tages-anzeiger
Freitag, 9. Mai 2008
Reihum-Kolumne im Wirtschaftsteil
Liebestrunken taumelten Böni und Gemahlin an einem Samstag durch die Bahnhofstrasse. Wie die Bienlein waren sie in Zürichs bunter Warenwelt von Blüte zu Blüte gezogen und hatten hier und da ein bisschen Pollen genommen. Rast an einem stillen Orte wünschte sich das Paar am Rennweg. Zum Glück gibts da das Café Confiserie Honold. Im Parterre, gleich hinter den Theken der Konditorei, liegt das herzige Grosi- Paradies . Ein Tee für 4.40 Franken das Tässchen? Und die Portion à knapp zwei Tassen serviert im Kännchen für 8.80? Böni orderte die Portion! Er war allerdings schon etwas ernüchtert, als nach einer halben Stunde die Kanne serviert wurde - mit nur einer Tasse. Als er eine zweite verlangte, wurde er höflich auf die Honold-Praxis aufmerksam gemacht: Eine leere Tasse kostet 1 Franken extra.
Böni träumte aber noch immer. Nur wäre er jetzt gerne eine Wespe gewesen, die sich vor den Augen der Kundinnen durch die Kuchenauslage geknabbert hätte. Selbstverständlich gratis. Im Moment aber, als ihm die Bedienung die Tasse reichen wollte, wehrte er plötzlich ab. Abflug auf Nimmerwiedersehen. (hsg)
Mittwoch, 5. März 2008
250 Studenten leben zusammen in einem Haus. Wie ist das? Ein ewiges Ferienlager? Militärische Organisation? Langeweile? Zumindest regnet es ab und zu Eier. Ein Besuch im «Netzwerk».
Von Hannes Grassegger
Es ist zwielichtig in der Piranha Bar, an einem Donnerstagmorgen um halb vier. Links tanzt eine Gruppe Transvestiten, geradeaus beweist die blonde Germanistin, dass sie total beweglich ist. Mein neuer Studentenkollege drückt mir ein weiteres Bier in die Hand: «Wenn wir untergehen, dann zusammen!»
Ja, das Studentenleben ist hart. Vor allem die Wohnungssuche. Zigtausende in Zürich Eingeschriebene wollen das Gleiche: ein billiges Zimmer nahe der Uni oder der ETH. Ein Viertel von ihnen hat weniger als 800 Franken Budget im Monat, die Hälfte weniger als 1400.
Seit Jahrzehnten kümmert sich die Studentische Wohngenossenschaft, kurz Woko, um mittlerweile 1400 günstige Zimmer in Studentenhäusern und einzelnen Wohnungen. Vor allem Nichteinheimischen soll ein Schlafplatz vermittelt werden, Anschluss und Kontakte. Das «Netzwerk» ist eine Vorzeigesiedlung der Woko. Für etwa 500 Franken pro Monat inklusive aller Nebenkosten und Internet residieren 250 Studenten in eigens errichteten Gebäuden. Die Versorgung ist optimal: Musikzimmer, Volleyballfeld, Partyraum, ganz in der Nähe die universitätseigenen Turnhallen und sogar eine hauseigene Bar, alles da.
Keine Gschpürschmi-Kommune
Das «Netzwerk» liegt einigermassen versteckt in einem Wohngebiet in Oerlikon. Eine rasterförmig angelegte Wohnanlage, unterteilt in 36 WGs mit je fünf bis neun voll möblierten Zimmern. Drei längs und drei quer gereihte Wohnblöcke ergeben im Inneren Platz für vier steinerne Innenhöfe mit ein paar kleinen Bäumen. Es ist dunkel, menschenleer und sehr still. Die 1994 erstellten Flachdachbauten sind neutral gestaltet und mit hellen Schindeln bedeckt. Die Eingänge tragen mässig prosaische Namen: 11c, 7f oder 13a.
Ein paar Verandatüren sind erleuchtet, drinnen sitzen kleine Gruppen junger Leute, alle beim Abendessen. Ich streune durch die Siedlung und blicke durch eine der Glastüren in ein Wohnzimmer. Ein kräftiger Kerl sitzt am Esstisch und liest entspannt den «Economist»; neben ihm, an der Küchenfront steht eine hübsche Blondine und kocht. Im Hintergrund läuft ein Fernseher, ein Snowboard lehnt an der Wand, der Raum ist grosszügig bemessen, eine Sofaecke findet auch noch Platz. Am Kühlschrank hängt eine Schweizer Flagge. Ich klopfe.
Kurz darauf wird mir alles erzählt. Das sei total nett hier, die WG sei zu siebt, ja das gehe, man sei ja nicht immer gleichzeitig am Kochen, es gebe auch zwei Badezimmer auf den drei Stockwerken, und ach, da ist ja schon der Markus und oh hallo.
Der junge Sportsfreund in Shorts, T-Shirt und Adiletten zeigt uns einige Räume. Die Mieten seien abhängig von Grösse und Stockwerk, zwischen 400 und 550 Franken für um die 15 Quadratmeter. Bitte nicht die Zimmer fotografieren, es sei nicht schön aufgeräumt, war ja eben noch Prüfung. Er ist aus Bern, studiert Maschinenbau an der ETH und seit Beginn des Studiums im Netzwerk. Werde ein Zimmer frei, inseriere man im Internet; sichte so 30 bis 35 Bewerber und schlage den Wunschkandidaten der Verwaltung vor. Studenten von weit her könnten sich meist nicht persönlich vorstellen; und wer wolle schon mit einem zusammenwohnen, von dem man nur die Mailadresse kenne? Der Ausländeranteil sei daher gering.
