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Türen auf! Her mit der Demokratie!
Tunesien, Ägypten, Jemen, Algerien. Es ist eine Welle historischer Ereignisse. Stehen wir, wie damals 1989 beim "Zusammenbruch des Ostblocks" vor einer echten "Wende" im arabischen Raum? oder zumindest in Nordafrika?
Derzeit bietet sich eine einmalige Chance für einen Paradigmenwechsel in Nordafrika. Aber wie im Falle Irans 1979 steht die Gefahr im Raum, das nicht die freiheitlichen Kräfte gewinnen.
Die Europäische Union und die USA sollen die friedliche Transformation unterstützen und die Hand reichen in dieser schwierigen Zeit der Ungewissheit. Nicht durch aufdringliche Interventionen sondern durch die richtigen Gesten. Durch starke Symbole, die der Bevölkerung in den Transformationsländern zeigt, wie willkommen sie in einer freien Welt sind. Ein Vorbildfall muss geschaffen werden. Es gilt schnell zu handeln.
Update 3. Februar: Jakob Augstein (Spiegel / Der Freitag) scheint dasselbe zu denken.
Aber es wurde nicht schnell gehandelt. Und die Schande ereignet sich vor unser aller Augen. Der Diktator Ägyptens schickt in seinem hoffentlich letzten Akt der Ruchlosigkeit Schergen in Zivilkleidung gegen die auf Frieden und Demokratie hoffenden Bürger Ägyptens.
Ägypten, Alexandria, 2007
Alexandria ist eine schöne Stadt am Meer mit prächtigen Jugendstilvierteln und einer langezogenen Seepromenade, die vom alten Gefängnis bis zur neuerstandenen Bibliothek von Alexandria führt. Der laute Verkehr der Prachtstrasse stört die jungen Pärchen nicht, die dort entlangschlendern. Schüchtern und ganz kurz wird Händchen gehalten, junge Frauen schieben die Kopftücher weiter zurück. Niemand stört sich daran. Vorderhand. Statt Cocktail Bars gibt es hervorragende Saft Bars, an denen Abends rumgehangen wird. Immer weht eine mediterrane Brise.
2007 verbrachte ich dort einige Wochen um einen Freund, der als Konzeptkünstler im arabischen Raum arbeitet, zu besuchen. Er führte mich durch seine Heimatstadt, wir besuchten Galerien und ich staunte über den wunderbaren, im dritten Stock eines Altbaus gelegenen Off-Space des ACAF. Nicht in Berlin, Paris oder New York, hatte ich je so einen Kunstraum gesehen. Der offene alte Aufzug mit den stählernen Ziergittern, die vier, fünf Meter hohen Räume, zweihundert Quadratmeter, Lichtstrahlen im warmen Ton Nordafrikas, Wände abgezogen bis aufs Mauerwerk.
Der Stolz mich so zu überraschen war meinem Freund und den Betreibern des ACAF anzusehen. Gemeinsam zogen wir noch zu einer Vernissage im Goethe Institut gleich um die Ecke. Gegen Abend luden mich die Betreiber des ACAF ein, mit Ihnen ein Seafood Restaurant nahe des alten Forts zu besuchen. Wir assen hervorragend, es war ein Fest.
Diese Leute hätten überall leben können. Sie hatten sich für Ägypten entschieden. Im Gegensatz zu meinen ebenfalls jungen Gastgebern allerdings hatte ich damals nur drei Kontinente je betreten. Und ich sprach auch neben ein paar Fetzen Arabisch nur drei Sprachen. Es ging um Kochrezepte, Pop, die Relevanz des Bidoun Magazins im Nahen Osten, die Freude an der Kunst, Tendenzen in der Schweizer Grafik, das Contemporary Image Collective in Kairo, und die Ignoranz des Westens, nicht verstehen zu können, das man auch als arabischer Künstler nicht unbedingt politisierte Arbeiten schaffen will.
"Wieso verstehen sie es nicht, dass ich beispielsweise lieber Sternbilder abzeichnen will, als den Kampf der Palästinenser zu bearbeiten?", meinte Mahmoud Khaled, der damals für eine Ausstellung Mützen von Schulanfängern mit Schokolade übergoss. Khaled wollte frei arbeiten. Und seine Arbeit ist sein Leben. Auch wenn es niemand in seiner Familie verstehe, was er genau tue.
"Les Arts pour les Arts", ich habe es erst dort, in Alexandria verstehen gelernt. Das Ausleben der Freiheit, nichts und niemand anderem als der Kunst zu dienen.
Vor lauter Freude beging ich einen Fehler. Ich wollte die Rechnung übernehmen. Alle waren beleidigt.
Seitdem habe ich etwas gutzumachen in Alexandria. Ich muss wieder vorbeikommen. Und ich will Bessam Baroni, Maha Maamoun und Mahmoud Khaled dieses Mal in einem freien Land besuchen.
Was auf Bing reinkommt, lässt mich hoffen.
hannes1 - 27. Jan, 15:56