Thora im Boardroom

1357627837_f377d40a61 Aaron Raskin (left) blowing the Shofar in front of some boardroom

Discussing applicability and usefulness of jewish law on business life with Thomas David Zweifel, author on management & leadership theory and Rav Aaron Raskin from Chabad Lubawitsch, Brooklyn Heights for the Financial Times Germany.


„Gott ist im Boardroom“

Ein New Yorker Rabbiner und ein Schweizer Management Professor behaupten in den Zehn Geboten die Regeln für erfolgreiches Wirtschaften entdeckt zu haben.

Mit Aaron L. Raskin (ALR), 44 und Thomas D. Zweifel (TDZ), 50, sprach Hannes Grassegger (Q).

Q: Rabbi Raskin, Dr. Zweifel. Sie haben Torah, Kabbalah und Talmud nach Leadership-Strategien für die Geschäftswelt durchforstet. Was können denn Führungskräfte von den Zehn Geboten lernen?

TDZ: Kennen Sie den Witz, wo der Rabbi ein Ehepaar fragt, ob sie eigentlich die Zehn Gebote befolgen? Der Mann antwortet: „Aber natürlich! Meine Frau befolgt sechs, ich vier.“ Spass beiseite: Die Zehn Gebote bieten Werkzeuge, mit denen sich jedes Führungsproblem im 21. Jahrhundert knacken lässt. Letzten Endes geht es darum, was Führungskräfte auszeichnet: Wie man aus sauren Zitronen Limonade macht.

ALR: Schon die ersten vier Gebote liefern Antworten auf wesentliche Fragen: Wie bewahre ich den ethischen Kompass, wenn ich vor einem moralischen Dilemma stehe? Wie bewahre ich Überblick, wie mobilisiere ich Mitarbeiter? Wie verhindert man Drumherum-Gerede in Meetings? Wie unterscheiden Sie Dringliches von Wichtigem? Und: Wie polt man Gejammer in Engagement um?

Q: Was haben denn die zehn Gebote mit Gejammer und Engagement zu tun?

TDZ: Der Fokus auf Kommunikation kommt aus dem Dritten Gebot: Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen. Laut Torah schuf Gott die Welt in zehn Sätzen. Und Menschen sind Ebenbilder Gottes. Sie können mit Worten Realitäten schaffen. Wer leichtfertig jammert: mein Team ist nicht engagiert, der muss aufpassen. Denn er erschafft so Wirklichkeiten.

Q: Wenn ich aber gar nicht an Gott und die Zehn Gebote glaube?

TDZ: Es geht nicht um Religion. Es geht um ethische Entscheidungsgrundlagen und um Tools, die einer Minderheit von 0,2 Prozent der Weltbevölkerung 17 Prozent aller Nobelpreise in Naturwissenschaften und Medizin und 11 Prozent der für Physik einbrachten. Da scheint etwas sehr Nützliches vorzuliegen.

ALR: Das Buch hat ja die letzten 3300 Jahre gut funktioniert. Egal welche Kultur, welches Land, Juden von China bis zu den USA folgen der Torah und sind erfolgreich.

Q: Was für Tools fanden Sie denn so für Manager und Unternehmensführer?

TDZ: Beispielsweise Gebot Nummer sechs, Du sollst nicht morden, übersetzen wir in Anger Management: die Bibel birgt wertvolle Geschichten und Hinweise, wie man konstruktiv mit negativen Gefühlen umgehen kann. Nummer fünf: Ehre Deine Eltern. Wir übersetzen das als: die Wertschätzung jedes Mitarbeiters ist ein kraftvolles Management-Instrument, das sowohl Dich als auch das Gegenüber stärker macht und in die gewünschte Zukunft führt. Oder das Neunte Gebot, das befiehlt, kein falsches Zeugnis abzulegen, also auch—und gerade—die schlechten Neuigkeiten zu kommunizieren. Das ist ja in einigen Banken nicht passiert, was nicht zuletzt zur Finanzkrise führte. Aber nur so kann man Pannen in Durchbrüche verwandeln.