Die Blondine kommt aus den Bergen und könnte Milchwerbung machen, so gesund sieht sie aus. Vor anderthalb Jahren ist sie zugezogen, sie hätte davor alleine gewohnt, sei etwas einsam gewesen, manchmal. Die Kommilitonen seien so reserviert, die Studiengänge anonym. Hier lerne man ständig Leute kennen. Sie studiert Germanistik an der Uni, ist kurz vor dem Lizenziat und isst Blumenkohl mit Senf. Der Dritte im Raum ist wie alle Anfang zwanzig und unverkennbar ein Snowboarder. Er stammt aus dem Zürcher Oberland und ergänzt die tägliche Mensaverpflegung gerade mit einem Hotdog. Das hier sei schon cool, mampft er, wir sollten doch nachher mal in die Bar kommen. «Genau! Ab elf gehts ab», grinst die blonde Tina.
Den zentralen Knotenpunkt des Netzwerkes treffe ich drei Wohnungen weiter. Gazment Dauti kennt alle in der Siedlung. Der gepflegte 30-jährige Mazedonier ist der Verwalter des Studentenhauses. Eben kommt er vom Spital. Er ist werdender Kieferchirurg und mitten im Diplomstress. Seit der Bologna-Reform sei man ständig unter Druck, stöhnt er. Alle paar Monate Prüfungen, ein, zwei Wochen Ruhe und dann wieder los: Student sei kein leichtes Leben, sondern ein Beruf. Und dann noch die Nebenjobs. Gazment führt uns durch seine WG. Es ist aufgeräumt und gespült, da sind Putzpläne, wieder dieselben Möbel. Lebensmittel kaufe man getrennt: «Wir sind hier keine Gschpürschmi-Kommune. Jeder ist für sich.» Ein Mitbewohner sei Norweger, der Rest Schweizer. Neun Leute auf drei Stockwerken, das ist im Netzwerk die maximale WG-Grösse. Gazment schliesst seine Tür ab. Es hätte kleinere Diebstähle gegeben, nichts Schlimmes.
Barkeeper in Adiletten
Im Keller zeigt er mir die Waschküche, in der manchmal Bettwäsche abhanden käme, dann noch die Musikräume. Bands gäbe es nicht, doch viele übten alleine. Einmal hätte es auch so einen Gitarristen gegeben, der hätte klasse gesungen. Das sei sowieso eine lustige WG gewesen. Die hätten immer Spanferkel gegrillt und Wasserpfeifen geraucht.
In der nächsten WG legt man Wert auf die Trennung von Arbeit und Freizeit. Man suche neue Mitbewohner immer aus anderen Studiengängen, um Fachgespräche zu vermeiden. «Wir reden ja schon den ganzen Tag übers Studium», meint die WG-Seniorin, die in drei Jahren Aufenthalt erlebt hat, «wie die Belegschaft einmal komplett ausgewechselt wurde». An der Spüle trocknet das vor drei Tagen eingezogene WG-Küken verlegen Geschirr.
Um zehn begleite ich den erschöpften Verwalter nach Hause. Ob öfter jemand im Streit ginge, oder rausgeschmissen werde, frage ich noch. Er denkt nach. Die Hälfte der Netzwerkler seien Frauen. Diese vertrügen sich nicht ganz so gut miteinander. Sie hätten Angst vor Freundschaftspärchen und Gruppendynamik und würden männliche Mitbewohner bevorzugen. So normal ist das Studentenwohnheimleben? Ich hoffte auf tiefere Wahrheiten.
Im Souterrain, gegenüber der ersten Wohnung ist die Bar. Der längliche Raum hat doppelte Wohnzimmergrösse und eine Glasfront zum Hof. Die Wände sind rot bemalt, Loungemusic tropft aus den Boxen. Ab elf Uhr füllt sich die Bar mit vielen gesunden Anfangzwanzigern die sich eindeutig zu Hause fühlen. Das zweite Adilettenpaar des Abends trägt einer der studentischen Barkeeper. Drei Tessiner Ehemalige begiessen ihr Wiedersehen mit billigem Bier.
Ich gehöre nicht zum Netzwerk. Man tuschelt. Die Studentenwohnheime, die ich in Berlin kannte, waren abgefuckt. Kaputte Scheiben, hinter denen vereinsamte Aussenseiter vegetierten. Müllberge, Diebstahl und missglückte Partys.
In der Bar lerne ich Ulf kennen. Er blickt in den verrauchten Raum mit den Chipstellern auf den Tischen: «Weisst du, ich hatte nie so ein richtiges Bilderbuch-Studentenleben. Ich stehe morgens auf und verpasse keine Vorlesung», sagt er, «manchmal gehen wir zusammen in der Bibliothek lernen. Lotterleben ist nicht.» Der Schock treibt mich an den Tresen. Nicht alle seien erfolgreiche Studenten hier, vom Versager zum Gewinner sei alles da. Dafür seien alle ähnlich drauf, erzählt die soeben eingetroffene Tina: «So Röhrenhosen-Guccitaschen-Studentinnen und Szenetypen gibts hier nicht.»
«Es gab eine, die blieb acht Jahre!»
