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Samstag, 28. November 2009

Nachdenken über Wirtschaft

FAZ-Krise-Dubai

Warum wir? Wieder mal ist die Fabrikzeitung die Prophetin der Krise. Kaum war unsere aktuelle Ausgabe zum Thema Wirtschaft online, kaum hatten wir die Artikel zur kritischen Analyse der Vordenker der aktuellen Wirtschaftspolitik der Nationalstaaten abgeschlossen, verkündete Dubai seine Zahlungsunfähigkeit. Nun wird sich zeigen, ob die Krise wieder durchstartet. Ob die Arbeitslosigkeit wieder zunimmt. Unsere aktuelle Ausgabe beleuchtet wie sich zuviel und zuwenig Arbeit anfühlt, wie der Vater der modernen Ökonomie doch nicht irrte, was eigentlich John Maynard Keynes ist und was die Studentenproteste mit Wirtschaft zu tun haben.

Online hier: http://issuu.com/fabrikzeitung/docs/fz257

Als limitierte Printausgabe erhältlich in Zürich oder per Abo via:
http://www.rotefabrik.ch/de/fabrikzeitung/index.php

Donnerstag, 26. November 2009

Der ewige Grieche

El Greco, der Grieche, so einfach nennt sich Stuttgarts ewiges griechisches Restaurant. Seit 26 Jahren wird hier gesund gut-griechisch gekocht. Aber nicht nur das. Hier wird gut gelebt.

Von Hannes Grassegger

Erst 26 Jahre gibt es das El Greco, Stuttgarts ältestes griechisches Restaurant. Für Griechen ist ein Vierteljahrhundert nur ein Zwinkern, ein Augenblick. Seit über 3000 Jahren gibt es Zeugnisse der griechischen Küche, schon 350 vor Christ schrieb Archestratos die Gastronomia, erstes Kochbuch und erster Gastroguide der Welt in Einem. Seitdem wurde die Entwicklung der griechischen Küche analysiert. Einflüsse der Osmanen, und damit der Araber und Perser, zeigen sich im Garen des Fleisches mit Joghurt; der feinbröckelnde, trotzdem cremige Fetakäse aus Schaf- und Ziegenmilch ist byzanthinisches Erbe; Skordalia, das Kartoffelmousse mit Walnuss, Mandeln, Olivenöl und Knoblauch, wurde schon in der hellenischen Antike zubereitet (logischerweise ohne Kartoffeln).

Griechisches Essen ist beliebt. Unklar ist aber warum. Beispielsweise essen die Griechen am liebsten lauwarm - damit das Olivenöl, in dem vieles ertränkt wird, sein Aroma entfalten kann. Die Küche ist unspektakulär und hat die gleichen Grundlagen wie andere mediterrane Küchen; die üblichen Kräuter, etwas mehr Gemüse (Bohnen!) und einen Akzent auf Schaf- und Ziegenfleisch. Vielleicht ist sie seltsam. Die Griechen speisten, schreibt ein Gastroguide, sobald Touristen oder EU-Aufseher weg seien, Hammelhoden oder gebackenes Lammhirn. Und weiter: Griechenland sei ein karges Land, alles was nicht giftig sei, z.B. Olivenblätter, werde gegessen. Und das auch noch zu nachtschlafener Zeit, ab 21 Uhr. Man fastet ganze zehn Wochen im Jahr. „Kein Schlemmerparadies“, urteilt der moderne Gastroguide.

Fans der griechischen Küche sind die Schwaben. Hier sagt man seit vierzig Jahren, griechisch sei gesund, isst einen kleinen griechischen Salat und danach Fleisch- oder Fischberge. Am liebsten gemischt und gegrillt: Appollon-Teller oder Platon-Platte mit Gyros und Souvlaki, dazu Tzatziki, Zwiebelringe, frittierte Kartoffelscheiben, mit etwas Pech auch Fritten. „Insider“ im Land der Pur Hörer schwören auf Moussaka, den sättigenden Hackfleisch-.Auberginen- und Bechamelauflauf.
Sucht man in Google Maps „griechisches Restaurant, Stuttgart“, findet man derzeit 697 Einträge. Der Kessel birgt traditionsreiche, gutbesuchte „Griechen“ wie das „Illysias“, den „Griechen im Grünen“, das „Hermes“, und, ganz oben bei Google, das „El Greco“, das beinahe jeder Stuttgarter kennt.

Das El Greco liegt nahe des Berliner Platzes am Bollwerks, also wie es sich gehört an einem geschichtsträchtigen Ort. Das rustikale, blauweiss im Inselstil gehaltene, doch mit bunten Ölgemälden verzierte Eckrestaurant ist belebt, die Stimmung zwischen den mit Kletterpflanzen behangenen Wänden gemeinschaftlich. Hier sollte man reservieren. Der Küchenchef und Inhaber Georgius Papoulias hält den Service am laufen, mit den Gästen ein Schwätzchen und tischt stets Neues auf. Wir geniessen die Hausspezialität Arnaki, eine butterzarte, gezimtene Lammkeule im Gemüsetopf; kosten vom salzig-süssen, in der kleinen Saganaki Pfanne fritierten Kefalotyri Käse; testen das einwandfreie, cremig-salzige Fischrogenmousse Taramas, Teil der gemischten Vorspeisenplatte. Gewürze wurden gezielt verwendet, die Portionen sind hübsch angerichtet und gross. Der erste Grund dieses Restaurant zu mögen ist seine ehrliche Küche.

Der zweite Grund ist die Familiarität. 1978 kamen die soeben vermählten Papoulias nach Stuttgart, eigentlich wollte Georgius Medizin studieren. Dann wurde seine Frau Isidora schwanger. Beide arbeiteten hart in Stuttgarts Tavernen, Georgius verzichtete aufs Studium, 1983 eröffneten die Mittzwanziger das El Greco, ursprünglich an der Immenhoferstrasse. „Wir waren kleine, harte Kinder“ lacht Isidora, „die Gäste wurden unsere Familie“, manche seien Stammgäste in zweiter Generation.
Wir wollten etwas anders machen, ergänzt Georgius. Nicht primär in der Rezeptur, guter Geschmack sei doch selbstverständlich. Und man hätte von den Gästen gelernt, klar, die Deutschen wollten weniger Öl, mehr auf dem Teller. Doch hätte er eine Philosophie eingebracht. Essen sei eine Prozedur, es drehe sich nicht nur darum satt zu werden, sondern gesund und gut zu leben. Frische, Bio wo bezahlbar, regionales Fleisch, salzarm. Bedacht zitiert er sein Credo, einen Satz des Hippokrates: „Eure Nahrungsmittel sollen eure Heilmittel sein.“ Er koche wie für seine Familie. So hat sich unser Abend beim Griechen auch angefühlt.

„Die Griechen sind trotz allen Widernissen überaus gastfreundlich“, schreibt unser böser Gastroguide. Wir schliessen lieber mit den Worten der griechischen Botschaftswebsite: „Vor allem sind Essen und Trinken für die Griechen ein geselliges Erlebnis, ein guter Anlass, sich in der Familie oder mit Freunden und Bekannten zu treffen, zu reden, und gemeinsam zu genießen.“ Es steckt eine Menge Philosophie dahinter, es zusammen einfach nett zu haben. Ab Winter kocht Isidora übrigens altgriechische Spezialitäten. Philosophen Cuisine.

