Bildungsbürgertum im Kiez: Neue Passion für Intellektualität
Im Zürcher Langstrassenkiez trifft sich neuerdings junges Bildungsbürgertum zum intellektuellen Austausch. So beim Forum für Forschung in Kunst und Kultur, einer Vortragsreihe für den Grenzgang zwischen wissenschaftlicher und freier Forschung.
Hannes Grassegger
Dienstag Abend sieben Uhr, die abendliche Rush Hour in der Zürcher Langstrasse legt sich allmählich. Während man sich draussen auf den Rausch der Nacht vorbereitet, wird der ehemalige Textilladen Perla Mode am Eck zur Brauerstrasse zum Hort lockerer Intellektualität. „Schönen guten Abend, freut mich dass Sie gekommen sind. Die Bude ist voll.“ begrüsst Veranstalter Michael Hiltbrunner, Jahrgang 1975, die etwa 30 Besucher des Ladenlokals, das sich nun Corner College nennt. Das Publikum ist durchmischt, überwiegend um die dreissig Jahre, manche älter, manche jünger.
Geladen zum vierten Vortrag der Reihe Forum für Forschung in Kunst und Kultur wurde Lena Willikens aus Köln. Die elegante Absolventin der konservativen Kunstakademie Düsseldorf hat eine Passion für das merkwürdige elektrische Musikinstrument Theremin, welches fliessende Klänge erzeugt indem man die Hände in der Luft zwischen zwei vertikal zueinandergestellten Antennen bewegt. Nun hält die 31-jährige in Zürich den ersten öffentlichen Vortrag ihrer privaten Forscherinnenkarriere.

Singende Radiowellen
„Nimm ein iPhone, stell den Sci-Fi Klingelton ein. Hört ihr diesen Sington? Typisch Science Fiction Ton der 1950er! Hitchcock hat ihn für „Spellbound“ benutzt, das bedrohliche Cello-artige Flirren ist Theremin.“ Pünktlich um 19.15 hat Willikens begonnen und während anderthalb Stunden Frontalpräsentation mit Anschauungsmaterial hängt sie die Geschichte der elektronischen Musik und etwas Weltgeschichte an einem Nagel auf.
1919 lädt Lenin den 23-jährigen Leon Theremin, der soeben das auch Ätherophon genannte Instrument erfunden hat, in den Kreml und ist begeistert über das futuristische Instrument. Für Genius Theremin beginnt ein ungeheurer Siegeszug, er reist für Präsentationen durch Russland, in Manhatten finanziert ihm eine Mäzenin ein grosses Forschungslabor. Das New York der 30er Jahre ist fasziniert von den „singenden Radiowellen“. Theremin-Ensembles spielen in der ausverkauften Carnegie Hall Adaptionen klassischer Werke, bald entstehen experimentelle Kompositionen für das Instrument mit dem unerhörten Glissando.
Elektroszene New York 1930 - 1960
Leon Theremin entwickelt elektronische Instrumente wie das saitenfreie Theremincello oder das Rhythmicon, eine Rhythmusmaschine mit Tasten. Willikens Dokumente einer populären Elektromusikszene der 1930er lassen das Publikum staunen. Ein Schwarzweissbild zeigt das Trio Electro, welches mit Theremincello, Theremin und Rhythmicon voll auf Elektro im Art Deco Stil setzte. Theremin selber forscht weiter, entwirft auch elektrische Handschuhe zur drahtlosen Übermittlung des Tastgefühls. 1939 reicht es dem sowjetischen Geheimdienst KGB, der Erfinder wird nach Russland entführt und darf fortan staatlichen Labors dienen. In den USA führt später Bob Moog, Erfinder des Synthesizers, die Thereminkultur weiter.
Zum Ende der Präsentation improvisiert Willikens, als Musikerin aktiv mit einem Mitglied von To Rococo Rot, mit ihrer Theremin und einer Loopmaschine. Eine Symphonie aus singenden, pluckernden und knarrenden Klangschichten in die sich das Geheul der Sirenen der vorbeifahrenden Krankenwagen gut einfügt. Die Nacht in der Langstrasse beginnt. Ein paar Fragen noch, rasch löst sich die Versammlung auf. Das war keine Party.