Und für alle sei der Alltag etwa gleich. Der Uni-Groove. Morgens lernen und Vorlesung. Mittags Mensa. In den Semesterferien seien die meisten bei der Familie, die Siedlung leer. «An Weihnachten waren wir zwei Zürcher die Einzigen in der Siedlung», klagt der Snowboarder, der nun auch «wie immer» in der Mittwochsbar sitzt. Aber im Sommer, die Grillsessions und die Fussballbar in den Innenhöfen, alle draussen, Volleyball, Openair-Kino. Das sei toll. «Es gab eine, die ist acht Jahre hier geblieben! Dann hat die Woko sie rausgeschmissen. Acht Jahre ist das wahre Maximum», raunt mir ein 27-jähriger Senior zu. Ständig werden mir klebrig-süsse Kurzdrinks spendiert. Nach einem obligaten Wetttrinken mit einem aufgekratzten Jungphysiker ist es halb zwei. Die letzte Runde ist vorbei und die Bar fast leer.
Tina will ausgehen. Hier werde nie getanzt. Sie besuche übrigens Salsakurse. Die übrig gebliebenen Nachwuchsakademiker unterziehen das Zürcher Nachtleben einer diskursiven Analyse. Mascotte sei cool. Nein viel besser Longstreet Bar. Ach nee, Club Zukunft sei so ein Szeneschuppen. «Komm mit!», ruft Tina.
Im Krieg: Nicht stehen bleiben
Leise durchqueren wir die stille Wohnanlage. Einige Studenten hätten über Lärm geklagt und mit der Polizei gedroht. In einem Zimmer sehe ich ein Einstein-streckt-die-Zunge-raus-Poster. Wir sind zu sechst und warten vor der Siedlung auf das Grossraumtaxi. Die zwei Mädchen lachen, alles redet beschwipst durcheinander, kein Licht brennt in der Siedlung.
Die Attacke der radikalen Fraktion des studentischen Kleinbürgertums kommt aus dem Hinterhalt. Die Taktik lässt auf militärisches Vorwissen schliessen. Ein erster Schuss geht nur knapp daneben. Das Ei zerplatzt einen halben Meter vor mir auf der Strasse. Erstaunt schauen wir uns um und bleiben stehen. Dass man im Krieg nicht stehen bleiben sollte, merke ich, als von der dunklen Dachterrasse des 13er-Gebäudes eine strategische zweite Salve von mindestens zehn weiteren Eiern herabregnet. Wir wischen uns den Dotter von der Kleidung. Anonyme Eierattacken wegen Lärm, so was gäbe es hier, meint ein deutscher Student leicht beschämt, «solche Spiesser».
Donnerstag morgens um halb drei auf der Langstrasse hätten meine studentischen Partykumpanen fast dabei versagt, noch ein Dach über dem Kopf zu finden. Doch die blinkende Plastikpalme vor der Piranha-Bar wies ihnen den Weg. Man sollte hier zwar nicht mit Adiletten kommen, aber es läuft laute Tanzmusik und vielleicht lernt man neue Freunde kennen. Vor allem wenn man so tanzt wie Tina. Auch hier, zwischen dem bunten Treibgut der Zürcher Nacht fühlen sie sich wohl. Die Studenten, die am nächsten Vormittag keine Vorlesung haben.
Dienstag, 2. Oktober 2007
Zürichs Kunstszene blüht. Um zarte Sprösslinge kümmert sich Esther Eppstein. Mit ihrem Message Salon betreibt die Kunstvermittlerin seit über 10 Jahren Graswurzelarbeit.
Esther Eppstein ist bereits mit 40 Jahren die Grande Dame der Zürcher Off-Gallerien Szene. Seit 1995 verfolgt sie ihre von Gertrude Stein inspirierte Vision eines experimentellen Kunstsalons mit intimem Charakter. Off-Spaces, oft durch Künstler geführte non-profit Kunsträume, leben selten lange. Doch Eppstein hat eine Szene aufgebaut; Künstler, die bei ihr zum ersten Mal brillierten, Kunstfreunde die über sie den Zugang fanden. Erst am Rennweg, später am legendären „Dreieck“ zwischen Zweier- und Ankerstrasse, dann am Rigiplatz und jetzt „Message Salon downtown“ im Gemeinschaftsraum Perla Mode an der Langstrasse. Ihre seit jeher rasant wechselnden Vernissagen sind Happenings der Zürcher Bohème. Eppstein vermittele Kunst an eine Szene, die sonst nie in Galerien gehe, schrieb 1997 der Künstler Laurent Goei. Mittlerweile haben sich all jene sehr daran gewöhnt, in ihren Salon zu kommen. Ihr Label „Message Salon“ ermöglicht Künstlern aller Art ein Publikum, gelegentlich inszeniert sich auch die zierliche Esther mit eigenen Werken oder mit Selina Trepp als Duo Treppstein.
„Ohne lebendigen Untergrund - keine grosse Kunstwelt“, erklärt Eppstein. Den zu vernetzen und mit neuen Gesichtern zu erfrischen ist ihre Mission. „Ich bin nicht stehen geblieben, Offenheit zu erhalten ist meine Aufgabe. Ich bin keine normale Galeristin.“ Ihre Dokumentation, die ewig wachsenden Fotoalben sieht sie als künstlerische Arbeit. So wie ihre Sammlung. Von Zeit zu Zeit, wenn ihr Archiv vor teils skurrilen Veröffentlichungen zu platzen droht, verkündet sie eine ihrer grossen Liquidationen, die stets zur Party ausarten.