Preise : Hauptspeisen 10-17 € , günstiger Mittagstisch,

Info: Cateringservice, rauchfreies Restaurant

Kontakt: www.elgreco-restaurant.de Tel. 07 11 / 29 06 39, Leuschnerstr. 17, 70174 Stuttgart

Öffnungszeiten:
Montag und Dienstag:17.00 Uhr bis 01.00 Uhr
Mittwoch bis Samstag:11.30 Uhr bis 15.00 Uhr 17.00 Uhr bis 01.00 Uhr
Sonntag durchgehend:11.30 Uhr bis 01.00 Uhr

Freitag, 30. Oktober 2009

India: Latest Trends in Organic Cotton

India-Cotton-Map

Together with my colleague Mark Starmanns I recently published a report in India. Thanks Mark!

About the publication:

Apparel Online is a must read magazine for all garment industry associates. The magazine extensively covers the latest in sourcing and market trends, analysis of news and existing markets, key players in those markets, statistical analysis of products and markets, news, reviews and views of industry players, as also news from the Indian sub-continent.

Our report is on page 20:
http://apparelresources.com/pdf/AO%20NOVEMBER%201-15-09.pdf

Dienstag, 25. August 2009

Bio Lebensmittel – Zeit für die Krise



Erst begannen die Stimmen der Kritiker laut zu werden. Dann erlebte die Biolebensmittel-Branche in vielen Ländern Europas heuer einen Rückgang der Zuwachsraten oder sogar Einbrüche. Doch in der Schweiz wächst Bio weiter. Statt einfach die Krise der Anderen abzuwarten, sollte man hierzulande die Chance nutzen, dazu zu lernen.

Von Hannes Grassegger

Herbst 2009, Zeit für Schlammschlachten. Traditionell rollen im Herbst die Attacken an, die man sich im Sommerloch zurechtgelegt hat. Diesmal können wir besonders gespannt sein, was die zertifizierten Bio (oft öko oder organic genannten) Lebensmittelprodukte angeht. Lebensmittel also, bei denen darauf verzichtet wird, bestimmte synthetische Pflanzenschutzmittel, Gentechnik oder Kunstdünger zu verwenden und bei deren Produktion eine möglichst geschlossene Kreislaufwirtschaft am Hof betrieben werden sollte.
Denn die schöne Biowelt ist nicht vor Unbill gefeit. „Bio Bschiss“ titelte der Blick Mitte August, nachdem eine Untersuchung im Aargau bei 17 von 25 untersuchten Bio Anbietern Beanstandungen ergab. Auch ein anderes Nebenprodukt der organischen Landwirtschaft macht nach unseren Informationen derzeit vor allem Baslern das Leben schwer: die Asiatischen Marienkäfer. Seit 2005 werden die roten Tiere mit den oft 19 Punkten in der Schweiz gesichtet. Seit 2008 in rauhen Mengen. Die Marienkäfer wurden von der organischen Landwirtschaft ausserhalb der Schweiz zur natürlichen Schädlingsbekämpfung eingesetzt. Im Herbst werden sich die Käferchen nun eine Winterstatt suchen - vorraussichtlich massenweise in Schweizer Häusern.

Die Kritik an Bio

Schon im Herbst 2007 startete in der Weltwoche der deutsche Ex-Linke Michael Miersch, zusammen mit u.a. dem Publizisten Henryk M. Broder (Spiegel etc.) Betreiber des libertären Weblogs Achse des Guten, einen Angriff auf den „Mythos Bio“. Miersch behauptete, dass Bio „nicht gesünder“ oder „besser für die Umwelt“ sei. Der Nährstoffgehalt von Biofood sei z.B. nicht nachweislich höher als der konventioneller Lebensmittel und der hohe Raumverbrauch der Bioproduktion sei unverträglich mit dem Anspruch die Umwelt zu schonen.
Ein harter Angriff, denn laut Zukunftsforscher Matthias Horx (ebenfalls früher Blogger für die Achse des Guten) sind genau dies zwei Hauptgründe für den Konsum an Bio oder ähnlich gelabelten Produkten. In einer 19-seitigen Replik auf den Weltwoche-Artikel versuchte Urs Niggli, Leiter des FIBL (Forschungsinstitut für biologischen Landbau), ein wichtiger Bio Think Tank, Mierschs Argumente zu widerlegen. Ebenfalls 2007 deckte der Spiegel Misswirtschaft und Betrug im Biomarkt auf.
Nun erschien im Juli eine Studie des Londoner Instituts für Hygiene und Tropenmedizin, die auf der Basis umfassender Auswertungen wissenschaftlicher Studien der letzten 50 Jahre argumentiert, Bio Lebensmittel seien nicht nachweisbar gesünder. Nur Wochen darauf präsentierte das FIBL die Ergebnisse einer fünfjährigen Mammutstudie zu Bio und „low input food“ die der Londoner Studie widersprach. Bio Lebensmittel seien doch gesünder als konventionelle. Der Kampf tobt.

Bio am Ende?



Während die Experten streiten, reagiert der Markt. 2009 war kein gutes Jahr für die europäische Biobranche, meint die Forschungs- und Beratungsagentur Organic Monitor. Die Zuwachsraten der jeher zweistellig wachsenden Umsätze der Biobranche schrumpften auf meist einstellige Beträge zurück. Zuerst traf es Grossbritannien, wo der Markt 2008 nur um 2% wuchs. Noch schlimmer Deutschland. Hier gab es 2009 sogar den ersten Umsatzrückgang seit zehn Jahren. Minus 4% im ersten Halbjahr ermittelte eine Befragung der Konsumentenforscher der GfK. Triumphierend bloggt Miersch, er hätte den Rückgang schon im Januar 09 verkündet.
Zudem erfolgte der Einbruch in Grossbritannien, als sich die Wirtschaftskrise noch nicht so stark auf die allgemeine Kauflust ausgewirkt hatte. Ursache wäre somit nicht das Sparen in der Krise. Fast ein Viertel aller Schweizer zweifeln an Bio, erzählt eine weitere GfK Studie. Ist Bio bald am Ende?

Heute dort, morgen hier?

Auch wenn die Schweizer Lebensmittelzeitung diesen Mai titelt: „Bio Absatz läuft ungebrochen gut“ und das FIBL die zweistelligen Schweizer Bio Umsatzzuwächse für 2008 stolz auf 11,2% schätzt, so kann nicht ausgeschlossen werden, dass auch den Schweizer Bios härtere Zeiten bevorstehen. Dabei wäre jetzt eine ideale Ausgangssituation um die schöpferische Zerstörung der Krise zu nutzen, Fehlentwicklungen zu korrigieren oder neue Optionen zu integrieren. Denn die Schweiz ist eines der innovativsten Bioländer mit dem höchsten Pro Kopf Konsum weltweit. Was nicht viel heisst. Nur etwa 5% des Gesamtumsatzes an Lebensmitteln hierzulande ist Bio, knapp 12% der Bauernhöfe produzieren Bio zertifiziert. Das ist nicht die Marktübernahme die man sich in Biokreisen einst erträumte. Selbst wenn’s der Weltwoche nicht gefällt, man könnte Bio grösser machen.