Q: Leadership by Torah? Herr Zweifel, befürchten Sie nicht, ihre Kollegen an der Hochschule Sankt Gallen werden Sie schief anschauen?

TDZ: Gar nicht. Meine Kollegen wissen, dass wir in einer Führungskrise stecken. Wir brauchen ein radikales Umdenken. Radikal heisst: zurück zu den Wurzeln.

Q: Was ist eigentlich jüdisch gedachtes Leadership? Das Judentum kennt ja kein Oberhaupt, keine Führerschaft.

TDZ: Ja, das Judentum hat keine menschliche oberste Instanz. Jeder muss seinen Weg finden und für sich selbst entscheiden. Also gilt: zwei Juden, drei Meinungen. Dass heisst aber nicht, keine Führerschaft. Im Gegenteil, es herrscht Wettkampf um Führung.

ALR: Gutes Leadership heisst beispielhaft vorangehen.

TDZ: Führungsqualität zeichnet sich durch effektive, wertschöpfende Kommunikation aus, durch die andere ihre Ziele erreichen können.

Q: Trafen Sie sich mit dem Plan, ein Management-Buch zu verfassen?

TDZ: Nein. Rabbi Raskin und ich lernten uns an einer Parkbank am Hudson River kennen. Am 12. September 2011, ich hatte am Vortag die Flugzeuge in die Türme rasen sehen. Überall flogen Dokumente und Verträge herum. Wir kamen ins Gespräch. Ich fing an Samstags die Synagoge zu besuchen. Monate später kam ich dann mit einer Idee auf ihn zu, die ich seit Jahren hatte: Ein Buch zu Leadership und Judentum.

Q: „Der Rabbi und der CEO“ beginnt damit, dass Moses einen Ägypter tötet. Ihr Erstes Gebot lautet: Übernehmen Sie Verantwortung. Moses übernimmt Verantwortung für das Leben eines Sklaven, und bricht gleichzeitig das Siebte Gebot, nicht zu töten. Machen ihre Gebote das Leben kompliziert?

ALR: Das Gebot lautet, du sollst nicht morden. Töten ist erlaubt. Moses tötete den Ägypter, weil er dabei war, einen Sklaven zu ermorden. Das war Nothilfe. Moses gehörte zum ägyptischen Establishment, aber war ein Mann mit Moral. Er wusste um die Konsequenzen, musste aber eingreifen zugunsten des Underdog. Das ist der erste Schritt zu Leadership: Wissen, was richtig ist. Und dann so handeln.

TDZ: Dilemmata sind die Herausforderung für Führungskräfte. Wenn man wie Moses mit einem ethischen Dilemma konfrontiert ist, gilt es Verantwortung zu übernehmen. Das kann im schlimmsten Fall Leben kosten. Präsidenten, die Soldaten in den Krieg schicken, kennen das. Die Zehn Gebote bieten eine Struktur, die erlaubt, Werte zu priorisieren.

Q: In Ihrem Buch ergänzen Sie die Zehn Gebote, formulieren sie um. Ist das nicht Frevel?

ALR: Wenn wir nicht in der Lage sind, die Torah auf unser jetziges Alltagsleben anzuwenden, dann ist die Torah tot. Weil Gott und die Torah leben, müssen wir auch in der Lage sein, die Torah anzuwenden und eine praktische Message rauszuholen.

Q: Warum gibt ein Rabbi wie Sie, der doch die Aufgabe hat, sich nur um Juden zu kümmern, eigentlich Gebote für Nichtjuden?

ALR: Gott trug Moses am Berg Sinai auf, die Torah in 70 Sprachen zu übersetzen. Die Message der Torah ist universell. Und das ist auch der Job eines Rabbis und eigentlich aller Juden: nicht einfach nur die eigenen Leute schützen, sondern ein Licht zu sein für alle anderen. Wissen teilen. Das soll nicht arrogant klingen. Wir haben ein Geschenk erhalten und sollten es teilen.