Menschen und Kunst zu verknüpfen ist der charismatischen Lady angeboren. Schon ihr Vater, ein jüdischer Masseur, Radsportler und späterer ungelernter Tresorverkäufer, bewegte sich in der Zürcher Kunstwelt. Ihre Mutter hatte in Luzern Grafik erlernt, bei Jacques Plancherel, demselben Lehrer den Esther an der Grafikfachklasse Luzern haben sollte. Nach einem Austausch in Warschau brach Esther die Lehre ab. Für einen geregelten Weg war sie zu eigenwillig, und zog fortan durch die alternative Szene. Eppsteins Do-It-Yourself Einstellung entspringt der 80er Jahre Bewegung, Punk und selbstkopierten Fanzines. Wie man Räume annektiert und zu Freiräumen erklärt, um dort Kunst entstehen zu lassen, sah sie in den frühen 90ern im Wohlgroth Areal und dem Kunsthaus Örlikon. 1995, als junge Mutter fühlte sie dann die Kraft für Konkretes und eröffnete Monotony, den Vorläufer ihres Salons.
Würde Eppstein aufhören, gäbe es eine Lücke. Der Raum zwischen Frühwerk und Kunstbetrieb ist ihre Welt. Esther sei sehr nahe dran, wenn etwas beginne, meint Kerim Seiler, der seine Werke erstmals bei ihr zeigte. Sein Freund David Renggli brachte ihn 1997 zu Esther. „Damals dachte ich nicht mal an eine Einzelausstellung“, erzählt der bekannte Plastiker. Wie das Eppsteins Art ist, liess sie Seiler machen und verlangte weder Konzept noch Miete. Kunst frei entstehen zu lassen ist Weg und Ziel. Der Künstler organisiert, Esther hilft. „Freiheit statt Sicherheit“ sagt sie, manche Experimente seien auch schiefgegangen. Nicht so bei Seiler. Am ersten Abend war alles verkauft. Kuratoren wurden aufmerksam, Ausstellungen folgten. Noch heute stellt Seiler bei Esther aus, er habe Respekt vor ihrer Konstanz als alternativer Kunstvermittlerin, sie sei eine wichtige Institution in Zürich.
Als Pionierin der Off-Kultur würdigte man sie 2005 im Helmhaus, 2006 erhielt sie zum zweiten Mal den eidgenössischen Preis für Kunstvermittlung. Geld könne sie gut gebrauchen, lacht Eppstein, deren Projekte oft rote Zahlen schreiben , doch wichtiger sei die Anerkennung ihrer Kunst, der Kunstvermittlung.
Dienstag, 24. Juli 2007
Zwei Zürcher haben aus Rap Geschichte gemacht. Ihr Partyprogramm mit Universitätsanspruch sorgt in Zürich und international für Begeisterung. Endlich exportieren Schweizer Rap. Erstes Ziel ist Berlin.
Hannes Grassegger
Es ist Donnerstagabend, zehn Uhr und vor dem Club Helsinki in Zürich bildet sich eine lange Schlange. Auf dem Programm steht Raphistory. Dutzende wissbegieriger Studenten warten ungeduldig auf Einlass in die University of Helsinki. Die Tanzfläche wird Vortragssaal, DJs sind Professoren. Doziert wird die Rapgeschichte, seit Herbst 2005 jeden letzten Donnerstag im Monat. Pro Veranstaltung behandelt man ein Jahr der etwa 1974 in der Bronx entstandenen, schwarzen Tanzmusik. Als Unterrichtsmateralien liegen selbstproduzierte, chronologische Fanzines und Mixtapes aus. Ein Laufband neben dem DJ Pult gibt die Titel der gespielten Tracks wieder, ein Beamer projeziert HipHop Videos des jeweiligen Jahres an die Wand. Man tanzt, trinkt und spitzt die Lauscher, wenn DJs als Gastdozenten zu Themen wie Miami Bass oder Gangsterrap referieren. Vorträge gibt es nicht. Die intimste Kenntnis von Rap und Hiphop vermittelten die Texte der Songs, schreibt Ulf Poschardt im Buch "DJ Culture", Rap sei oral history in schwarzer Tradition. Es gibt viele Gründe diese Uni zu besuchen. Mancher steht mit glasigen Augen da und gedenkt seiner frühen Rapjahre; eine Teenagerin verfolgt ein Video aus ihrem Geburtsjahr. Auch für Clubbesitzer Tom Rist stimmt das Konzept. Neugier, Nostalgie, Tanz - Raphistory ist ein funktionierendes Edutainment Paket. Musikalische Erziehung ganz im Geiste Schillers, ebenfalls ein Freund des Reimes.
Trotz des Ansturms wollen die Initiatoren Ivan Sterzinger, 30, und Klemens Wempe, 40, aka DJ CEO Müller und Soulsonic die Preise nicht erhöhen. Raphistory startete als unkommerzielles Projekt. Bereits 2004 begann Sterzinger mit Konzeptualisierung und Playlists. Seit Mitte der 90er Jahre legte er Rap und Elektronika auf und organisierte Events. Der DJ spielte zunehmend verschiedene Stile, Dancefloor oder Rap, es galt Grenzen einzureissen. Aus dieser Distanz erwuchs die Idee zur strikt begrenzten Raphistory: „Ein Korsett wie Raphistory perfekt zu erfüllen wurde zur Herausforderung contra der Beliebigkeit."
Der diplomierte Psychologe Sterzinger fand im gelernten Buchhändler DJ Soulsonic, einen idealen Partner. In Wempes Laden "Sonic Records" in der Anwandstrasse versteht man warum. Die übersichtliche Mediothek bietet Vinyl und CDs, Literatur, Videos und Fachblätter wie Wax Poetics. Wempe ist Spezialist für Musikgeschichte. Er kam den langen Weg von Punk und Indie, über Reggae zu Rap zurück zu Soul. 1981 erfuhr er durch Hans Keller erstmals von Hiphop. 1988 begann Rap für ihn, Public Enemy waren hart und schnell wie Punk. Funktion eines Plattenhändlers sei Informationsvermittlung und -verknüpfung. Raphistory sei in Zeiten schwindender Umsätze logische Fortsetzung seiner Arbeit und Passion: "Ich habe Fachwissen, das ist der Vorteil meines Alters. Zehn Jahre Vorsprung."
