Keine Blumen. Auch nicht für Geld.

NIGS Artwork

Seine Strassenwelt zeigt der Graffiti-Artist NIGS in einer ersten Einzelausstellung. Dem Tages-Anzeiger eröffnete er seine Innenwelt.

Aufgezeichnet von Hannes Grassegger

Ich bin 27, seit meiner Kindheit am Malen und seit diesem Freitag läuft meine erste Solo-Show. Vorher gabs fast alles von mir nur mit der Dose an die Wand. So wie der Schriftzug den ich grade in der Roten Fabrik beim Meeting of Styles angebracht habe. Okay, ich habe schon zwei- oder dreimal in Räumen ausgestellt, mit meinem Bruder oder meiner Mutter. In den späten 90ern. Für zwei Wochen werde ich nun über ein Dutzend neuartige Arbeiten zeigen. Die Bilder sind Resultat meiner Befreiung aus meinem Job als Festangestellter. Ich bin da raus und hab losgelegt. Zuhause gearbeitet, bei mir im Kreis sechs. Seit 2005 hatte ich in einem Büro als Grafikdesigner gearbeitet. Irgendwie lustig, wieviele Grafiker früher Sprüher waren. Mein Job war vor allem Buchcovers zu entwerfen. Für grosse kommerzielle Verlage wie Heyne. Bild und Schrift, das liegt mir. Ich hab den Vorkurs für Gestaltung gemacht, danach Hochbauzeichner gelernt; und auch wenn ich mir im Design alles selber beigebracht habe, habe ich ein paar Arbeiten abgeliefert, die ich mir gerne nochmal anschaue. Andere Sachen schieb ich heute eher nach hinten im Regal. Im kommerziellen Bereich gibt’s einfach starke Einschränkungen. Jetzt will ich noch mehr mein Ding durchziehen. Einerseits als selbstständiger Grafiker und Illustrator, andererseits als freier Künstler. Ob das klappen wird? Ich hoffe es. Als Auftragssprüher mag ich nicht arbeiten. Graffiti ist für mich Freiheit, Blumen malen gegen Geld, dafür bin ich der Falsche.

Kritik gegen alle Seiten

Meine neuen Werke? Sie sind gemalt auf Leinwand und Papier, mit Marker, Pinsel, Wasserfarben und Büchse. Schablonen benutze ich nicht. Ich zeichne einfach schon immer, hab mit vier schon gezeichnet und bin auch gefördert worden darin. Blöd gesagt: ich bin mit Talent gesegnet. Meine Mutter ist Künstlerin, mein Bruder malt, auch mit der Büchse. Das ist so in meiner Familie. Meine neuen Bilder sind düster und figurativ, ohne Schriftzüge. Ausdruck meiner Erfahrungen; Stadtansichten in der Nacht, Zürich oder New York, Zombies in Bankerkleidung, in Polizistenuniform oder in Hiphop Montur. Kritik gegen alle Seiten, Bankerbonus, Polizeistaat, Hiphopkultur. Klar bin ich mit Hiphop aufgewachsen und die Kids tun das auch Heute noch, wenn Sie sich für Graffiti interessieren. So ist der Einstieg. Aber mich nervt diese Ausgelutschtheit, der Kommerz, die dumme vorgetäuschte Ghettohaltung im Hiphop. Das beschäftigt mich. Aber ich muss einfach nicht mehr der Coolste sein. Wenn ich male, setz ich mir Kopfhörer auf und da läuft Techno. Die Musik geben mir Freunde. Das muss einfach fliessen, wie wenn man die Buchstaben zieht mit der Büchse, siehst Du.

Ich bin ein aggressiver Maler

An der Wand entstehen meine Styles spontan. Klar mach ich Skizzen, zur Formsuche. Aber ich bin nicht der Typ der Heute nach Skizze vorzeichnet, die Fläche ausfüllt dann am nächsten Tag die Aussenlinien abschliesst. Ich bin ein aggressiver Maler. Ich mag keine Effekthascherei. Ich finde das Pure gut, ich liebe reine Schriftzüge in Silber und Schwarz. Schon als ich 1996 über NEOR zum Graffiti kam, war ich Old Skool orientiert. Klassisch. Und das gilt noch heute. Typisch für mich sind die filigranen Diagonalen zwischen den massiveren vertikalen Elementen meiner Buchstaben, die Kompaktheit. Ich kanns gar nicht verstehen wenn jemand das als Geschmier bezeichnet. Die Suche nach DER Schrift, das ist richtige Arbeit. Wenn wir mit Freunden an der Roten Fabrik malen, bin ich aber auch derjenige, der dann die Characters, die figurativen Sachen machen muss. Mein Favorit im Buchstabenmalen, dem Style-writing? Wahrscheinlich SMASH. In Zürich richtig gut? Viele. Auf jeden Fall UC, VTO und natürlich Cruze. Der ist übrigens Mitbetreiber der BlamBlamBlam–Galerie in der ich ausstelle. Eigentlich ist es ein Showroom und als einziger in Zürich auf Urban Art ausgerichtet. Die kannten meine neuen Bilder nicht, nur mich und meine Wandmalereien. Und haben mir vertraut.

Es geht nur um das Ergebnis

Seltsam für mich ist es, öffentlich mit meinen Werken aufzutreten. Irgendwas erklären zu sollen. Mit dem Kunstbetrieb habe ich ja generell nichts zu tun. Ich geh nicht auf Vernissagen, öffentliche Kunstanlässe, auch Graffiti-Jams mit den vielen Besuchern sind mir oft zuviel. Ich bin als Graffiti-sozialisierter Künstler tendenziell allein mit meinem vergänglichen Werk. Da zeigt man sich nicht. Die Werke sollen flashen, auf die Schnelle, da geht es nicht darum Inhalte zu konstruieren. Der Künstler als Figur? Sogar Banksy, der berühmteste Street Art Künstler zeigt sich nicht an seinen Ausstellungen. Als Künstler bin ich NIGS. Es geht nur um das Ergebnis.

NIGS Züri Leu

Nimm noch den Flyer mit dem Löwengemälde. Das ist Teil der Ausstellung, eine Serie mit meinem Züri Leu. Der Leu der stark ist und kämpft und mit dieser kalten Businessstadt, der Einsamkeit zurechtkommt.

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