Q: Rabbi, was ist eigentlich ihr Management-Background?

ALR: Ich habe eine Frau und sechs Kinder, ich manage eine Synagoge mit 500 Mitgliedern und eine Vorschule mit 120 Schülern. Für uns arbeiten mehr als 50. Dazu bin ich der Rabbi für sieben Colleges und mache Seniorenarbeit. Das erfordert Management-Technik.

TDZ: Eigentlich begann unsere Zusammenarbeit, als ich dem Rabbi Leadership-Coaching gab. Und er coachte mich in meinem Leben.

Q: Welche Tipps kamen denn von Dr. Zweifel?

ALR: Thomas’ erste Lehre war, den Schreibtisch zu organisieren. Die zweite, sich nicht bei einer Priorität unterbrechen zu lassen. Grad kam jemand rein—ich hab ihn wieder rausgeschickt. Bin ja im Interview.

TDZ: Ich lernte vom Rabbi, mehr Mensch zu sein im Geschäftsleben.

Q: Zeitmangel bei Komplexität, das ist die grösste Restriktion für Entscheidungsträger. Inwiefern hilft mir ihr Buch, schneller richtige Entscheidungen zu finden?

TDZ: In Kapitel vier geben wir ganz spezifische Hinweise wie man Nein sagt. Jeden Sonntag Abend sehe ich mir die Top-Prioritäten der kommenden Woche an und sage Nein zu allen möglichen anderen Tätigkeiten. Manager, die nicht Nein sagen können, sind keine Führungskräfte, sondern Spielbälle der Umstände.

Q: Religion und Wirtschaft vereinen - ist das nicht ein Rückschritt? Seit der Aufklärung trennt man, die Bereiche. Wie man am steigenden Wohlstand weltweit sehen kann, eine erfolgreiche Idee.

TDZ: Eigentlich geht nur Kapitel sieben, Integrität, um moralische Regeln. Kapitel drei zum Beispiel behandelt Kommunikation. Das Gebot, den Namen des Allmächtigen nicht vergeblich auszusprechen, übersetzen wir als: Du kannst durch bewusste Sprache, mit wirksamen Worten die gewünschte Welt erschaffen. Das hat nichts mit Moral zu tun.

Q: Werden manche Regeln für Andersgläubige unerfüllbar sein?

ALR: Unser Buch ist für alle. Nichts in diesem Buch wertet andere Religionen ab. Ein Beispiel: das vierte Gebot geht darum, am Shabbat zu ruhen. Die Message ist: jeder Mensch muss abschalten, das Handy ausmachen, sich um die Familie und das Wesentliche kümmern. Es gibt mehr im Leben als Geld verdienen. Es geht darum, Gutes zu tun. Und das wollen wir vermitteln im Buch. Damit irgendwann Friede herrscht, kein Leiden mehr ist im Nahen Osten, alle Nationen miteinander Geschäfte machen können.

Q: Wenn es nicht nur um Geld geht, wie definieren Sie Erfolg?

ALR: Alles hängt mit allem zusammen. Letzten Endes dreht es sich darum, komplett zu sein, integer. Unser Buch ist ein Buch über Leadership. Und das beginnt bei einem selber. Wer ist stark? Nicht Schwarzenegger, denn er konnte seinen Appetit nicht zügeln. Stark ist jener, der es schafft, ein Leben zu bilden, das Familie und Geschäft integriert. Viele glauben, wenn sie in der Synagoge, Moschee oder Kirche beten, sie seien Gott nahe. Zurück im Geschäft denken sie, nur durch Geschwindigkeit oder das Überwinden anderer erfolgreich sein zu können. Viele glauben, Gott wäre beschränkt auf die Spiritualität oder den Himmel. Aber Gott ist wirklich überall. Im Bett, in der Küche. Im Boardroom.

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