Im Helsinki setzen die Zürcher ein weltweit neuartiges Konzept um, dass die internationale Hiphop Gemeinde begeistert. DJ Vadim sendet Grüsse, der legendäre Pionier DJ Steinski kam nach Zürich um ein Proseminar zu geben und der deutsche Querkopf MC Immo jubelt auf der MySpace Seite der Partyserie doppeldeutig "Endlich ist Rap Geschichte."
Es habe in der Luft gelegen, meint Sterzinger. Rap sei gut dokumentiert, man müsse nur alles zusammentragen. Zwar existierten Quellen wie "Ego Trip's Book of Raplists" oder Discogs.com, doch erst mit moderner Webtechnologie wurde die Mammutaufgabe lösbar. Auf der Datenbank www.raphistory.net werden nun alle Erscheinungen der ersten 11 Rapjahre erfasst, zusätzlich stehen sämtliche Abende als Stream zur Verfügung. Wie alle Produkte der Raphistory ist die Seite im eigenen Design kreiert aus Labellogos, gehalten.
Raphistory sei 45 % Party und 55% Lehrveranstaltung. Keine Podiumsdiskussion sondern Informationskanal. Hiphop entstand an den Plattenspielern, es sei korrekt diese Geschichte vom Plattenspieler aus zu erzählen. Vorlesungen und Veröffentlichungen wolle man aber nicht ausschliessen. Momentan kann man in Zürich erleben wie Musikwissenschaft den Rap kanonisiert. Raphistory wolle Laien einen Zugang, zugleich aber auch Kennern etwas bieten, steht im Pressetext, Ziel sei möglichst viele Leute möglichst präzise zu informieren.
Der Idee folgend wird nach Berlin expandiert. Ab 11. Oktober beginnt im doppelt so grossen, circa 300 Leute fassenden Bohannon, nahe Alexanderplatz die Raphistory ein zweites Mal. Sterzingers Freund DJ Husr aus Zürich lebt vor Ort und organisiert den Ableger mit. Das Konzept werde angepasst, erzählt Husr, es gebe CDs statt Tapes und erstmals werde auf Sponsoring gesetzt. Lokale Heroen wie die DJs Marc Hype und DeJoe sollen stadtspezifische Besonderheiten einbringen. Ebenso könnten die Fanzines angepasst werden. Berlin werde spannend fügt Husr an. Die Hiphop Szene sei weniger konzentriert und weniger alternativ. Anfragen aus Paris und London lägen vor, doch "wir sind vorsichtig wem wir die Idee in die Hände geben. Wir versuchen Raphistory qualitativ hochzuhalten." betont Husr. Die Zeit drängt, in New York feiern Kopisten mit "The History of Hip Hop" bereits Erfolge. Aber Diebstahl und Wettbewerb sind seit jeher Bestandteil dieser Kultur. Es sei eine kapitalistische Bewegung meint Wempe dazu. Vielleicht ein Grund für den Aufstieg.
Rap hat Geschichte geschrieben. 1998 überrundete der ehemalige Gettosound in den USA den Marktführer Country. 2007 ist Rap Big Business. Wie beim Stadionrock der 70er macht sich beim Stadionrap Langweile breit. Viele sagen Hip Hop liege im Sterben. Und wie dann das ganze Leben Revue passiert, beginnt in der Musikwelt immer das Geschäft mit Anthologien. Es ist stets das Gleiche: Am Ende bleiben von einer stolzen Revolution ein paar miese Best-of CDs. Um dem zuvorzukommen gibt es die Raphistory. Lückenlose Erfassung, wissenschaftliche Objektivität und ansprechendes Design - jetzt schreiben Zürcher Rapgeschichte.
Donnerstag, 21. Juni 2007
Kunst und Leimbach, das kann nicht funktionieren. Doch der erste Blick täuscht. Ausgerechnet im ruhigen Aussenquartier betreiben Jungkünstler ein riesiges Atelier.
Von Hannes Grassegger
Wenige kennen die Unwägbarkeiten der Selbstständigkeit besser als sie. Zweifel und Selbstvermarktung, Hochs und Tiefs - im Umgang mit wechselhaften Zeiten sind Künstler Profis. Viel Freiheit für wenig Geld, heisst die Herausforderung. Und es ist nicht nur Geldmangel, der Künstler bewegt, an die seltsamsten Plätze zu ziehen; es sind auch die Möglichkeiten des Brachlands, die Szene-Leute in den 80er-Jahren in die Londoner Docks lockte oder Zürcher Galeristen Ende 2006 ins Perla Mode an der Langstrasse. Dort endeten im Mai die Ausstellungen von Nuri Koerfer und dem Duo Onorato/Krebs. Und gemeinsam war nicht nur die Finissage. Alle drei wohnen und arbeiten in den Hallen der früheren Weinabfüllerei Egli in Leimbach, zusammen mit einem Dutzend anderer Musiker, Maler und Fotografen.
Eine Kunstoase ist das Aussenquartier kaum. Nichts schätzen die knapp 5000 Leimbacher mehr, als in Ruhe zu wohnen. Im Notfall wird dafür gekämpft. Als 2004 ein Neonröhren-Kunstwerk den Himmel über Leimbach in ein Lichtermeer zu verwandeln drohte, erhoben sich die Einheimischen empört und verhinderten das Kunst-am-Bau-Projekt. Ihre Parole war ebenso vielsagend wie eingängig: «Leimbach bleibt dunkel».