Bio neu verstehen



Bio muss neu verstanden werden. Bioplus ist das erste Stichwort. Dabei dreht es sich um die Integration neuer Käuferwünsche, „Mega Trends“ wie Klimaschutz, lokale Produktion und Fair Trade. Es klingt lustig: In Schweden gibt es jetzt CO2 neutrale Bio Milch zu kaufen. Krise ist die Zeit der Innovation.
Als Zweites gälte es, Konsumenten die Verwirrung zu nehmen. Berechtigte Kritik sollte ernstgenommen werden, Bio Suisse muss Lösungen anbieten. Einerseits indem informiert wird und diffuse Assoziationen (gesundheitsfördernd, Umweltschutz etc.) geklärt werden; andererseits, indem man den „Labelsalat“ auflöst. Es gäbe „keine Alternative zur Alternative“, schreibt Niggli in seiner Replik auf Mierschs Artikel. Laut SECO–Liste konkurrieren schweizweit 71 Lebensmittellabels, meist Produktlabels mit Bio-Appeal. Dies fordert vom Käufer einiges an Fachwissen. Wer durchschaut schon die Regelwerke der einzelnen Labels? Und wie gut diese überprüft werden? Viele der Ansätze (Traceability, Appellation Controlée, CO2-Ausstoss) sind schlau und gefragt; die Versprechungen der einzelnen Produktlabels überlappen sich zudem. Hier könnte man zusammenfassen. Krise ist die Zeit der Fusion.

Mittwoch, 29. Juli 2009

Kopenhagen Klimakonferenz Sonderausgabe

Die Uhr tickt. Denn Ende dieses Jahres wird die Zukunft unserer Welt verschachert.

Vom 7.-18. Dezember 2009 steht die wichtigste Konferenz seit Ende des 2.Weltkrieges an. In Kopenhagen entscheiden über 13.000 Delegierte über das zukünftige Ausmass an weltweiten Treibhausgasemissionen. Und damit nicht nur darüber, wieviel von Bangladesh untergehen wird oder vom Amazonas Regenwald übrigbleibt, sondern auch von unser aller Freiheit.

Kopenhagen Klimakonferenz Sonderausgabe der Fabrikzeitung

Zusammen mit den preisgekrönten Grafikern von Glashaus.ch haben wir eine Kopenhagen Klimakonferenz Sonderausgabe des Zürcher Monatsmagazines Fabrikzeitung konzipiert die es in sich hat. Frei von Alarmismus und voll von neuartigen Ansätzen. Renommierte Autoren aus den U.S.A, Deutschland und der Schweiz sprechen über die Psychologie des Wandels, Freiheit, Energie und Geld.

Kopenhagen Online Edition

Die Sonderausgabe mit einer grossen Fotostrecke des Künstlerduos Galic/Gredig erscheint am Dienstag 4. August. Erhältlich gratis als Print an ausgewählten Stellen in der Schweiz, online via Mail von ronorp.net oder hier: http://www.glashaus.ch/fabrikzeitung/FAZ253-Klimakonferenz(Weboptimiert).pdf

Abonnement: http://www.rotefabrik.ch/de/fabrikzeitung/index.php

Der Countdown läuft weiter.






Dienstag, 2. Juni 2009

Cambridge University Workshop

The Costs of Fair Trade Textile Certification – A Global Value Chain Perspective

By Hannes Grassegger

(I wrote this paper for the CRASSH Workshop on Fair Trade - A Moral Economy? at Cambridge University. If you like to get the original with all the references contact me via this blog.)

1) Introduction

This paper analyses the costs of Fair Trade (FT) third party certification for clothing by examining the given industry structure and applying the Global Value Chain framework.

FT clothing certification was started in 2004, and is different to FT certification for agro-commodities, as it tackles a by far more complex industry. Thus, FT textiles certification can be regarded as a test run for the expansion of the FT system on most industrial products like computers etc. Proponents of FT often praise the system as a market based solution to obtain certain social and environmental improvements.

In popular language, the expression Fair Trade has become synonymous with ethically differentiated products that rely on social and environmental standards. “There is no legal definition of Fair Trade and no protection against counterfeit Fair Trade products” (Nicholls et al. 2005, p. 230). The Fair Trade definition according to FINE reads as follows:
“Fair Trade is a trading partnership, based on dialogue, transparency and respect, that seeks greater equity in international trade. It contributes to sustainable development by offering better trading conditions to, and securing the rights of, marginalized producers and workers [highlighted by the author] – especially in the South. Fair Trade Organizations, backed by consumers, are engaged actively in supporting producers, awareness raising and in campaigning for changes in the rules and practice of conventional international trade.”
FT thus focuses on workers and producers. It promises direct and efficient transfers of money or other measurable benefits to workers within the production process of a specific FT product. FT certification for clothing has the aim of substantially improving working conditions and demands several costly compliance measures for producers, such as higher wages. We thus expect a corresponding price increase for FT certified products.
To find out “the retail price increases that would be necessary to fully absorb the costs of substantially raising wages and/or improving working conditions for production level workers in the apparel industry” Pollin et al. (2002, p. 5) analyzed retail price effects of wage increases for staff in the production of garments. Starting from aggregated data from Mexico and the US on the share of labor costs per item at the shipping stage, they increased staff wages by a 100%. Depending on the production country and depending on whether they also doubled the wages of supervisory staff, they estimated costs, which, added to the retail price should cause price rises “ranging between 2% and 6%” (Pollin et al. 2002, p. 5). Thus, to cover the costs of doubling the wages only a very small price increase should be expected. However, actual mark-ups for Fair Trade certified clothing are by far higher. Conducting internet and storefront as well as press research, I found a plethora of offers for Fair Trade certified white T-shirts showing price increases between 160% an 360% compared to a common white T-shirt from mass retailer C&A.

The goal of this paper is to explain this huge discrepancy between the observed market prices of certified textile products and the much lower price increase that could be expected due to the FT requirements. The costs of Fair Trade certification accrue partly because of the specific production circumstances of textiles and clothing. Certifying clothes is different to certifying simple products like coffee, insofar as the production processes are more complex and sequenced. The predictions of Pollin et al. (2002) were based on two premises:

- Imposing higher wages (or better working conditions) comes at no cost.
- The production of textiles is undertaken by a vertically integrated unit.

This paper shows why both premises lead to false conclusions in the context of complex value chains such as for clothes. For this, I first give a brief overview of the clothing value chain and its properties (section 2). Section 3 presents the Global Value Chain concept, on which the assessment of cost effects of certification is based and section 4 investigates these effects in detail. Section 5 concludes.

2) Properties of Textile Value Chains

Gereffi et al. (see 2003, p. 7) divide the production process of clothing into five distinct adjacent stages:

Raw Materials: e.g. farming of cotton, bamboo, hemp, jute, linen or sisal; man-made (synthetic) production of fibers; cattle breeding of different types of farm animals for wool production.

Components: The textiles industry comprises several production stages to arrive at fabrics, also depending on the raw material. Examples are ginning (removing the seeds from the cotton fibres), yarning, weaving. Depending on the case, yarns and fabrics might get dyed or bleached.

Production: This is where the textiles and the clothing industry split. It comprises cutting fabrics, trimming the pieces and finishing the product. Finished clothing gets ironed and packed. Sometimes even price buttons for the contracting retailer customer can be added, making the product ready for the storefront (see Nordas 2004, p. 5).

Export: Export can be done by brand-named apparel companies, retail agents, overseas buying offices or trading companies.

Marketing: Goods are sold to the customer via different types of retailers or brand-named companies who sometimes have their own outlets or flagship stores.