Off für Offen
Das „Forum KK ist bewusst stier“ meint der die Vortragsreihe kuratierende Künstler und Doktorand Hiltbrunner mit zufriedener Ironie. Ein klassischer Vortrag mit Bildmaterial, nix interaktiv und Diskussionsrunde, einfach mal zuhören können. Als Vizepräsident der Schweizerischen Gesellschaft für Kulturwissenschaften interessiere ihn die allmähliche Heranbildung künstlerischer Forschung in der Schweiz. Dafür habe er ein Format entwickelt bei welchem von ihm gewählte Forscher aus Akademika oder Kunst die Ergebnisse ihre Passion zugänglich machten und durch die Spezifität ihrer Sujets die Forschung bereicherten. Unabhängig von ihrem Lebenslauf, man ehre die eigenwillige Forschung. Die Räumlichkeiten im Corner College böten einen ideal zwanglosen Appeal.

Urs Lehni, 34-jähriger Grafiker und Mitbetreiber des Corner College ist zufrieden. „Als wir das Corner College ins Leben riefen, wollten wir einen Off-Space für „gelegentliche quasi-wissenschaftliche Aktivitäten.“ Mit knappen Geldern habe man seit einem Jahr fast wöchentlich kostenlose öffentliche Anlässe für den offenen Austausch über Kunst organisiert. Ob moderierte Filmvorführungen, Lesungen, Diskussionsrunden oder Lectures. Für ihn sei es wie Abendschule. Für Gast und Kunstvermittler Thomas Zacharias ist der Ort gar aktuelle Heimat der intellektuellen Avantgarde Zürichs. Für Hiltbrunner einfach Hort des jungen Bildungsbürgertums.
Nächster Vortrag des Forum KK: Dr. Martin Liebscher (London): Vom Beichtstuhl zur Couch. Psychologisierung religiöser Praxis im 19. Jhdt.
20.9.09, 19h bis 21h
Mailinglist via Corner College: www.corner-college.com
Hannes Grassegger
Dienstag Abend sieben Uhr, die abendliche Rush Hour in der Zürcher Langstrasse legt sich allmählich. Während man sich draussen auf den Rausch der Nacht vorbereitet, wird der ehemalige Textilladen Perla Mode am Eck zur Brauerstrasse zum Hort lockerer Intellektualität. „Schönen guten Abend, freut mich dass Sie gekommen sind. Die Bude ist voll.“ begrüsst Veranstalter Michael Hiltbrunner, Jahrgang 1975, die etwa 30 Besucher des Ladenlokals, das sich nun Corner College nennt. Das Publikum ist durchmischt, überwiegend um die dreissig Jahre, manche älter, manche jünger.
Geladen zum vierten Vortrag der Reihe Forum für Forschung in Kunst und Kultur wurde Lena Willikens aus Köln. Die elegante Absolventin der konservativen Kunstakademie Düsseldorf hat eine Passion für das merkwürdige elektrische Musikinstrument Theremin, welches fliessende Klänge erzeugt indem man die Hände in der Luft zwischen zwei vertikal zueinandergestellten Antennen bewegt. Nun hält die 31-jährige in Zürich den ersten öffentlichen Vortrag ihrer privaten Forscherinnenkarriere.

Singende Radiowellen
„Nimm ein iPhone, stell den Sci-Fi Klingelton ein. Hört ihr diesen Sington? Typisch Science Fiction Ton der 1950er! Hitchcock hat ihn für „Spellbound“ benutzt, das bedrohliche Cello-artige Flirren ist Theremin.“ Pünktlich um 19.15 hat Willikens begonnen und während anderthalb Stunden Frontalpräsentation mit Anschauungsmaterial hängt sie die Geschichte der elektronischen Musik und etwas Weltgeschichte an einem Nagel auf.