Eine Stadtrand-Kunstinsel . . .
Die Umgebung ist trist, der Betonklotz unauffällig; links strömt die Sihl, vorne der Durchgangsverkehr. Tritt man ein, ändern sich Bild und Ton. Der Autolärm verklingt, Licht flutet ins Atelier. Hier lehnt ein riesiger Regenbogen an einer Wand, dort stapeln sich Bücher in meterlangen Regalen. Lose trennen Stellwände den turnhallengrossen Raum in einzelne Arbeitsbereiche. In einem bastelt Produktdesignerin Sarah Küng an einem Modellvorschlag. In einem anderen bearbeitet Fotograf Goran Galic Bilder am Laptop. Flotte Musik dringt aus einer discotauglichen Anlage, und im offenen Küchenbereich serviert Taiyo Onorato zufrieden Scampi à la maison, erläutert das Rezept und erzählt.
Ein Traum sei in Erfüllung gegangen im August 2004. Auf der Suche nach einem Atelier wurden Taiyo Onorato, Lukas Wassmann und Nico Krebs damals fündig. Aus Angst vor Vandalen offerierten die Vermieter den HGKZ-Fotografiestudenten einen zwar befristeten, aber günstigen Mietvertrag für die leerstehenden Liegenschaft an der Leimbachstrasse 5. Als 2005 der Studienkollege Goran Galic dazu stiess, war die Erstbesetzung komplett.
Ein alternatives Hausprojekt ist daraus nicht geworden. Zwar vermischen sich die Lebenswelten, doch es gibt Grenzen. Die Halle ist Arbeitsraum, gewohnt wird in den Verwaltungsräumen, und im Keller proben befreundete Musiker, wie der Chansonnier Boris von der Burg. Eine zentrale Planung gibt es nicht, Vorteile der Gemeinschaft werden dennoch genutzt. Man teile sich Material und Werkzeuge, diskutiere Techniken und Werke, trotzdem verfolge jeder eigene Konzepte, erläutert Seline Baumgartner, die gerade an einer Kooperation mit dem Neuropsychologischen Institut der Uni Zürich arbeitet.
Das Künstlerleben sei hart, Produktivität wichtig, sagt Baumgartner. In der Gemeinschaft fühle sie sich nicht alleine und könne daher viel länger arbeiten. Egal um welche Zeit, beinahe immer sei jemand am Werk. Man hat eine hohe Arbeitsmoral entwickelt und für die in London diplomierte Nuri Koerfer ist sogar die Stadtrand-Situation von Vorteil. Die 15 Minuten Distanz zum Stadtzentrum machten es jedes Mal bewusst: «Wir sind hier für uns, Leimbach ist unsere Insel.» Fotograf Galic nickt: «Grüsse aus der Kunstagglo.» Die Leimbachstrasse 5 sei kein Künstlerkollektiv und keine Hippiekommune, ergänzt Niklaus Rüegg, Konzeptkünstler und mit 30 Jahren Ältester im Atelier: «Wir sind vorsichtige Sozialromantiker.»
. . . der das Ende droht
Zusammen mit Nuri Koerfer kam Niklaus Rüegg im Herbst 2005 nach Leimbach, für Onorato/Krebs, die ein einjähriges städtisches Stipendium in New York gewonnen hatten. Auch andere Bewohner gewannen bereits staatlich finanzierte Auslandaufenthalte. Kairo, Warschau, Paris, San Francisco und New York dienten den Leimbacher Künstlern bereits als temporäre Heimat. Die Ausschreibungen, Stipendien und Wettbewerbe sind auch Haupteinnahmequellen der jungen Künstler. Naht eine Vernissage oder droht eine Eingabefrist, wird durchgearbeitet. Gerade in solchen Momenten lohnt das Netzwerk besonders.
An der soeben abgelaufenen Art Basel waren mit Lukas Wassmann und Fabian Marti gleich zwei Atelier-Mitglieder vertreten. Onorato/Krebs sind bereits international tätig, seit einigen Jahren entwerfen sie Installationen für das Enfant terrible der Haute Couture, Bernhard Willhelm. Öffentliche Förderung sei ein bedeutender Grund für den internationalen Erfolg Schweizer Kunst, meint der ehemalige Kurzzeit-Leimbacher Fabian Marti. «Für mich ist Zürich Cape Canaveral.» Und wenn dem so ist, dann ist das Atelier an der Sihl eine der Startrampen.
Es ist Samstagabend, leise Musik dringt aus dem Proberaum nach oben. Die 26-jährige Nina Weber feilt an einer riesigen Zeichnung, und im Wohntrakt bereiten John P. Walder, 25, und sein Mitbewohner, ein freier Drehbuchautor, eine Party vor. Der erklärte Dandy John aus Greifensee war früher als Rapper G.I. John unterwegs und plant die Abwanderung nach England. Den Job bei der Musikfirma EMI habe er gekündigt, er schlage sich momentan durchs Nachtleben, bald aber sei er in London. Und nicht nur er wird Leimbach verlassen. Auch Jazzdrummer Ernst Scholl wird für ein Jahr verreisen. Wassmann, Krebs und Onorato überlegen den Umzug nach Berlin. Was sie hält, ist das geliebte Atelier, doch dem droht der Abriss. Architekten schlichen bereits durchs Gelände. Nächsten Januar könnte es vorbei sein mit der Kunstinsel, und Leimbach wieder dunkel.