Contrary to the assumptions of Pollin et al. (2002), the production of clothing is characterized by high degrees of international labor division. Vertical integration is largely absent and production takes places within many adjacent stages, and is carried out by globally dispersed, legally independent, profit maximizing companies. In the textile sector, physical separation of the different production steps, like product design and manufacturing, prevails. The planning and design of clothing production are largely located in developed countries, while a significant international relocation of manufacturing to lower cost producers around the world, and in some cases in relative geographical proximity to the major consumer market has taken place (see Nordas 2004, p.2). This requires costly informational processes, where flows of consumer demand and product information have to be transferred between intermediary producers at very different places. As intermediary goods of differing quality need to be exchanged globally, transaction costs form an important part of production costs in the clothing and textile sector.

Total market growth of clothing is small, while consumer behavior has changed insofar as frequent changes in product appearance are valued. For retailers and brands, this means more frequent interaction with suppliers about product properties. Retailers like H&M have started to offer fast changing collections of clothing. A higher frequency of transactions between buyers and suppliers with the total amount of products held constant means that the relative weight of transaction costs as a part of total costs for clothing production can be expected to increase. Information exchange and storage systems have become ever more important to save costs and organize production (see Gereffi et al. 2003, p. 6). As described by Cammett (2006, pp. 24), recent changes in the global textile industry have been mainly organizational or based on information technology. Both observed strategies (clustering and electronic data exchange) are means to reduce costs resulting from information asymmetry. In the globalized clothing value chain, transaction costs are an important source of companies’ costs. Factor prices are not the most important costs for producers.

Standards play a major role in value chain management. Production coordination is based on a common set of standardized practices or process standards (like ISO 9000) and product standards (like national regulations concerning product contents). Inclusion of certain suppliers into textile and clothing production processes depends on the use and knowledge of compatible and widely disseminated standards (see Nordas 2004, p. 5; Cammett 2006 p. 24). Interlinking production processes with new partners causes transaction costs and specific investments: “Big retailers invest significant time and resources in bringing their suppliers up to speed on their designated procurement systems and training factory management to work with computer technology and the Internet. Once they achieve an effective management system within a given factory, sourcing executives try to generalize the system over a number of supplier factories.” (Cammett 2006, p. 32).
Information on social and environmental production circumstances is available only for insiders of the production process. To ensure FT quality to the consumer, FT inputs have to be tracked throughout the entire value chain. Because of information asymmetries and incentives to cheat between buyers and sellers of intermediary products, there must be some kind of control and information system to ensure producer compliance with costly social and environmental standards. At each stage of production, within each company participating, social and environmental issues accrue and have to be controlled for by third party auditors. This results in fees which have to be paid by FT certified producers to third party FT licensing organizations like FLO-Cert.

3) The Global Value Chain Concept

In economic literature, assessments of certification generally overlook the effects of what happens if successive intermediaries are involved in the production process. Usually a simple buyer-seller (consumer-firm) relation is presupposed for exploring the economics of certificates (see for example Albano et al. 2001, pp. 267; Bonroy et al. 2004, pp. 527; Sedjo et al. 2002, pp. 272; Linnemer et al. 2000, pp. 1397; Kuhn 1999, pp. 1). This may be plausible for simpler products than clothes. But as the production of textiles is highly disintegrated and internationally dispersed, certification may lead to several potentially costly changes in complex production processes which include several independent intermediaries. To evaluate these FT certification effects on the value chain, a framework which delivers a dynamic perspective on the effects of standards implementation on global production processes will be necessary.

Economic sociology has developed a model called Global Value Chains (formerly also named Global Commodity Chains; see Gereffi et al. 1994, p. 1, Gereffi et al. 2005, pp. 78) which is concerned with the structural properties of the industry in which a specific product is produced. Global Value Chain theory systematically depicts actors and the linkages between them within production networks (value chains). The Global Value Chain (GVC) framework shows the flows of intermediary goods; services and information in order to provide a certain product (see Starmanns 2007, p. 12). The framework delivers characteristics and terminology for an analysis of certification effects. By drawing a relation between optimal chain structures and given product properties, it offers insights about value chain related cost-effects of FT certification.

Graphically and analytically, the GVC model decomposes the production process into a sequence of nodes and linkages:

figure-3

Nodes capture the processing of goods or information. They comprise one value added step, or one activity that is exercised. Nodes are a separable process, either technologically or socially (see Hopkins et al. 1994, p. 18).

Linkages capture the exchange relation between nodes. These are the flows of (intermediary) goods, services and information.

The information exchange between production stages relates to the product. Following Humphrey et al. (2001, pp. 21) there are four key contractual parameters of the transaction (referred to as product parameters in this study) which define what is to be done at any point in the chain and form the content of informational flows: 1) Product definition: What is to be produced; 2) Process definition: How is it to be produced. ; 3) Time of production or delivery. 4) Amount of production or/(and) product price.

Exchange of intermediary goods, services and information can happen within different overall structural alternatives, i.e. within market, hybrid forms or hierarchies. These structures are governance systems. Global Value Chain theory describes the existence of structural similarities of industries caused by the contractual parameters of their particular products. The governance structure of the value chain follows a transaction cost economizing idea, based on given product properties. Building on Williamson's (see 1979, pp. 248) definitions of three governance types Gereffi et al. (2005, pp. 86) develop five structural forms of value chain governance: market, modular, relational, captive and hierarchical (see Figure 1 below). Modular, relational and captive governance forms are called network governance types and show similarity to Williamson’s hybrid contractual arrangements (Williamson 1991, pp. 280).
To describe the transaction cost defining properties of the product parameters of Global Value Chain exchange processes Gereffi et al. propose three variables: complexity, codifiability and supplier capability. The values of these variables determine the transaction costs within global value chains and thus the transaction cost economizing overall governance structure (see Gereffi et al. 2005, pp. 84-85). The three determinants relate to the basic unit of a single transaction along the chain and comprise two causes of transaction costs. Those described by Williamson (see e.g. 1973, pp. 317), and those created by value chain activities coordination, called mundane transaction costs (see Gereffi et al. 2005, p. 84).


Figure-1


By shifting these determinants between two qualitative values (high and low), the optimal governance structure changes (see Figure 1 above), thus a dynamic perspective on value chains is made possible. As the values of the determinants of a transaction (complexity, codifiability and capability) depend on the contractual product parameters introduced by Humphrey et al. (2001, p. 22), we can now understand how standards influence the structure of Global Value Chain governance. The causal relation between standards and efficient governance structure is illustrated below. Figur 2 shows that as pointed out by Humphrey et al. (2001, p. 22), product and process standards (like FT certificates) change product parameters. Obviously, changing the parameters of transactions (process, product, time, amount/price) changes the determinants complexity, codifiability and supplier capability. If the values of the determinants change, the efficient mode of value chain governance changes.


Figure-2


On the right side of Figure 2 we can see generic chain transaction costs (always referred to a particular product) expressed as the costs of market use. If market structures prevail within an industry, the costs of market use must be lower than the costs of performing the same transaction within a hierarchical structure. Therefore, the changes in the efficient governance structure induced by changing the product parameters (e.g. via FT standards) can be expressed in the relative measure of the costs of market use for a certain transaction. If the transaction cost economizing industry structure was for example captive, the costs of market use for a specific transaction were comparably higher than in the case of modular industry structures.

