Reportagen: Banker unter Tage

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Ein Superboom verändert Australiens Gesellschaft. Sieht so die Zukunft der westlichen Welt im asiatischen Jahrhundert aus? Ausschnitte aus meiner Reportage.

Von Hannes Grassegger, Kalgoorlie

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Im Donga ist es dunkel, aber Sammy wird jedes Mal durch das Prasseln der Pisse seines Nachbarn geweckt. Der geht jetzt ins Bett. Die Wände der Wohncontainer sind dünn. Halb Fünf. Vom Nachbarn kennt er eigentlich nur das Pissgeräusch. Und das Porngeräusch. Bald ist Schichtbeginn. „Guten Morgen Herr Ingenieur“ flüstert Sammy sich zu, „bald ist’s vorbei.“

Die Klimaanlage über dem Bett rauscht. Finger über die Schreibtischfläche gleiten lassen im Rausgehen. Nur ein bisschen roter Staub. Über die Rasenfläche ins Fitnesscenter. Halb in Trance. Es ist noch dunkel. Jeden Tag die gleichen Fressen. Axe Deo. Männerfüsse. Aber man selber ist ja nicht besser. Stimmt’s Sammy? Dusche. Leuchtendgelbe Schutzkleidung an. Stahlkappenschuhe. Helm. Schutzbrille.

Wenn man raus in den Dreck muss, wird’s lästig. 18 Grad im tiefgekühlten Admin Office. Dann rüber zum 4WD, 38 Grad. Eigentlich ganz warme, angenehm trockene Luft. Aber die Fliegen kriechen über die Lippen, in die Ohren, in die Nase. Im Auto wieder Tiefkühler. Über die Schotterpisten. Ganz vorsichtig fahren. Nirgendwo gibt’s so strenge Verkehrsregeln wie hier. Der Funk läuft durchgehend. Man hört jeden. Jede Aktion muss angemeldet werden. Alles wird doppelt und dreifach überwacht. Jeder weiss hier was der andere tut. Wir sind alle eins hier.

30 Minuten Mittagspause. Snack reinschieben am Parkplatz. Open Pit, die Sonne scheint, wirft Streiflicht im Staub. Die können noch so viel wässern mit ihren Trucks, es geht doch immer dieser feine rote Staub in die Luft. Punkt zwölf die Explosionen. Dann kommen die Bagger. Zurück ins Office, Proben anschauen. Risk Assessment. Felsstürze. Neuen Strassen auffahren, neuen Risikoplan anfertigen. Irgendjemand muss den Überblick bewahren.


Perth

Zurückkommen vom Schichtbetrieb, Fly In - Fly Out, endlich raus aus den Wellblech-Wohncontainern, ab unter die Leute, eine Woche um 4000, 6000, 8000 Dollar rauszuhauen. Erste Station: am Swan River auf die Holzplanken ins «Lucky Shag» – deutsch: Glücklicher Fick. Hier sind kleine Flat Screens in der Wand über den Pissoirs eingelassen damit man die Pferderennen nicht verpasst, so schick ist das. Bier? Neun Dollar. Hier treffen die Perther Ladys mit den ballkleidartigen Satin-Fetzen die kurzhaarigen Stiernacken mit den kräftigen Oberkörpern. In engen Van Dutch Shirts.

Miner essen grosse Burger, Krabben und fleischige „Caesar“ Salate. Runden werden geschmissen. Paddy aus Irland raucht eine Zigarette – Schachtel 15 Dollar – und mag es, dass er sich jetzt alles leisten kann. „Ich mein alles. Wenn ich einen Banker sehe, weiss ich, ich hab genauso viel Cash wie er. Wenn ich ein Steak sehe und das kostet 130 Dollar, dann sag ich fuck yeah. Ich geh nach Bali, Thailand, fucking Europa wenn ich sieben Tage frei habe. Zehn Jahre Mine und du hast alles. Du sagst deiner Frau: ich kann mir in der Stadt sechs Tage die Woche den Arsch abarbeiten und es bringt uns nirgendwohin. Oder ich geh zehn Jahre Up North und dann haben wir alles was wir wollen. End of Story.“

Paddy tätschelt Fiona in Rosaseide am Hintern. „Ich habe ein viel sozialeres Leben als vorher, als Arbeiter. Facebook in der Mine? Fuck it. Porn und Youtube!“ Sein Kumpel Fred, der auch aus Irland kam um Geld zu machen, nickt, schaut mir in die Augen und sagt Minen seien nix für Schwuchteln. Dann streicht er sich über die Glatze, streckt den Oberkörper durch, Daumen in die Gürtelschleifen, auf den Fussspitzen wippen. Die meisten Miner sind Singles.

Sydney

Für Paul Cleary ist dieses Land krank. Der Sonnenschein von Perth liegt 3300 km westlich. Es ist seit Wochen regnerisch in Sydney, der Sommer droht auszufallen. Alle fragen sich, ob das denn jetzt der Klimawandel sei. Niemand scheint wirklich gute Laune zu haben.

Der Endvierziger mit dem schütteren Haar und dem trotzig vorgestreckten Kinn sitzt am Kaffeetisch vor dem gregorianisch gehaltenem Customs Hauses und hadert mit der viel zu lauten Hintergrundmusik. Vor ihm laufen chinesische Touristenpärchen freudig in Richtung der nahegelegenen Oper. Hinter ihm, über dem Eingang des Custom House steht „Honi soit qui mal y pense“. Innen im Customs Haus liegt Sydneys Stadtbücherei und darin steht auch Clearys aktuelles Buch „Too Much Luck“ über den Minenboom und Australiens Zukunft.

Paul Cleary ist einer der profiliertesten Journalisten des Landes, ein publizistisches Schwergewicht. In den 1990ern verhinderte der junge Politikkorrespondent fast im Alleingang eine unsozial konzipierte Mehrwertsteuer. Dann ging der studierte Entwicklungsökonom nach Ost Timor um den Aufbau des unabhängig gewordenen rohstoffreichen Landes als Berater zu unterstützen. 2006 kehrte er in seine vorderhand blühende Heimat zurück und erschrak.

weiter in der aktuellen Ausgabe von REPORTAGEN

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In den Kohlegruben, den Firmenzentralen, den Minenstädten im Auftrag des Magazins REPORTAGEN. Erhältlich ab 9. Februar 2012 an Bahnhofskiosks, ausgesuchten Buchhandlungen oder im Netz. Und jetzt neu als Vollversion in sechs Teilen hier.

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