1919 lädt Lenin den 23-jährigen Leon Theremin, der soeben das auch Ätherophon genannte Instrument erfunden hat, in den Kreml und ist begeistert über das futuristische Instrument. Für Genius Theremin beginnt ein ungeheurer Siegeszug, er reist für Präsentationen durch Russland, in Manhatten finanziert ihm eine Mäzenin ein grosses Forschungslabor. Das New York der 30er Jahre ist fasziniert von den „singenden Radiowellen“. Theremin-Ensembles spielen in der ausverkauften Carnegie Hall Adaptionen klassischer Werke, bald entstehen experimentelle Kompositionen für das Instrument mit dem unerhörten Glissando.
Elektroszene New York 1930 - 1960
Leon Theremin entwickelt elektronische Instrumente wie das saitenfreie Theremincello oder das Rhythmicon, eine Rhythmusmaschine mit Tasten. Willikens Dokumente einer populären Elektromusikszene der 1930er lassen das Publikum staunen. Ein Schwarzweissbild zeigt das Trio Electro, welches mit Theremincello, Theremin und Rhythmicon voll auf Elektro im Art Deco Stil setzte. Theremin selber forscht weiter, entwirft auch elektrische Handschuhe zur drahtlosen Übermittlung des Tastgefühls. 1939 reicht es dem sowjetischen Geheimdienst KGB, der Erfinder wird nach Russland entführt und darf fortan staatlichen Labors dienen. In den USA führt später Bob Moog, Erfinder des Synthesizers, die Thereminkultur weiter.
Zum Ende der Präsentation improvisiert Willikens, als Musikerin aktiv mit einem Mitglied von To Rococo Rot, mit ihrer Theremin und einer Loopmaschine. Eine Symphonie aus singenden, pluckernden und knarrenden Klangschichten in die sich das Geheul der Sirenen der vorbeifahrenden Krankenwagen gut einfügt. Die Nacht in der Langstrasse beginnt. Ein paar Fragen noch, rasch löst sich die Versammlung auf. Das war keine Party.
Off für Offen
Das „Forum KK ist bewusst stier“ meint der die Vortragsreihe kuratierende Künstler und Doktorand Hiltbrunner mit zufriedener Ironie. Ein klassischer Vortrag mit Bildmaterial, nix interaktiv und Diskussionsrunde, einfach mal zuhören können. Als Vizepräsident der Schweizerischen Gesellschaft für Kulturwissenschaften interessiere ihn die allmähliche Heranbildung künstlerischer Forschung in der Schweiz. Dafür habe er ein Format entwickelt bei welchem von ihm gewählte Forscher aus Akademika oder Kunst die Ergebnisse ihre Passion zugänglich machten und durch die Spezifität ihrer Sujets die Forschung bereicherten. Unabhängig von ihrem Lebenslauf, man ehre die eigenwillige Forschung. Die Räumlichkeiten im Corner College böten einen ideal zwanglosen Appeal.

Urs Lehni, 34-jähriger Grafiker und Mitbetreiber des Corner College ist zufrieden. „Als wir das Corner College ins Leben riefen, wollten wir einen Off-Space für „gelegentliche quasi-wissenschaftliche Aktivitäten.“ Mit knappen Geldern habe man seit einem Jahr fast wöchentlich kostenlose öffentliche Anlässe für den offenen Austausch über Kunst organisiert. Ob moderierte Filmvorführungen, Lesungen, Diskussionsrunden oder Lectures. Für ihn sei es wie Abendschule. Für Gast und Kunstvermittler Thomas Zacharias ist der Ort gar aktuelle Heimat der intellektuellen Avantgarde Zürichs. Für Hiltbrunner einfach Hort des jungen Bildungsbürgertums.
Nächster Vortrag des Forum KK: Dr. Martin Liebscher (London): Vom Beichtstuhl zur Couch. Psychologisierung religiöser Praxis im 19. Jhdt.
20.9.09, 19h bis 21h
Mailinglist via Corner College: www.corner-college.com
hannes1 - 3. Sep, 12:00
salü