Global Value Chain theory offers a framework to investigate the causal relation between standards, i.e. certificates and the transaction cost economizing industry governance structure. This allows predictions about the impact of Fair Trade standards, which change product attributes, on governance structures and thus transaction costs for market participants. Intuitively, the GVC model illustrates that the efforts, which are needed to organize transfers of goods or services within the chain are depending on the characteristics of the good. The kind of governance (e.g. market or hierarchy) of production sequences is designed depending on the way such efforts are minimized. A change in value chain relations, like searching new business partners, negotiating new arrangements etc. comes at high costs. Imagine a FT certificate requiring certain standards for work-place conditions. Buyers need to identify producers who are able to prove that they comply with these standard and they need to work out the best way to cooperate with their new suppliers in terms of information transfer, etc. In addition, Global Value Chain analysis predicts changes in the competitive situation within production stages. The requirements of a certain standard can lead to the exclusion of suppliers with low capabilities (in relation to the specific product parameters). This can lead to changes in the competitive structure, which in turn may lead to changes in prices for intermediary (chain) goods and services.

4) The Effect of Fair Trade Certificates on GVCs

Employing the GVC model, I will discuss the potential effects of certificates on the competitive structure in more detail.
Contracted, third party verified standards, like FT certificates, which comprise product and process standards, demand that several production stages, i.e. producers within the textile value chain comply with detailed, new requirements. Depending on the country of production and the quality demands producers have faced before, i.e. the state of the art of producers within the textile value chain, these requirements normally exceed legal and market requirements.

From a Global Value Chain perspective, Fair Trade standards influence the contractual parameters of the transaction and thus change the determinants of Global Value Chain Governance. As Gereffi et al. (2005, p. 92) have argued, the prevailing governance structure in the clothing and textile industry has moved to very market-based modular value chains in recent years, reflecting the ongoing process of vertical separation mentioned in chapter 2) (see also Gereffi 1999, pp. 37, Cammett 2006, pp. 25). Under modular governance (cf. Figure 1 above), product complexity and codifiability (which could be expected to increase through the introduction of FT standards) are already set at high values. But particularly through new requirements on suppliers at each stage, relative capabilities of potential and actual suppliers might decrease. In the GVC framework, decreasing capabilities causes a shift towards less market based network forms of governance, which from the given state of modular governance (high complexity, high ability to codify, high supplier capabilities) would lead to captive governance as being the most transaction cost economizing structure (see Figure 1). In comparison to modular governance, captive governance means that e.g. lead firms (who carry the major burden of value chain organization) need to invest more resources for consulting and supervising supply chain partners. Thus, transaction costs for sourcing certain inputs within a market context might become inefficient, and a switch to “closer” relations might economize resources for both business partners. As a result it can be argued, that taking part in a value chain for Fair Trade standardized product parameters implies higher costs of market use, as can be seen on the right side in Figure 2 which shows the influence of standards on governance.
Lowering supplier capabilities also means that some producers ultimately become excluded from the value chain, changing the competitive structure at each affected production stage. Moreover, a shift in governance towards more hierarchical, less market-based structures also implies a reduction in the number of market participants who are not contractually bound to buyers or sellers. This adds to the change in the competitive relations between processing stages. As a result, changes in competition (e.g. to a monopolistic situation) at different, interconnected stages can lead to changes in intra chain prices for intermediary goods.

These value chain effects (the change of transaction costs (expressed as the relative costs of market use) and changes in intra-chain prices) of FT certification are solely based on the fact that the production of textiles is integrated within a value chain structure, and FT standards change the contractual parameters of transaction throughout the entire chain by demanding compliance from several production stages and by demanding to exchange FT intermediary products only with other complying producers. Fair Trade actually creates a new, different value chain type, in which producers who had formerly relied on more market based sourcing structures experience higher transaction costs and changing input and output prices for (intermediary) goods.
Such value chain effects may be able to explain for the discrepancy between compliance costs calculations, such as done by Pollin et al. 2002 (who focus on the firm as an entity which is not integrated into some kind of value chain), and observed costs of the final Fair Trade certified product.

5) Conclusions

Because of the prevailing, non-vertically integrated industry structure and information asymmetries over individual producers’ social and environmental costly counterchecking of FT standards compliance needs to be undertaken by Fair Trade initiatives. Moreover the attributes of the (intermediary) textile products, i.e. the product parameters change due to certification. As Global Value Chain analysis argues, this is equivalent to a change in the product determinants and thus leads to a reorganization of the governance structure of the production process as well as to the exclusion of some producers, resulting in a change of intra chain intermediary prices and transaction costs (expressed in the costs of market use).

Introducing Fair Trade standards to an existing value chain imposes on each producer not only direct compliance costs, as argued by Pollin et al. 2002, but also certification fees to pay the control mechanisms and leads, in particular, to changed intra-chain prices and changed intra chain transaction cost, together termed (tangible and intangible) Value Chain Effects. The GVC model thus suggests an explanation for the observed discrepancy between market prices of FT textile products and the expected compliance costs.

A next step is to empirically test this hypothesis. In addition, the insights from the GVC model can be used to design optimal certificates for the textile sector. They would be optimal in the sense of minimizing the certification costs which are due to these value chain effects.






Literature:

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Sonntag, 22. März 2009

"Ein neues Wirtschaftssystem entwickeln.“

Vielleicht klingt das in der Krise besonders verlockend: Wenn man genügend Geld hat, hat man Zeit für die Ideen, die einen wirklich interessieren. Und weil man nicht darauf angewiesen ist, kann man sie dann auch mit anderen teilen. Ein wohlhabender Schweizer Unternehmer nahm sich die Zeit, uns sein Wirtschaftssystem mitzuteilen, welches dieses Privileg allen ermöglichen soll.

Aufgezeichnet von Hannes Grassegger

Der eigensinnige Basler Unternehmer Georg Hasler hat ein neues Wirtschaftssystem im Kopf. Er verbindet darin zwei in jüngster Zeit immer häufiger diskutierte ökonomische Konzepte: bedingungsloses Grundeinkommen und eine radikale Veränderung der Eigentumsrechte an Ideen, genannt Freies Wissen. Im IT Bereich sagt man zu freiem Wissen Open Source, und da kommt Hasler auch her. Der drahtige Self-Made Mann ist gelernter Geigenbauer, arbeitete lange als Programmierer und ist nun erfolgreicher Immobilienunternehmer. Hasler ist 38; mag keinen Stress, hat aber in seinem Leben völlig unverhofft ganze Blocks im Basler Zentrum erworben; mit Freunden das gut laufende Basler Café und Kulturzentrum „unternehmen mitte“ (in dem man nichts konsumieren muss und sich trotzdem frei aufhalten darf) begründet und bewegt sich in der eingeschworenen Basler Mäzenatenszene. Kürzlich gab er mir das Manuskript seines ersten Buches in die Hand. Arbeitstitel ist derzeit „Blütenstaubwirtschaft“. Ich bin Ökonom, las sein Werk und dachte, es sei keine Verschwendung von Ressourcen, Georg Haslers Ideen zu diskutieren. Im Folgenden spricht er erstmals über sein demnächst in einem renommierten Schweizer Verlag erscheinendes Konzept.

- Herr Hasler, warum muss sich unser Wirtschaftssystem ändern?

Ich bin der Ansicht, dass wir uns in einem grossen Durcheinander befinden. Wir leben mit den Denkgewohnheiten und Gesetzen einer Industriegesellschaft mitten in einer Informationsgesellschaft. Das passt nicht zusammen und bremst, weil Informationen und Ideen, besonders was ihre Vermehrung betrifft, ganz andere Eigenschaften haben, als Gegenstände. Deshalb sollten wir nicht Ideen wie Gegenstände behandeln sondern ein neues Wirtschaftssystem entwickeln welches dieses Potenzial nützt.