Montag, 12. März 2007
Protestbewegungen haben nicht nur politische Ziele, sie führen zu Veränderungen im Verhalten. Darüber diskutierten junge Wissenschaftler an einer Zürcher Tagung.
Von Hannes[0] Grassegger[0]
Vom Demobanner bis zur Mode - politischer Protest zeigt sich in vielen Formen. Unter dem Titel «Europäische Protestbewegungen seit der Zeit des Kalten Krieges» haben sich Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen international vernetzt, um Ausdrucksformen und Lebensstile zu erforschen. Eine weltweit einzigartige Initiative. In Zürich trafen sich in den vergangenen Tagen rund 70 Teilnehmer aus zahlreichen Ländern Europas; das Durchschnittsalter der Forscher: Ende zwanzig.
Körpersprache als Ausdruck soziokulturellen Protests analysierte etwa Angelika Linke, Professorin an der Universität Zürich. Sie zeigte Kupferstiche aus der Zeit der Aufklärung, gefertigt 1780 von Daniel Chodowiecki, kommentiert vom Philosophen Lichtenberg. Besonnen betrachtet dort ein Paar den Sonnenaufgang, demütig hält der Mann einen Hut in den Händen, beide haben die Köpfe leicht gesenkt. Echtheit und Reflexion verkörpern die Figuren - Elemente damals revolutionärer bürgerlicher «Natürlichkeit».
Vom Bürgerernst zum Punk
Rechts daneben ein höfisches Paar. Johlend und mit weit ausgestreckten Armen begrüssen sie die Sonne. Frivol wirkt ihr falscher Jubel, ihre affektierte Glückseligkeit. Von aufrechtem Bürgertum und aristokratischem Überschwang wenig wissen will eine Gruppe Punks. Ein Foto von 1986 zeigt sie mitten auf der Strasse sitzend. Ganz in der Horizontale: ein Paar, fotografiert 1968 in einer Berliner Studentenbude. Neben dem Bett Schreibmaschine, Bücher, Essensreste. Er liest Zeitung, beide sind nackt. Freizeit, Sex und Arbeit, alles im Liegen: eine symbolische Auflösung als unnötig empfundener Trennung der Lebenswelten. Drei Protesthaltungen verkörpern buchstäblich andere Ideale und illustrieren die Hypothese der Forscherin, dass sich Zeitenwechsel in Änderungen des körperlichen Habitus manifestieren.
Das Überschreiten der Fachgrenzen erweist sich dabei als fruchtbar. «Es ist sehr gut, wenn wir Soziologen von den Kulturwissenschaftlern lernen, an mehr als nur Textquellen heranzutreten», meint der Berliner Simon Teune. Man debattierte über die fotografische Darstellung der Proteste in Genua, die Unterdrückung Langhaariger im Ostblock oder aktuelle transnationale Kampagnen wie «Clean Clothes». Unbearbeitet allerdings blieben muslimische, konservative oder nationalistische Bewegungen, zu denen es wenig Untersuchungen gibt.
Initiiert haben das Projekt der Zürcher Sprachwissenschaftler Joachim Scharloth, der Historiker Martin Klimke aus Heidelberg und die Medienwissenschaftlerin Kathrin Fahlenbrach (Universität Halle Wittenberg). Junge Köpfe an die bislang kaum systematisch bearbeiteten Phänomene zu lassen und die Zusammenarbeit führender Forscher und Jungakademiker zu ermöglichen, ist ihr Konzept.
Anschwellende Forschung
Seit 2006 finanziert die von der EU- Kommission getragene «Marie Curie Action» die fünfteilige Serie aus Workshops und Vorträgen. Weitere Stationen sind ein Kongress in Heidelberg im November sowie eine Summer School in Prag 2008, parallel zum 40. Jahrestag der Niederschlagung des Prager Frühlings. Die Abschlusskonferenz im März 2009 wird in Zürich stattfinden. Publikationen sind geplant, ein Handbuch über die 68er-Bewegung ist erschienen. Aus anfangs 40 angeschlossenen Forschern wurden 140.
Die Bilanz der Zürcher Veranstaltung ist positiv. Die Interdisziplinarität mache einen produktiven Austausch möglich, resümieren Teilnehmer. «Ein derart angelegtes Projekt gibt es bei uns nicht», betont ein Historiker aus den USA. Auch die Veranstalter sehen konkrete Resultate: «Die in Zürich präsentierten Arbeiten beweisen, welchen immensen kulturellen Einfluss Protestbewegungen hatten. Die frühere Lehre konzentrierte sich nur auf die häufig unerfüllten politischen Forderungen. Unsere Welt aber wurde gerade im Alltag sichtbar verändert.»
Donnerstag, 25. Januar 2007
© Tages-Anzeiger; 29.12.2006
Zürich-Prag retour: Zürcher und Prager Kunstschaffende feiern kreative Alternativen zum Establishment.
Von Hannes Grassegger[100], Prag
Seit einigen Monaten spricht man in der jüngeren Zürcher Kunstszene über Prag. Und zwar nicht nur als Reiseziel, sondern vor allem als Ausstellungs- und Veranstaltungsort für zeitgenössische Kunst. Grund dafür ist eine zweimonatige Kunstveranstaltung mit dem Titel «The Proces», welche in Holesovice in der Nähe des historischen Prager Stadtkerns stattfindet.
