los für drei Franken.
Rückblickend hält Galic Leimbach für ein gelungenes Projekt. Derzeit arbeite er noch mit drei bis fünf anderen in der 400 Quadratmeter grossen Fabrikhalle, die durch leichte Trennwände unterteilt ist und nach Kunst und
Chaos und Arbeit aussieht. Im Keller liegt ein Musikstudio, wo mehrere Bands spielen, zudem ein Fotolabor. Angeschlossen an die Halle sind zwei Stockwerke ehemaliger Verwaltungsräume, die ebenfalls als Ateliers dienen.
Ganz oben, in der Hauswarts-Wohnung, befindet sich eine kleine Künstler-WG. Dort trifft man auf Alexis Saile, Künstler und Grafiker, der diese Woche in der Zürcher Galerie Katz Contemporary ausstellen wird. Konzept der Ausstellungsreihe sei, etablierte und neue Namen in der Kunstwelt zusammenzubringen,Gemeinsamkeiten auszuloten. So etwas kennt sein Gast Raphael Hefti, 31-jähriger Künstler und Ex-Leimbacher der zweiten Generation, bestens. Er stellt derweil in London aus. Leimbach war und ist eine Startrampe.
Rekurse als Rettung
Wie lange diese Startrampe noch stehen bleibt, ist unklar. Auf dem Areal wäre schon längst die Genossenschaftssiedlung Sihlbogen entstanden, würde sie nicht durch Anwohner-Rekurse blockiert. Spätestens wenn diese erledigt sind, wird die Fabrikhalle abgerissen.
hannes1 - 28. Feb, 16:20