- Was ist der Unterschied zwischen Gegenständen und Informationen hinsichtlich deren wirtschaftlicher Nutzung?

Zwischen einem Stuhl und einer Idee, z.B. der Idee wie man einen Stuhl baut, gibt es einen grundsätzlichen Unterschied. Auf einem Stuhl kann nur eine Person sitzen. Eine bestimmte Idee können beliebig viele Personen gleichzeitig anwenden. Es liegt in der Natur der Sache, dass ein Stuhl nur einen Besitzer haben kann. Wer das ist, muss geklärt sein, um Streit zu vermeiden. Bei einer Idee ist dieser Streitfall nicht nötig, denn niemandem fehlt etwas, wenn dieselbe Idee von allen gleichzeitig benutzt wird.

- Wie sieht dieses neue Wirtschaftssystem aus?

Ein neues effektiveres und zugleich freieres Wirtschaftssystem orientiert sich am besten an der Natur: verschwenderisch in der Vielfalt, grosszügig in der Weitergabe der Gene und haushälterisch im Umgang mit knappen Ressourcen. Das Industriezeitalter hinterlässt uns das Gegenteil, d.h. materielle Verschwendung und geistiges Eigentum. Resultat ist eine lädiertes Ökosystem und ein stressvoller, für Viele beängstigender Alltag. Ich schlage die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens vor, um u.a. den Produktionszwang sinnloser Güter zu unterbrechen. Und ich denke konsequent weiter in Richtung Open-Source in allen Wissensbereichen.

- Warum nicht einfach Grundeinkommen? Warum noch Open Source?

Das Hauptargument gegen freies Wissen, z.B. freie Musik, ist ja immer die Frage, wovon die Denker, Forscher oder Musiker dann leben sollen. Anscheinend hängen die zwei Fragen eben direkt zusammen.

- Was meinen Sie mit Grundeinkommen?

Wenn das Wort „bedingungslos“ fehlt, dann heisst es nur dass niemand verhungert und dies wurde in den Industriestaaten längst erreicht. Das Problem sind die Bedingungen die daran geknüpft sind. Entscheidend wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen für jede Person ab Geburt; genügend hoch um die echte Wahl zu haben, nicht nur geistige Freiheit, sondern auch die materielle Freiheit zu kündigen und etwas anderes zu tun.

- Open Source bezieht sich auf offene Quellcodes bei Software. Sie meinen damit aber gemeinschaftlichen Besitz an Ideen, freies Wissen?

Man könnte Wissen einfach als kulturelles Erbe betrachten. Wie backt man Brot? Wie ätzt man Computerchips? Kultur heisst Wissen zu teilen, zu verbreiten und weiter zu entwickeln. Würde die Natur ihre frisch mutierten Gene nur gegen Gebühren weitergeben gäbe es keine Evolution.

-Was hiesse freies Wissen denn im Alltag? Z.B. für ein Werbeunternehmen, dass vom Verkauf seiner Idee lebt.

Hier geht es um die wirtschaftliche Unterscheidung zwischen Wissen und Können. Das Können einen konkreten Auftrag umzusetzen würde weiterhin bezahlt. Das Wissen welches dabei entstünde, sollte dem Nächsten sinnvollerweise aber nicht vorenthalten bleiben.

-Welcher Anteil der Wertschöpfung der Wirtschaft wäre von Ihrer Idee betroffen?

Das Wirtschaftssystem ist komplett betroffen weil alles zusammenhängt. Jedoch würde sich Vieles in eine sehr interessante, produktivere Richtung verschieben. Vor allem deswegen, weil der menschliche Kern des Wirtschaftens, das kreative Arbeiten von vielen Hindernissen befreit würde.

-Ist Ihr Vorschlag sozialistisch oder kapitalistisch?


Die zwei Systeme sind für mich wie Mann und Frau. Beide müssen sich ergänzen und für eine Informationsgesellschaft weiterentwickelt werden. Viel weiter.

-Was ist die Natur des Menschen in Ihren Augen? Ist er ein fauler Nutzenmaximierer oder ist von sich aus produktiv?

Natürlich beides. Kinder z.B. wollen einfach etwas tun, vom ersten Tag an. Arbeitslose sind über das Nichts-tun unglücklich obwohl sie Einkommen erhalten. Man möchte also etwas tun. Aber etwas, das Sinn macht. Doch auf die bequemste Art und Weise. Dies herauszufinden ist ja gerade das Lustige beim Arbeiten.

-Kann das bedingungslose Grundeinkommen in Verbindung mit Nationalstaaten überhaupt funktionieren? Würde ein einzelnes Land das Grundeinkommen bedingungslos auszahlen, würde jeder dem dieses System nützte in dieses Land ziehen. Müsste der Staat das Grundeinkommen dann nicht auf Staatsbürger beschränken? Was wäre mit den Nicht-beteiligten Einwohnern eines Landes? Dadurch entstünde doch eine Klassengesellschaft?

Das ist eine schwierige Frage zu der praktische Antworten gefunden werden müssen. Sie zeigt auch, dass ein solches System nicht einfach mal im Kleinen begonnen werden kann sondern nur im grossen Rahmen Sinn macht. Das heisst, die nächste Aufgabe ist es, Modelle zu entwerfen und vorurteilslos theoretische Arbeit zu leisten. Und dann braucht es mutige Entscheidungen. Island wäre ein derzeit ein hervorragender Testfall. Oder man könnte hier in der Schweiz eine Volksabstimmung durchführen. Die Dimension der Entscheidung erinnert mich an Situationen im 19. Jahrhundert, den Moment, als die Sklaverei abgeschafft wurde. Das hatten wir schon länger nicht mehr.

-Würde das Einführen von Freiem Wissen einer Verpflichtung gleichkommen, alle Ideen immer allen preis zu geben?

„Eigentum“ ist kein Naturgesetz sondern ein Rechtstitel, d.h. eine kulturelle Erfindung. Die Frage ist also, welche Dinge „eigentumsfähig“ sein sollen. Das muss ständig neu definiert werden. Früher zählten zum Beispiel auch Menschen, also Sklaven zum Eigentum. Das wurde abgeschafft. Dafür wurden in den letzten Jahrzehnten Eigentumstitel auf biologische und physikalische Entdeckungen vergeben. Das ist neu und ich meine katastrophal. Diese Gebiete sind wirtschaftlich wesentlich relevanter als das Downloaden von Musik oder Software, aber weniger sichtbar.

-Das jetzige Urheberrechtsystem ist doch klasse: Jeder kann jede Idee freigeben, wenn er will. Darüber hinaus hat er die Freiheit, für sich zu reservieren, was ihm zusteht: Patente etc. Würde Ihr Vorschlag diese Möglichkeiten nehmen, wäre die Freiheit des Einzelnen geringer. Ist Ihr System unliberal?

So frei ist das gar nicht derzeit. Wer z.B. Mitglied bei der GEMA ist, darf nicht mehr unter Creativ Commons [einem flexibleren Urheberrechtssystem; d. Red.] veröffentlichen. Wer an der Universität oder in Firmen forscht, unterliegt strikten Regeln.