Inmitten eines der vielen Vietnamesenmärkte, auf dem Gelände eines ehemaligen Schlachthofes, soll «The Proces» noch bis zur finalen Silvesterparty Kunstschaffenden wie Interessierten jedweder Herkunft und Stilrichtung eine gemeinsame Plattform bieten. Von jungen Schweizern wie Ingo Giezendanner und Mickry Drei über bestens bekannte Namen wie Kerim Seiler und Anders Guggisberg/Andreas Lutz bis hin zu Pipilotti Rist sind in Prag Arbeiten zu sehen. Finanziert wird die Veranstaltung grösstenteils mit Geldern der Pro Helvetia und des Popkredits der Stadt Zürich. Ziel ist es, die Zürcher Kulturszene zu repräsentieren.
In vier Hallen mit insgesamt 2500 Quadratmeter Ausstellungsfläche und 500 Quadratmeter Wohnfläche organisiert Mark Divo, der studierte Publizist und umtriebige ehemalige Zürcher Hausbesetzer, ein temporäres Kunstereignis, das er selbst als «soziale Plastik» bezeichnet. Auf der Basis seines umfassenden Netzwerkes initiiert der kontaktfreudige Artpunk bereits seit 1993 immer wieder dieselbe Mischung aus Kunst und Barbetrieb, Party und Ausstellung, Besäufnis und Inszenierung.
Wer kann, geht weg
Das Konzept ist aus Zürich bekannt und bewährt: Divo organisiert den Ort, stellt eine Bar in die Mitte und lädt alle ein, die ausstellen wollen. Für ihn ist das «Demokratisierung der Kunst», andere empören sich über die Beliebigkeit der Exponate. Doch der in Männedorf geborene Luxemburger surft unbekümmert weiter auf den Wellen seiner Widersprüchlichkeiten. Die Idee der Kreuzung von Trash und Kunst exportierte er mit wechselndem Erfolg unter anderem nach Nowosibirsk und New York. Interessanterweise aber scheint Divo diesmal ins Schwarze getroffen zu haben. Seine spezifische Herangehensweise inspiriert die Prager Kunstwelt.
Trotz der reichen Historie, den knapp 1,2 Millionen Einwohnern, Heerscharen von Touristen und einer Arbeitslosenrate von nur 3 bis 4 Prozent hält sich das internationale Flair Prags auf der Ebene zeitgenössischer Kunst bislang in Grenzen. Besucher aus aller Welt kommen vor allem der Altstadt wegen, ihre Kunstkäufe beschränken sich meist auf kitschige Stadtansichten.
Spricht man mit tschechischen Künstlern, spürt man, dass der Bildung einer funktionierenden Kulturlandschaft noch viel im Wege steht. Die Zeit vor dem Fall der Berliner Mauer ist noch nicht weit entrückt, und sie hat Lücken und tiefe Gräben in der Kunstwelt hinterlassen.
London, New York oder Paris: «Das Exil bleibt Fixpunkt künstlerischen Schaffens, wer kann, geht ins Ausland. Die tschechische Szene orientiert sich nach aussen, im Land selber liefern sich ehemalige Kollaborateure und Kritiker weiterhin Verteilungskämpfe», skizziert der tschechische Künstler Jan Jakub Kotik die Situation. «Auch um eine Gegenkultur aufzubauen, braucht man erst einen funktionierenden Mainstream. Doch nicht einmal das haben wir in Prag wirklich. Es mangelt an Ausstellungsmöglichkeiten, bürokratisierte Institutionen erschweren zudem Entwicklungsprozesse.»
Die einheimische Kunstszene konzentriere sich im Umfeld der Akademien, und trotz der unterschiedlichen Strömungen stosse man am Ende des Tages zwangsläufig in den immer gleichen Galerien aufeinander. Die Situation sei verfahren, Auswege schwer zu finden. «Wir hassen uns gegenseitig schon genug, wir brauchen keine neuen Grenzen in der Kunstszene», meint Kotik. «‹The Proces› dagegen bringt uns an einem unbelasteten Ort neu zusammen, ob Expressionisten oder Konzeptualisten.»
Exportprodukt mit Swiss Touch
«The Proces» integriert auch in Prag all die Komponenten, die Mark Divos Projekte schon in Zürich kennzeichneten. Ein alter Backsteinbau, Bierdunst und kalter Rauch liegen in der Luft, hier trübes Licht, dort helle Strahler, und immer wieder Divo, irgendwo am Telefon. Dass er allein im Fokus der Medien steht, lässt die meisten Prager Künstler kalt. «The Proces» bietet ihnen einen exterritorialen Kristallisationspunkt mit ungewohnt freiheitlichen Spielregeln. Inmitten all der angehäuften Salonmöbel, Bilder und Skulpturen können sie beim Bier an der Bar ihre Positionen neu aushandeln. Nicht die teilweise spärlichen Publikumszahlen zählen, nicht der Name in der Presse oder die säuberliche Kuration, sondern zu erleben, welche Prozesse Eigeninitiative in der sonst so komplizierten tschechischen Kunstwelt auslöst: «Mark Divo zeigt uns eine Alternative auf. Wir merken plötzlich, wie weit wir alleine kommen können», bestätigt Dimitri Berzon aus Libuin. Wer ausstellen will, soll kommen; wo und wie das Werk platziert wird, ist Sache des Künstlers. Praktisch vorleben sollen dies die teilnehmenden Zürcher: «Man kommt an und nimmt sich, was es gibt» erklärt Ana Strika, die dieses Jahr an der Kunstklasse der Zürcher Hochschule für Gestaltung abgeschlossen hat.
«The Proces» im Schlachthof ist ein Exportprodukt mit Swiss Touch: ein neutraler Ort mit den Spielregeln des Liberalismus, eine Plattform zum Austausch unter Gleichen. Die «soziale Plastik» riecht nach Party. Zürich ist zu Besuch in Prag.
Bis 1. Januar 2007.
www.proces.artia.org