-Wer steht hinter der Idee der Kombination freien Wissens und des bedingungslosen Grundeinkommens und würden Sie davon profitieren?


Es ist nicht nur meine Idee. Am bedingungslosen Grundeinkommen und an Open Source arbeiten Viele seit langem. Ich setze mich einfach dafür ein, weil mir beides eine logische Lösung scheint, um eine nachhaltigere, lustvollere Welt zu schaffen, die auch unserer Technologie entspricht.

-Woran wird Ihre Idee scheitern?

So denke ich nicht.

-Wenn Sie für Freies Wissen sind: Gibt es ihr Buch dann kostenlos im Internet? Und darf jeder es einfach umschreiben und weiterverbreiten?

Downloaden klar. Aber gedruckte Bücher sind schöner zum Lesen. Den Text umschreiben? Nein. Aber die Ideen nehmen und selber weiterdenken – hoffentlich.

Kurztrip in die Vorhölle

Alle beneiden mich um einen Kurztrip. Ich war in der Vorhölle. Fast vor der Haustür schrien mir die Verdammten entgegen. Urlaub in der Heimat. Irre.

Hannes Grassegger

Zu Fuss durch die Sahara oder 2000 Kilometer im Fischerboot auf dem Atlantik – Migranten sind Pioniere des Extremtourismus. Die Bilder der Afrikaner auf Fuerteventura gingen um die Welt. Nach dem Rausch der Ankunft folgt das nächste Level: Das Asylverfahren. Eine Reise über innere Grenzen.

Nun bietet Limbo Travels, eine „Agentur für Grenzerfahrungen“ Asyltourismus für Einheimische. Gefühlstourismus, den Trip in den Limbo, eine Reise in den Schwebezustand, verspricht der Veranstalter. „I’m in a Limbo“, sagt man auf Englisch, wenn man unentschieden ist. In der ewigen Schwebe zwischen Glück und Leid warten die schuldlos zu Schuld gekommenen im Limbus, dem von Dante Alighieri bereisten, äussersten Kreis der Hölle.

Ich wähle eine Schnuppertour. Vier Stunden, Zürich - Kloten retour. Ausgangspunkt ist der Wartesaal des Zwischendecks im Hauptbahnhof. Der Reiseführer heisst Matto Belmondo, ein Typ mit Piratenvisage und weissem Leinenanzug. Erst kassiert er mein Handy und eine Pauschale ein. Dann den Pass. Im Gegenzug gibt er ein Mobiltelefon mit Headset sowie einen visitenkartengrossen Passersatz aus. Das Papierstück trägt meinen Namen, mein Geburtsdatum, die Nationalität, sowie eine Nummer und ein Passbild.

In der S-Bahn nach Kloten testet der Reiseleiter den Audioguide. Ein Legionärsgesang läuft über unsere Kopfhörer. „Kameraden wir haben die Welt gesehen.“

Am Flughafen steigen wir aus. Das Guideprogramm steuert uns. „Die Rolltreppe hinauf, jetzt links, stehen bleiben. Sehen sie nach oben. Kameras. Weiter. Achtung. Polizei. Weiter.“
Wir gelangen in ein verstecktes, halbdunkles Gebetszimmer. „Irgendwo hinter dieser Wand“, flüstert unsere Kopfstimme, „befindet sich der ehemalige Andachtsraum des Transit. Jetzt aber wird der Raum benötigt. Für Asylbewerber im Schnellverfahren. Diese warten eingeschlossen im Transit auf ihre Ausschaffung. Dort bewegen sie sich frei zwischen den Reisenden und leben von Gutscheinen für Duty Free Shops.“

Plötzlich hat es unser Guide eilig. Wir rennen durch das Labyrinth, Türen öffnen sich, es wird hell, atemlos stehe ich im Freien. Ein Bus bringt uns ins Industriegebiet Glattbrugg. Linker Hand Bürogebäude, rechts ein Bauernhof, nebenan Wald. Peripherie statt Reiseziel.
Wir folgen Feldwegen, staken durch Gestrüpp und gelangen zu einem wuchtigen, sechsstöckigen Plattenbau mit hohen Stacheldrahtzäunen. Belmondo verliest die Spezifikation seines Reisekataloges. Der graue Klotz ist das Flughafengefängnis und wurde 1994 ursprünglich als Untersuchungsgefängnis konzipiert. Von 214 Plätzen dienen nun 106 zur Ausschaffungshaft, unterteilt in Einzel- und Dreierzellen. Unterschiedliche Ethnien können durch Gatter getrennt werden, 73 Mitarbeiter garantieren den Service für die als Klienten bezeichneten Ausländer. Ziel der Haft ist einzig die Bereithaltung für die Ausschaffung. Einfach Warten, solange das Verfahren eben läuft. Neun Monate dürften eigentlich nicht überschritten werden.
„Warten ist eine Schande in unserer Welt, Zeichen eines niedrigen Status und bewusste Zermürbungstaktik.“ kommt es aus unseren Kopfhörern.
Plötzlich dringen Schreie aus dem Bau. „Was macht ihr hier?“, ruft eine englische Stimme, „Das ist Babylon. Du kannst eingeschlossen werden für zwei, drei Jahre. Für nichts. Illegal. Es gibt kein Menschenrecht in der Schweiz.“ „Sie schubsen uns, fesseln uns, mit Gewalt. Das ist hässlich“ ruft ein Anderer. „Das kann ja nicht wahr sein, das ist schlimm. Wir überleben. Wir werden überleben.“ Ich denke an Dantes Reise, die Schreie der Verdammten. „12 Monate. Für nichts“ klagt die zweite Stimme. Dann ein heulendes Jammern. Ein sanfter Warnton erklingt und eine weibliche Stimme fordert uns auf weiterzugehen.**

Vorbei am Gefängnis zu einer angrenzenden Containersiedlung. Mein Guide räuspert sich. „Und jetzt wenden wir uns dem Rümlanger Spezialzentrum Rohr zu. Eine weitere Station für unsere Klienten. Beachten sie die Architektur. Minimal, funktional und temporär.“ Donnernd zieht ein Jet über uns hinweg. „Geniessen Sie den direkten Blick auf den Flughafen.“
Drei Trakte aus stählernen Schiffscontainern bilden ein Lager für Problemfälle unter den Asylsuchenden, etwa 50 Menschen die in irgendeiner Lücke des Asylverfahrens feststecken. Ausschaffung oder Glücksfall; räumlich unterteilt in Afrikaner, Araber und Leute aus der GUS. Ein einziger schaffte es einst von hier aus legal in die Schweiz, erzählt unser Audioguide.

Aus einem Fenster winkt uns ein Mann zu. Er lädt uns ein, hereinzukommen, doch eine Aufpasserin hält uns auf. Er fordert unsere Ausweise als Pfand. Erstaunt betrachtet der Angestellte unsere Ersatzpapiere, doch er nickt und lässt uns hinein.
Der Asylantenbehälter ist aufgeräumt, Putzpläne hängen an der Wand. Die Decken sind niedrig, Flugzeuglärm erschüttert das Provisorium. Unser Gastgeber Jonas* bittet uns in den Gemeinschaftsraum. Ein Tisch mit Sofaecke und Fernseher, ein Hiphop Video läuft. Er serviert Limbo-Spezialitäten, Nèscafé und Kochbananen. Sudan sei seine Heimat, er sei seit drei Jahren in der Schweiz im Verfahren. Er zeigt uns seine Identitätskarte, die genau aussieht wie mein Passersatz. Im Heim sei er neu. Es herrsche permanenter Ausnahmezustand. Alle seien gestresst, einige psychisch gestört. Die Kontrolle, die Ungewissheit, das ewige Warten. Hinter Jonas schleicht eine Frau vorbei. Die Einzige hier, flüstert er. Am schlimmsten sei das Dynamisierungsverfahren. Seit neuestem müssten abgewiesene Asylbewerber sich alle sieben Tage in Zürich immer wieder neu um eine Bleibe bewerben. Wohl damit man rastlos bleibe, vereinsame und aufgebe. Einige „7-Täger“ hätten Rayonverbot und dürften Zürich nicht betreten, für die Bewerbung müssten sie aber in die Stadt und machten sich somit kriminell. Qualvoll sei auch, dass man nicht arbeiten könne. Er habe 17,50 in Bar pro Woche, sonst nur Gutscheine. Man warte und warte, jeden Tag könnte man abgeholt werden, in der Heimat erwarte einige die Hölle.

Wir müssen weiter. Nur jede Stunde fährt hier wo, Fuchs und Hase sich Gute Nacht sagen, der Bus. Wir haben ihn verpasst. Ratlos stehen wir am Strassenrand.

Da hält ein Wagen, der Fahrer bietet an uns mitzunehmen. Auf der Fahrt unterhalten wir uns. Ich sei Tourist, erkläre ich. Auch er reise gerne, meint der Fahrer schmunzelnd, mehrmals im Jahr nach Asien. Gerade sei er wieder auf dem Sprung nach Bangkok. Mit Schweizer Pass hätte man sich früher sogar immer wieder etwas dazu verdienen können. Oft hätte er Angebote erhalten, Gratisflug und Aufenthalt inklusive. Man hätte nur mit Fremden gemeinsam durch die Passstellen der Flughäfen gemusst. Migranten mit gefälschten Papieren, die sich in Begleitung sicherer fühlten beim Grenzübertritt. Er sehe sich da eher als Helfer. Schliesslich dürfe jeder gehen, wohin er wolle. Das sei Menschenrecht.

An der Ecke Lang/Militärstrasse werden wir abgesetzt. Unser Guide muss dringend etwas erledigen. Er verschwindet. Wir warten. Auf unsre Pässe.


(Anmerkung: Dieser Text wurde im Herbst 2007 im Auftrag des Schweizer Magazin verfasst aber nicht abgedruckt. Merci Finn.)

*Offizielle Identität der Redaktion bekannt
** Video Mitschnitt geplant unter www.dasmagazin.ch

Kasten:

Der Reiseveranstalter, Schauspieler und Performancekünstler Andalus, 36, studierte Neue Medien in Zürich und Schauspiel in Bern. Als DJ heisst er Andaloop, als Tourguide Matto Belmondo. Limbo Travels entstand im Rahmen seiner Diplomarbeit an der HGKZ. Touren sind ab Oktober nur im Netz buchbar. Für den Limbo Man, einen Doppeltriathlon von Marokko nach Gibraltar würde Liniger gerne Ernesto Bertarelli als Sponsor gewinnen. Informationen unter www.limbolife.org

Mittwoch, 17. Dezember 2008

Arthur Russell

Ca. 1981

Ein Film und eine neue CD stellen den musikalischen Avantgardisten Arthur Russell als Pop- und Folksänger vor.

Von Hannes Grassegger

Langsam erkennt die Welt, was sie an Arthur Russell gehabt hat, dem 1952 geborenen und 1992 an Aids verstorbenen Cellisten. Seit ein paar Jahren wird dieser Musiker neu entdeckt, der in den 70er Jahren indische und klassische Musik studierte, der in der Avantgarde wie in der Disco verkehrte und der in seinen leichtfüssigen Kompositionen die Songwriter-Tradition mit Neuer Musik verband. Man sieht im Amerikaner den Missing Link zwischen Avantgarde und Disco, und Kritiker vergleichen seine Bedeutung mit der von Brian Eno.

Jetzt könnte auch ein breiteres Publikum auf Arthur Russell aufmerksam werden: Der Film «Wild Combination», eben auf DVD erschienen, erzählt sein Leben, und die CD «Love Is Overtaking Me» zeigt eine neue, unbekannte Seite dieses Künstlers - den Popmusiker und Singer/Songwriter.

Late 80ies

Todkrank, manisch komponierend

Im Dokumentarfilm des jungen Regisseurs Matt Wolf wird Arthur Russell erstmals überblickartig porträtiert. Streng chronologisch, wie das bei diesem komplizierten Lebensweg kaum anders möglich scheint, stellt Wolf den Weg Russells vom Landei zum gefeierten Discoproduzenten dar - und zum halbvergessen dahinsiechenden, manisch komponierenden Aidspatienten. Sein Lebenspartner Tom Lee, aber auch der Dichter Allen Ginsberg oder der Komponist Philip Glass bieten Einblicke in das Leben des homosexuellen Aussenseiters, der nach seiner Flucht aus der ländlichen Provinz in San Francisco einer buddhistischen Sekte beitrat und diese verliess, um mit Ginsberg zu musizieren. Der 1973 mit dem Traum, Pophits zu schreiben, nach New York zog, dort musikalischer Leiter des Avantgardelaboratoriums The Kitchen wurde und dann sein Herz ans Nachtleben verlor.

Schöne Aufnahmen der Partys im The Loft machen verständlich, wie der an serieller Musik geschulte Russell in New Yorks monotonen Rhythmen und blühender Gay Community vieles von dem fand, wonach er immer gesucht hatte. Seine chaotischen, hippiesk improvisierten Aufnahmesessions mit einigen der berühmtesten New Yorker Discogrössen - Nicky Siano, Larry Levan, die Ingram Brothers - brachten Disconummern hervor, für deren Originale die Sammler heute Hunderte von Dollars hinblättern.

Countryboy

Der Avantgardist als Popsänger

Spätere Soloprojekte zeigen eine andere Seite. Hier lässt Russell seinen zwischen brüchigem Falsett und flächigem Tenor wechselnden Gesang einzig durch die abstrakte Rhythmik seines im Pizzicato gespielten Cellos begleiten, selten ergänzt durch Schlagzeugcomputer.

Der Film zeigt wenig, was man über Arthur Russell noch nicht gewusst hat. Er ist für Einsteiger aber eine gute Gelegenheit, diesen musikalischen Einzelgänger kennen zu lernen. Auch für Kenner eine Entdeckung ist aber der Popmusiker Arthur Russell: «Wild Combination» präsentiert bisher unveröffentlichte Folk-, New-Wave- und Country-Nummern aus Russells Nachlass, die durch Eingängigkeit und kompositorische Eleganz bestechen.

Diesen Russell, der an der Gitarre über Gott und Girls (!) singt, den kannte man noch nicht. Seine Dreiminutensongs sind auch auf der neusten CD auf Audika greifbar, auf jenem Label, das eigens zur Veröffentlichung des Russell-Nachlasses gegründet worden ist: «Love Is Overtaking Me» ist eine sehr empfehlenswerte Sammlung in teilweise begrenzter Aufnahmequalität. Aber so klingt es halt, wenn man aus dem Grab heraus Pophits veröffentlicht.

Wild Combination: A Portrait of Arthur Russell. Regie: Matt Wolf (Plexifilms).

Arthur Russell: Love Is Overtaking Me (Audika).

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